Hans-Ulrich Thamer/Barbara Schäche: Alltag in Berlin
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Sachbuch - Hans-Ulrich Thamer/Barbara Schäche: "Alltag in Berlin"

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In ihrem Bildband "Alltag in Berlin. Das 19. Jahrhundert" zeigen Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche, wie sich die Weltstadt Berlin entwickelte.

"Alltag in Berlin. Das 20. Jahrhundert" – so hieß vor 2 Jahren ein sehr erfolgreiches und opulentes Buch aus dem Elsengold Verlag. Jetzt sind die beiden Autoren in das 19. Jahrhundert eingetaucht und zeigen, wie sich die Weltstadt Berlin herausbildete. Das ist ein Riesenbilderbuch von Berlin geworden – groß und schwer ist das Buch und enthält auch wieder an die 1.000 Abbildungen.

Während es beim 20. Jahrhundert vor allem unzählige Fotos aus dem Berliner Landesarchiv waren, die ins Buch kamen, sind es nunmehr einige Fotos, denn die Fotografie fing erst an, sich durchzusetzen. Deshalb sind vor allem Gemälde, Holzstiche oder auch Lithographien zu sehen. Es ist also eine sehr umfangreiche und vielgestaltige Bildersammlung aus der Zeit von 1800 bis etwa 1914.

Dynamik durch Wechsel

Hans-Ulrich Thamer ist ein bekannter und in diesen Dingen erfahrener Historiker und hatte wieder Barbara Schäche an seiner Seite, die ehemalige Leiterin der Fotosammlung des Berliner Landesarchivs. Das bedeutet, dass diese beiden ziemlich gut wissen, wie sie mit solcher Materialfülle umgehen können.

Das Buch haben sie in 7 Kapitel gegliedert, die sich schnell erschließen, also z. B. "Menschen auf den Straßen", "Wohnen und Familie" oder auch "Gesellschaft und Kultur". Damit ist auch der Rahmen schon angedeutet. Man bewegt sich nah am Alltagsleben sowohl der normalen Leute wie auch der besseren Gesellschaft, man schaut auch in die Arbeitswelt und das Herrschaftsgebaren. 

Jedes Kapitel beginnt mit einigen ganz wenigen historischen Erläuterungen. Da dachte ich erst: Das ist aber sehr knapp gehalten und dient bestenfalls der groben Einordnung. Aber man merkt schnell: Die nachfolgenden Bilder haben jeweils gute Bildunterschriften, sind sinnvoll geordnet und so fügt sich das Geschichtsbild sehr gut sinnlich zusammen. Mir ging es so, dass gerade der Wechsel von Gemälden und Fotos eine gewisse Dynamik erzeugt.

Fortgang der Zeit

Das Kapitel "Die Sichtbarkeit der Macht" beginnt z. B. mit einem doppelseitigen farbigen Gemälde. Das zeigt den Einzug von Napoleon durchs Brandenburger Tor am 27. Oktober 1806. Nach seinen Siegen über Preußen bei Jena und Auerstedt demonstriert das Bild von Charles Menier sowohl Napoleons Macht- und Siegesbewußtsein, aber auch die Ambivalenz der Berliner Bürger, die der einziehenden Armee zwar zu winken, aber doch mit einem eher undefinierbaren Gefühl, einer Mischung aus Schmerz, Bewunderung und Neugier. Napoleon hatte dieses Bild bei seinem Militärmaler Menier in Auftrag gegeben. Aus allen Städten, in die er siegreich einmarschierte sollte es ein solches Gemälde geben.

Gerade in diesem Kapitel des Buches lässt sich der Fortgang der Zeit und der geschichtlichen Ereignisse am Wechsel der Medien sehr schön nachvollziehen. Die Aufbahrung der Märzgefallenen am 22. März 1848 geht natürlich nicht ohne Adolf Menzels wichtiges Gemälde, die siegreich nach den Deutsch-Französischen Kriegen 1871 heimkehrenden Truppen, die wiederum durchs Brandenburger Tor ziehen – zeigt den Platz und die Truppen und Tribünen schon durch eine Fotografie, aufgenommen von einem deutlich erhöhten Standort. Die rasanten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich also auch technologisch erahnen und nachvollziehen.

Man schaut nochmal rein

Das genau lässt sich auch sehr schön in anderen Themenbereichen des Buches beobachten: Der Wechsel vom Pferdeomnibus zu den neu entstehenden Bahnhöfen oder gar dem Bau der U-Bahn ist zugleich ein Wechsel in den Medien der Wiedergabe.

Das Buch blättert man nicht nur einmal durch und legt es dann beiseite. Da kann es verschiedene Momente und Fragen geben und man schaut nochmal rein, sei es, um die Ansichten bestimmter Straßenzüge und Gebäude zu sehen oder auch Einblicke in die damaligen Kneipen und Ausflugskultur zu nehmen. Insofern will ich das gar nicht unbedingt einschränken. Es könnte vielleicht auch interessant sein, es gemeinsam mit Kindern anzuschauen.

 

Danuta Görnandt, kulturradio

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