Ovid: "Liebeskunst"; Montage: rbb
Galiani
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Buch - Ovid: "Liebeskunst"

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Publius Ovidius Naso – besser bekannt unter dem Namen Ovid – zählt zu den großen Stars der literarischen Szene im antiken Rom. Vor allem mit seinen "Metamorphosen" hat er sich Ruhm und Ehre erworben. Doch dann spielt ihm das Schicksal einen bösen Streich.

Im Jahre 8 nach Christi schickt Kaiser Augustus den Dichter in die Verbannung, nach Tomis ans Schwarze Meer, dem damaligen Ende der Welt. Ovid, von Familie und Freunden getrennt, wird nie wieder römischen Boden betreten und wenige Jahre später einsam sterben. Ein wesentlicher Grund für seine Verbannung, heißt es bis heute, sei seine allzu freizügige Schrift über die "Liebeskunst" gewesen. Jetzt ist im Berliner Verlag Galiani die "Ars amatoria" in einer neuen deutschen Fassung erschienen.

Was Ovid hier, in drei Büchern und hunderten Versen, über die Schönheit der Liebe und die Verzückungen der Erotik erdichtet und erfindet, herbeifantasiert und ausschmückt, ist sinnlich, freizügig und offen und – unter heutigen Gesichtspunkten sicherlich auch manchmal ziemlich sexistisch – , aber nie pornografisch und nie obszön. Da konnte man bei anderen römischen Dichtern wie Catull, Horaz oder Vergil ganz andere, viel deftigere und schamlosere Dinge über sexuelle Orgien und erotische Ausschweifungen lesen.

Ovids Lehrgedicht ist voller subtiler Anspielungen auf politische Vorgänge, voller philosophischer Exkurse und literarischer Finessen. Er collagiert seine Tipps zum erfolgreichen Flirten und erholsamen Beischlaf mit einer sozialen Studie des antiken Roms und einer psychologischen Analyse römischer Sitten und Gebräuche.

Die Veröffentlichung der „Arts amatoria“ lag auch schon einige Jahre zurück, Ovid hatte schon oft öffentlich daraus vorgelesen, bevor ihn das kaiserliche Urteil traf. Ja, Augustus war sittenstreng und prüde, die zunehmende Emanzipation der Frauen in Fragen von Ehe und Familie, Politik und Sex sowie die Freizügigkeit der Kunst im Allgemeinen – all das ging dem Kaiser gegen den Strich, und an Ovid wollte er wohl ein abschreckendes Beispiel statuieren.

Außerdem hat Ovid später angedeutet, er habe "etwas gesehen", was er "nicht hätte sehen dürfen", so dass der Verdacht nahe liegt, dass Augustus den Dichter vor allem ans Ende der Welt verbannt hat, weil er Zeuge einer Intrige oder moralischen Verfehlung am kaiserlichen Hofe war und zum Schweigen gebracht werden musste.

Die drei Herausgeber der jetzt bei Galiani neu erschienenen "Liebeskunst" haben die altbewährte Übersetzung, die Wilhelm Herzberg Mitte des 19. Jahrhunderts schuf und Franz Burger 1920 verfeinerte, nur leicht verbessert und ganz vorsichtig modernisiert, im Wesentlichen aber unangetastet gelassen. Dafür aber haben sie einen gigantischen Apparat aus Kommentaren geschaffen und diese Anmerkungen um die erotischen Verse herumgesetzt.

Auf jeder Seite finden wir also – in roter Schrift – nur einige wenige Zeilen der "Liebeskunst", und darum herum – in schwarzer Schrift – wird erläutert, was es mit einzelnen Wörtern und Begriffen, mit den erwähnten römischen Göttern und griechischen Vorbildern auf sich hat, welche literarischen Größen hier gerade ironisch verspottet werden, wofür die einzelnen Bilder und Metaphern stehen usw.

Außerdem gibt es ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Register, ein kluges Nachwort und eine Zeichnung, auf der Rom zur Zeit des Augustus dargestellt ist, und auf der alle Orte und Gebäude, Tempel und vor allem: alle Theater verzeichnet sind, die in Ovids "Liebeskunst" eine wichtige Rolle spielen.

Im Theater können Mann und Frau ganz ungezwungen zusammenkommen, sich belauern und beobachten und spielerisch eine erotische Begegnung anbahnen, die sie beide dann vielleicht ins Bett, vielleicht auch in den Hafen der Ehe führen kann. Denn Ovid geht es nicht nur darum, dem Mann Hilfestellung zu geben, wie er eine Frau  anbaggern, abschleppen und erotisch stimulieren kann, sondern er versteht sich auch als Ratgeber einer gelingenden Ehe, die ohne gelingende erotische Erfüllung für ihn nicht denkbar ist.

Doch damit es soweit kommen kann, gibt es im Theater die besten Möglichkeiten der erotischen Anbahnung: Denn im Theater ist alles nur Spiel, auf der Bühne und im Publikum, und deshalb kann der Mann auch – wie die Schauspieler auf der Bühne – der als erotisches Objekt ausgeguckten Frau im Publikum etwas vorspielen, sie mit nicht allzu ernst gemeinten Komplimenten überschütten, kleine Geschenke avisieren, mit zärtlichen Worten und geistreichen Bemerkungen verzücken.

Falsche Versprechungen und geschickte Heucheleien sind für Ovid unerlässlich und auch verzeihlich: denn beide wissen ja, dass alles nur Theater und ein Spiel ist – und erst das eigentliche Liebesspiel, für das Ovid dann auch noch ein paar erotische Ratschläge parat hat, wird beweisen, ob die beiden wirklich zusammenpassen.

Wenn man nur die ersten beiden der drei miteinander verflochtenen Bücher liest, würde Ovid wohl heute unter #metoo so einige Vorwürfe zu hören bekommen. Denn dem Mann rät er, nicht nur zärtlich zu sein und geistreich zu reden, sondern auch – wenn er sich nicht anders zu helfen weiß – ein wenig Gewalt anzuwenden, um die angebetete Frau gefügig zu machen. Ja, er versteigt sich sogar zur Bemerkung, dass manche Frauen ein bisschen sexuelle Gewalt durchaus zu schätzen wüssten.

Aber ganz ernst gemeint ist auch das nicht: es ist, wie das ganze Gedicht über die Liebeskunst, nur ironisches Geflunker, theatralisches Spiel, sinnliche Provokation.

Und dann gibt es ja auch noch den dritten Teil: da nämlich rollt Ovid das ganze erotische Treiben noch einmal aus der Sicht der Frauen auf, beschreibt, wie sie sich auf ein erotisches Abenteuer vorbereiten und wie sie es genießen können, wie sie den Mann becircen und ihm etwas vorflunkern können, und wie sie den Mann in die richtige Richtung dirigieren können, um zu dem zu kommen, was für Ovid der eigentliche Sinn und das höchste Ziel der Liebeskunst ist: der gemeinsame Orgasmus. Denn wie heißt es bei Ovid so lyrisch schön:

"Gleichzeitig eilet zum Ziel! Die Wollust ist dann erst vollkommen,
wenn derselbe Moment beide besiegt und erlöst."

Frank Dietschreit, kulturradio

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