Arno Geiger: Unter der Drachenwand; Montage: rbb
Carl Hanser Verlag
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Roman - Arno Geiger: "Unter der Drachenwand"

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Arno Geigers Buch über das Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein seltsam geräuschloser Roman geworden, in den der Kriegslärm nur gedämpft und ganz von ferne hereindringt.

Romane über das Ende des Zweiten Weltkriegs haben seit einiger Zeit Konjunktur. Den Anfang machte 2015 die Wiederentdeckung der 1947 erstmals erschienen dokumentarischen Roman-Chronik von Heinz Rein "Finale in Berlin" über die Leiden der Zivilbevölkerung in den letzten beiden Kriegswochen im untergehenden Berlin, vor der Kapitulation am 2. Mai 1945. Im selben Jahr erschien auch Ralf Rothmanns Roman "Im Frühling sterben" über zwei zur Waffen-SS zwangsrekrutierte 17-jährige Freunde, die im Frühjahr 1945 den Vormarsch der Roten Armee in Ungarn aufhalten helfen sollen und in ein grausames Dilemma geraten.

Demnächst erscheint als sozusagen ziviles Gegenstück dazu Ralf Rothmanns Roman "Der Gott jenes Sommers", in dem die chaotische Wirrnis der letzten Kriegswochen aus der Sicht eines evakuierten zwölfjährigen Mädchens auf einem norddeutschen Bauernhof erzählt wird. In seiner jüngsten Erzählung "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war" macht auch Paulus Hochgatterer ein evakuiertes kleines Mädchen auf einem (diesfalls niederösterreichischen) Bauernhof zur Erzählerin der letzten Kriegswochen. Und Hans Pleschinski erzählt in seinem Roman "Wiesenstein" das Kriegsende aus der Perspektive des greisen Gerhart Hauptmann.

Was diese Geschichten miteinander gemein haben, ist der Erzählgestus, in dem sich Romanfiktion mit historischer Dokumentation mischt: Die bezeugten Erlebnisse und Erinnerungen realer Menschen sind in die Romanhandlung eingearbeitet. Überdies: Der Fokus liegt vornehmlich auf den Leiden von Zivilisten, von "kleinen Leuten", die einen verbrecherischen Krieg nur noch überleben wollen, ohne genauer über ihn – und ihre eigene Rolle darin – nachzudenken. Die Atmosphäre kurz vor Kriegsende wird veranschaulicht an individuellen Schicksalen von Durchschnittsmenschen, die vom historischen Groß-Geschehen geprägt und bestimmt werden, ohne es durchschauen zu können (oder zu wollen).

In diese mehrfach erfolgreich erprobten Erzählmuster klinkt sich "Unter der Drachenwand", der neue Roman des 50-jährigen Österreichers Arno Geiger, passgenau ein. Wie aus den Nachbemerkungen des Autors hervorgeht, erzählt er hier die Schicksale einer Handvoll dokumentarisch beglaubigter Zeitgenossen, Zivilisten und Soldaten, auf Basis von deren Tagebüchern und Briefen, ergänzt durch eigene Recherchen und narrative Fantasie.

Eine bedrohte Transitzone und einer unsicheren Zwischenzeit

Die erzählte Zeit ist das Jahr 1944. Der Krieg ist verloren, wütet aber weiter. Die Menschen sind kriegsmüde, erschöpft und elend und sehnen das Ende herbei, machen aber dennoch widerstandslos weiter mit, teils fanatisch verbohrt, teils eingeschüchtert und abgestumpft, erschlafft und ausgelaugt vom täglichen Kampf ums Überleben.

Hauptschauplatz des Romans ist der kleine Ort Mondsee am gleichnamigen See im österreichischen Salzkammergut, am Fuße der Drachenwand, die den Menschen, die sich hierher geflüchtet haben, immer mehr wie ein "gereckter Schädel" erscheint, "der mit leeren Augen auf die Landschaft herabstierte". Diesem permanenten Memento-mori-Bild zum Trotz stellt sich Mondsee als vergleichsweise friedliches Hinterland im Windschatten der Kämpfe anderswo dar, das von den nordwärts peilenden alliierten Bombengeschwadern nur überflogen wird. Immerhin haben die Menschen hier noch genug zu essen und ein unbeschädigtes Dach überm Kopf. Gleichwohl leben sie in einer bedrohten Transitzone und einer unsicheren Zwischenzeit unter der auch metaphorisch gemeinten Drachenwand des Krieges. Dennoch: "Was kann es Besseres geben, als am Leben zu bleiben?"

Geflüchtete, Evakuierte und Gestrandete

Der Ort wimmelt von Geflüchteten, Evakuierten und Gestrandeten. Eine ganze Klasse von 13-jährigen Hauptschülerinnen ist samt ihrer Lehrerin aus Wien hierher evakuiert worden; bald kommen auch vertriebene Volksdeutsche aus dem Banat samt ihren Langhornrindern hinzu; Margot, eine junge Soldatenfrau aus Darmstadt, wartet hier mit ihrem Neugeborenen das Kriegsende ab; den "Brasilianer", einen ausgewanderten Mondseer, hat der Kriegsausbruch beim Besuch in der alten Heimat überrascht, und der Krieg hält ihn hier gegen seinen Willen fest; und der an der Ostfront schwer verwundete Soldat Veit Kolbe aus Wien kuriert hier seine Schrapnell-Wunden und sein Russland-Trauma aus. Seine Kriegserlebnisse haben ihn neurotisiert. Er laboriert an Angstattacken und schlotternden Nervenanfällen, die ihn mit Sturzwellen von Schreckensbildern von der Front überfluten. Doch auch ihn erfüllt das Grundgefühl: "Nichts zählte, außer dass ich am Leben war."

