Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten
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Roman - Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

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Die Autorin lässt im späten 19. Jahrhundert Karl Marx auf Charles Darwin treffen. Was ist daran wahr und was Fiktion?

Wahr an dieser Gegenüberstellung des Begründers der modernen Evolutionstheorie mit dem Analytiker der Kapitalbewegung im Kapitalismus ist, dass sie zur gleichen Zeit in London lebten, weltweit berühmt waren und alt wurden. Und dass sie nur etwa 20 Meilen Luftlinie voneinander entfernt lebten, in und um London.

Wahr ist auch, dass Karl Marx  Darwins Hauptwerk "Die Entstehung der Arten" außerordentlich schätzte und dem Naturforscher den ersten Band seines Hauptwerkes "Das Kapital" mit Widmung geschickt hatte. Ilona Jerger, die zuerst einen Roman über Darwin schreiben wollte, fand Darwins Dankesbrief an Marx und änderte ihr Vorhaben dahingehend, darüber zu schreiben, was diese beiden Helden der Weltgeschichte miteinander zu verhandeln gehabt hätten.

Darwin und Marx

Fiktion hingegen ist, dass sich die beiden Wissenschaftler trotz der räumlichen Nähe getroffen haben. Ilona Jerger will den zeitgenössischen wie auch den wissenschaftsgeschichtlichen Disput zwischen den Ansätzen der Darwinschen und der Marxschen Theoriegebäude erneut aufeinanderprallen lassen. So lässt sie Marx über Darwin sagen, er, Darwin, hat das Jenseitsgeschwätz vom lieben Gott weggefegt und eine naturhistorische Grundlage für den Kommunismus geschaffen. Also Marx meinte, er könne Darwins Arbeit gut für seine gebrauchen.

Aber Darwin brauchte die Marxschen Arbeiten über die verderblichen Auswirkungen der Kapitalbewegungen auf die Sozialverhältnisse eher nicht. Was die beiden in Fiktion und Realität hingegen eher verband, war ihre Ablehnung von Religion: Marx sagte, Religion sei Opium fürs Volk, Religion ein Seufzer der armen Kreatur. Darwin hat wohl nie ein Wort gegen die Religion gesagt, aber der christliche Glaube war ihm gründlich verlorengegangen.

Es springt einem bei einer solchen Versuchsanordnung natürlich Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" in die Erinnerung, in dem Kehlmann die Wissenschaftler Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt ins Benehmen miteinander setzte, auch da werden biografische Bezüge vom Autor näher zueinander geführt als sie es tatsächlich waren, um eben die Darstellung von individuellen Forschertemperamenten zu diskutieren.

Die Autorin muss sich nicht absetzen von dieser Vorlage, die Größenordnung der wissenschaftlichen Betätigungsfelder von Darwin und Marx allein schafft hier Unterschiedlichkeit: Hier der Abschaffer von Gott und Gottesbegriff, da der Abschaffer der kapitalistischen Produktionsweise. Die Dimension ist grober und größer. Und das hat die Autorin gemerkt und die gröbere Struktur mit einem angemessenen lakonischen Erzzählstil versehen, mit viel Empfinden für das biografische Detail.

Hervorragende Anregung

Der literarische Wert dieser fiktiven Begegnung in Romanform liegt ganz sicher zum Einen im Anekdotischen, die vielen von der Autorin in Szene gesetzten Detail-Beschreibungen dieser beiden Jahrhundertkerle Darwin und Marx profitieren vom lakonischen Erzählstil, und der Leser hat sicher sein Vergnügen daran, die beiden Genies in ihrem von persönlichen Marotten und Tapsigkeiten gefüllten Alltag zu erleben.

Zum anderen ist das Buch natürlich durch die gründlich recherchierten Bezüge zu den Grundlinien dieser sehr unterschiedlichen Forschungen der beiden Forscher eine hervorragende Anregung, sich mit den einzelnen Werken von Darwin und Marx wieder eingehender zu befassen, damit transportiert dieser Roman spielerisch einen Bildungsgedanken, und das kann das Schlechteste nicht sein.

Salli Sallmann, kulturradio

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