Bernhard Schlink: Olga
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Roman - Bernhard Schlink: "Olga"

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Eigentlich ist Bernhard Schlink Jurist. Er hat einschlägige Fachbücher verfasst, arbeitete als Richter und hatte lange Zeit an der Berliner Humboldt-Universität einen Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie. Irgendwann begann er, quasi in der Freizeit, Kriminalromane zu schreiben.

Und schließlich landete er mit "Der Vorleser" 1995 einen internationalen Bestseller. Seither gehört der in Berlin und New York lebende Autor zu den renommiertesten Schriftstellern deutscher Zunge. Heute (am 12. Januar) erscheint ein neuer Roman von Bernhard Schlink, er trägt den Titel "Olga".

Es dreht sich alles um eine Frau namens "Olga", wir verfolgen ihr Schicksal vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre hinein und lesen ihr Leben auf der Folie der politischen Umbrüche und kriegerischen Katastrophen fast eines ganzen Jahrhunderts.
Olga wird in Breslau geboren, sie stammt aus ärmlichen Verhältnissen, und nachdem ihre Eltern früh sterben, kommt zu ihrer Großmutter nach Pommern. Sie ist wissbegierig und bildungshungrig, sie wird Lehrerin, zuerst in Pommern, später in Ostpreußen. Seit ihrer Kindheit ist sie in Herbert verliebt, den Sohn eines Großgrundbesitzers und Fabrikanten. Doch die Eltern von Herbert untersagen eine Heirat mit der einfachen und viel zu emanzipieren linken jungen Frau, die sich für ihre Schüler aufopfert und sich rührend um das (angebliche) Findelkind Eik kümmert. Olga steht mit beiden Beinen im Leben, aber Herbert ist ein Rastloser, ewig Suchender, er träumt von germanischer Größe, dient als deutscher Soldat in Afrika und ist dabei, als die Hereros massakriert werden, später zieht er als Abenteurer durch die Welt, schließlich verliert sich seine Spur 1913 bei einer Expedition zum Nordpol, er wird nie wieder aus dem Eis auftauchen. Aber Olga wird ihn bis an ihr Lebensende lieben, sie wird an ihn denken, wenn Hitler an die Macht kommt, wenn ihr Findelkind Eik alle ihre Belehrungen in den Wind schießt und zum Nazi mutiert, wenn sie nach einer Krankheit ihr Gehör verliert, nach dem Ende des Krieges in den Westen flieht und sich als Näherin ein Zubrot verdient.

Olgas Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven

Sie wird von ihrem ereignisreichen Leben und ihrer vergeblichen großen Liebe einem neugierigen Zuhörer berichten: und damit sind wir dann endlich - nach 113 Seiten! - an dem Punkt angelangt, an dem sich der Erzähler zu erkennen gibt und die Geschichte der Olga noch einmal erzählt und quasi einen neuen, zweiten Roman über Olga verfasst. 

Der Erzähler berichtet die Geschichte der Olga jetzt aus seiner eigene Perspektive, bringt seine eigenen Gedanken und Gefühle ins Spiel. Vorher hatte man das seltsame Gefühl, der Erzähler blättere nur in einem alten Fotoalbum oder klicke sich - distanziert und kühl - durch eine Datenbank. Jetzt beschreibt der Erzähler, wie er Olga kennen und schätzen lernte: Er ist noch ein kleiner Junge, als die warmherzige Olga nach dem Krieg im Hause seiner Eltern ein und aus geht, sie näht dort regelmäßig die alten Kleider um und setzt sich zu ihm ans Bett, wenn er krank ist, erzählt ihm die alten Geschichten, von Pommern und Ostpreußen, von dem im Eis verschollenen Herbert und von Eik, dem missratenen Findelkind. Der Erzähler wird studieren, in eine andere Stadt umziehen, im Bildungs- und Schulministerium arbeiten und heiraten - und doch seine Olga nie vergessen. Sie treffen sich regelmäßig, unternehmen Wanderungen, immer wieder schärft Olga ihm ein, er möge nicht so "groß denken", nicht mit dem politischen Zeigefinger und mit der moralischen Keule über andere Menschen urteilen, an dem "zu großen" Denken sei nicht nur ihr Herbert sondern auch Deutschland immer wieder zugrunde gegangen, ein bisschen mehr Demut und Bescheidenheit würde allen gut tun. Dann geschieht das Unfassbare: Olga wird nachts bei einer Bomben-Explosion schwer verletzt und liegt im Sterben: die tote Olga hinterlässt beim Erzähler große Trauer und Leere und ein paar Geheimnisse, denen der Erzähler dann in einem dritten, noch einmal ganz anders erzählten Anlauf auf die Spur kommen möchte.

Vom Versuch, ein aufrechter Mensch zu bleiben

Er muss bis nach Tromsø reisen, der nördlichsten Stadt Norwegens, denn dort finden sich in einem Antiquariat die alten Briefe, die Olga von 1913 an bis in ihr hohes Alter an den Nordpol-Fahrer Herbert postlagernd nach Tromsø geschickt hat. Natürlich wusste Olga, dass Herbert irgendwo tot im Eis liegt und nie wieder nach Tromsø zurückkehren wird, aber in diesen Briefen konnte sie ihm ihre nie endende Liebe gestehen, davon erzählen, wie sie Krieg und Flucht und Neuanfang gemeistert hat, was Herbert mit Eik zu tun hat und warum sie meint, ein Bismarck-Denkmal in die Luft sprengen zu müssen. Der dritte Teil des Romans besteht einzig aus diesen Briefen, und so rundet sich, mit den Worten und Gedanken Olgas, das von vielen Seiten beleuchtete Schicksal einer Frau, die versucht hat, dem Irrsinn der Zeitläufte zu widerstehen und ein aufrechter Mensch zu bleiben.

Ein klug konstruierter, faktenreicher Roman, dem es leider an fesselnder Qualität mangelt

Schlink breitet - wieder einmal - auf wunderbare Weise ein individuelles Schicksal vor dem Hintergrund politischer Ereignisse aus, zeigt uns, wie die Furien der Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirken, dass Schuld und Sühne, Recht und Gerechtigkeit, Wunsch und Wirklichkeit sehr weite Felder sind und am ganz normalen Alltag jede noch so große Idee zu zerschellen droht. Er ist ein Großmeister der überraschenden Wendung und beweist, dass die Wahrheit nie eindeutig, sondern immer eine Frage der Perspektive ist. Andererseits wird auch - wieder einmal - deutlich, dass er allzu viele juristische Schriftsätze verfasst und allzu viele juristische Vorlesungen gehalten hat: Den Figuren mangelt es - für meinen Geschmack - an psychologischer Tiefe, seiner Sprache fehlt die literarische Raffinesse, die poetische Kraft, die epische Aura. Es ist ein klug konstruierter Roman, aber doch auch einer, der einen bei all seiner faktenreichen Materialfülle und analytischen Schärfe den Leser nicht wirklich gefangen nimmt: schade. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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