Sprachlich reizlos, flau und matt

Kolbe ist die Hauptfigur, ein labiler, kraftlos, schlaff und träge vor sich hin brütender junger Mann aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Aus seiner personalen Sicht wird ein Großteil des Romans erzählt, sein Erzählton bestimmt das narrative Timbre des Romans, und dies nicht nur zu dessen Vorteil. Denn Kolbes prosaisches Ausdrucksvermögen ist ebenso eingeschränkt wie sein politischer Durchblick. Dass er das Nazi-Regime nur sarkastisch seinen "Dienstgeber" nennt, ist bereits das Äußerste an politischer Widerspenstigkeit, das er sich leistet. Seine selbstreflexiven Möglichkeiten sind auf dumpfes Klagen begrenzt, und das liest sich auf die Dauer sprachlich reizlos, flau und matt. Nicht einmal die erwachende Liebe zu der Darmstädterin Margot sorgt für mehr sprachliche Beschwingtheit.

Hauptsächlich hadert Kolbe mit den fünf verlorenen Jugendjahren, um die ihn der Krieg betrogen hat. Bei missmutigen Elternbesuchen in Wien ärgert er sich still über die Verbohrtheit seines Nazi-Vaters, der immer noch vom Endsieg schwadroniert. Widerwillig hört er zu, ohne aber die Konfrontation mit dem Vater zu riskieren und ohne sich selbst zu einer schlüssigen Haltung durchringen zu können. Dass Kolbe mal Dantes Inferno als Vergleich heranzieht, wirkt ebenso unstimmig und inkonsistent wie der Mord, zu dem er sich schließlich eher unmotiviert aufrafft. Die Tat bleibt denn auch folgenlos und scheint in Kolbes Seele keine Spuren zu hinterlassen.

Reale Kriegsschrecken an anderen Orten

Den Kontrast zum Mondseer Dauer-Provisorium im Windschatten des Krieges bilden die Kapitel, die in Wien, Darmstadt und Budapest spielen und die realen Kriegsschrecken widerspiegeln, wie sie von Zeitzeugen vor Ort aktuell erlebt und erlitten wurden. Arno Geiger erteilt hier anderen Sprechern das Wort – einem schwärmerisch verliebten Wiener Gymnasiasten, der als 17-Jähriger noch auf den letzten Drücker eingezogen wird, und der Mutter Margots, die in verstörten Briefen vom Feuersturm der Alliierten berichtet, der im September 1944 Darmstadt in Schutt und Asche legte und 20.000 Menschen tötete. Aus den chaotischen Wiederholungsschleifen dieser Briefe spricht das ganze verwirrte Entsetzen der Briefschreiberin, die unter Schock steht und außerstande ist, das, was den Deutschen hier widerfährt, mit der deutschen Politik ursächlich kurzzuschließen.

Am beklemmendsten lesen sich die Kapitel, in denen der jüdische Wiener Zahnarzt Oskar Meyer einer Cousine in Südafrika von den Wienern erzählt, die als herzlose Gaffer der Not und dem Abtransport ihrer jüdischen Nachbarn zusehen. Ihr berichtet er auch von seinen immer hoffnungsloseren Versuchen, sich und seine Familie ins Ausland zu retten. Zu seinem Unglück wählt er nach dem Scheitern aller Auswanderungsversuche nach Übersee Budapest als Zufluchtsort: Weder er noch seine Frau und sein Söhnchen entgehen dem Holocaust.

Ambivalentes Panorama vom Verhalten einiger Durchschnittsfiguren

So liefert "Unter der Drachenwand" letztlich ein ambivalentes Panorama vom Verhalten einiger Durchschnittsfiguren, die auf das Kriegsgeschehen erwartbar durchschnittlich reagieren – stumpf angepasst oder zynisch, dumpf duldend oder willfährig, verblendet, verbissen, benommen, geduckt oder verzweifelt mutlos. Keine der Romanfiguren, mit Ausnahme des Brasilianers, ist zu einer Ursache-Wirkung-Analyse imstande, willens oder bereit. Es ist ein seltsam geräuschloser Roman geworden, in den der Kriegslärm nur gedämpft und ganz von ferne hereindringt. Völlig ausgeblendet ist das doch allgegenwärtige Radiogekreisch der Durchhalte-Propaganda der letzten Kriegsmonate. Niemand in Mondsee scheint Radio zu hören, und Feindsender schon gar nicht. Der einzige, der Laut gibt und im Wirtshaus eine kritische Lippe riskiert, ist der Brasilianer. Und das kostet ihn fast das Leben.

Sigrid Löffler, kulturradio

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