Karl-Heinz Göttert: Die Orgel
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Kulturgeschichte - Karl-Heinz Göttert: "Die Orgel. Kulturgeschichte eines monumentalen Instruments."

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Vom Portativ bis zum Schwalbennest hat die Orgel vielfältige Formen ausgebildet. Ihre Geschichte reicht bis in die Antike zurück und ist eng mit Macht, Religion und Wirtschaft verknüpft, wie Karl-Heinz Göttert in seiner Kulturgeschichte der Orgel beschreibt.

Das umfassende Buch über das "monumentale Instrument" Orgel ist sehr logisch in fünf Kapitel gegliedert: Vorgeschichte, Orgelbau, Orgelbauer, Organisten und Orgelmusik. In jedem dieser Teile geht Karl-Heinz Göttert chronologisch vor, so dass die Geschichte des Instruments aus ganz verschiedenen Perspektiven geschildert wird. Überschneidungen sind dabei nicht auszuschließen, die der Autor aber geschickt aufgreift und verbindet. Hier zeigt sich sein rhetorisches Geschick - schließlich war er Literaturprofessor mit dem Spezialgebiet Rhetorik. Seine Freude an zugespitzten Formulierungen und an der Selbstdarstellung als Orgelenthusiast nimmt den historischen Schilderungen alle Trockenheit. Dazu kommen hervorragende Bilder, die eng mit dem Text korrespondieren.

Anschauliche Darstellungen

Faszinierend ist schon die antike Vorgeschichte, aus der lediglich Berichte und Skizzen existieren. Sie belegen die Vorstellung von lauten Riesenpfeifen, die zum Beispiel bei Gladiatorenkämpfen eingesetzt wurde. Ab dem Mittelalter erscheint die Orgel als Kircheninstrument, das durch die Reformation heftig in Mitleidenschaft gezogen wird. Wie sehr die Geschichte der Orgel von dem Ehrgeiz von Städten und dem Können einzelner Orgelbauer bestimmt wird, zeigt sich bis heute. Detailliert beschreibt Karl-Heinz Göttert die Formenvielfalt, die meist auf Repräsentationsbedürfnisse – ob politisch, kirchlich oder kommerziell – zurückgeht. Auch Orgelbauerfamilien wie die von Eberhard Friedrich Walcker werden sehr anschaulich dargestellt. Wenn es Mankos gibt, dann in der Erklärung der technischen und der musikalischen Feinheiten, die aber nicht unbedingt für eine Kulturgeschichte nötig sind. Schade, dass das Register nicht sehr nutzerfreundlich ist und z.B. Frankfurt am Main und Frankfurt Oder gemeinsam unter Frankfurt verzeichnet.

Optimistische Prognose

Mit vielen Seitenaspekten verfolgt diese Kulturgeschichte der Orgel die große Linie und führt direkt bis in die Gegenwart. Sowohl der aktuelle Popstar der Orgel Cameron Carpenter als auch die Orgel der Elbphilharmonie finden Berücksichtigung. Angesichts der Verbreitung im Internet und Radio, aber auch der stilistischen Offenheit von erstklassigen Organistinnen und Organisten wagt Karl-Heinz Göttert auch eine optimistische Prognose. Das Buch bereitet bestens auf die leibhaftige Begegnung mit prächtigen Instrumenten in der ganzen Welt vor.

Dirk Hühner, kulturradio

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