Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Octave Mirbeau: "Diese verdammte Hand"

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1892 erschien das Werk erstmals als Fortsetzungsroman in der Zeitung "L'Echo de Paris". Es geht darin um den von Selbstzweifeln geplagten Maler Lucien – der unschwer die Züge eines bekannten Künstlers trägt.

Octave Mirbeau (1848 – 1917) war politischer Journalist, Schriftsteller und einer der wichtigsten Kunstkritiker seiner Zeit. Er war ein Freund von Monet, Rodin und Pissarro. Und er war – 1891 in einem großen Artikel in "L'Echo de Paris" – einer der ersten, die Vincent van Gogh als großen Künstler anerkannten.

Kurze Zeit später erschien in derselben Zeitung Mirbeaus Fortsetzungsroman "Dans le ciel" (Im Himmel). Es ist die Geschichte des Malers Lucien und des Möchtegern-Schriftstellers Georges, die, jeder auf seine Weise, an ihrem hohen künstlerischen Anspruch scheitern.

Unschwer ist in Lucien, dem sprunghaften, besessenen und leidenschaftlichen Künstler und Autodidakten, van Gogh zu erkennen: Stets kämpft er darum, das Unmögliche zu schaffen, malerischen Ausdruck für das kaum Sichtbare zu finden.

Georges dagegen ist eine sehr modern wirkende Figur: ein seltsam Unbehauster, dem die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer geldgierigen Stumpfheit und ihrem Anpassungszwang zutiefst zuwider ist, und gleichzeitig sich selbst so sehr entfremdet ist, dass er keinen künstlerischen Ausdruck finden kann. Das wenige, was er schreibt, ist viel zu explizit und schlicht – findet jedenfalls sein Freund Lucien.

Octave Mirbeau schrieb diesen Roman zu einem Zeitpunkt, als er selbst in einer tiefen privaten wie beruflichen Krise steckte: Als Autor, der dem in den großen Romanen der Zeit erfolgreichen Realismus etwas Neues entgegenzusetzen versuchte, fühlte er sich gescheitert.

Seine Skandalromane "Tagebuch einer Kammerzofe" und "Sebastien Roch" (über den sexuellen Missbrauch eines Jungen durch einen Jesuiten), genügten seinem künstlerischen Anspruch nicht mehr. Politisch hatte er sich einem sehr idealistischen Anarchismus zugewandt, der Familie, Kirche und Staat als unmenschlich ablehnte.

So ist sein Roman, den er wohl nie als Ganzes konzipiert hat, sondern Folge für Folge über mehrere Monate schrieb, eine ungewöhnliche Mischung aus anarchistischem Wutanfall, poetologischer Suche und depressiver Verstimmung. Als solche aber ist er faszinierend.

Die Figur des Lucien ist eine empathische Studie genialischer Selbstüberforderung. Und Georges, der passive Zweifler, erscheint als düstere Ikone der Selbstentfremdung. Gleichzeitig merkt man dem Text deutlich an, dass der Autor den Abstand zu beiden Figuren sucht: es ist, als würde man einen inneren Klärungsprozess verfolgen.

Kein Zweifel, Octave Mirbeau, der Anti-Klerikale und Anti-Kolonialist, Verteidiger der Moderne und genaue Beobachter gesellschaftlicher Verhältnisse, ist ein Autor, den wiederzuentdecken sich sehr lohnt.

Katharina Döbler, kulturradio

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