v. Schirach/Kluge: "Die Herzlichkeit der Vernunft"
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Sachbuch - v. Schirach/Kluge: "Die Herzlichkeit der Vernunft"

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Am Anfang steht eine steile These, die naturwissenschaftliche Kleinkrämern Schluckbeschwerden machen dürfte: Das Blau, das für Beobachter aus dem Weltraum die charakteristische Farbe des Planeten Erde ist, soll von der "Geistestätigkeit" der Menschen verursacht werden.

Die Korrektheit dieser Unterstellung sei hier dahingestellt. Aber wenn es sich so verhielte, dürfte man Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach gewiss zu den Blaumacher zählen. Das zeigt sich auch an ihren Gesprächen in "Die Herzlichkeit der Vernunft". Die drei kapitelweise berücksichtigten Haupt-Stichwortgeber heißen Sokrates, Voltaire und Kleist, daneben stehen zwei systematische Themen: Politik und Terror. Das klingt vordergründig nach innerer Ordnung. Aber Kluge und von Schirach sind Abschweifungs-Junkies, die Entzug stets missbilligen. Von Sokrates über Sir Popper bis zu Donald Trump, von Voltaires Toleranz zur Raumsonde "Voyager", von Kleists "Findling" zur Quantenmechanik, von Thomas Manns Kritiker-Bashing über die Bedeutung von Hitlers Mutter für dessen Kampf gegen "Versailles" bis zur Dünndarmschleimhaut – kein Thema ist zu abgelegen, um von der intellektuellen Seitensprungkraft der Erz-Belesenen sicher zu sein.

Heikel, wenn der inhaltliche rote Faden mutiert

Solange Kluge und von Schirach die Zügel straff halten, kommt man sehr bequem hinterher und lernt zum Beispiel in puncto Tod des Sokrates einige nicht restlos geläufige Sachverhalte und Perspektiven kennen. Nicht anders bei Voltaire, der sich im Fall des falschen Todesurteils für Jean Calas 1762 so unerbittlich für Aufklärung einsetzt, wie es am Ende des 19. Jahrhunderts dann sein Kollege Èmile Zola in der Dreyfus-Affäre getan hat. Wenn indessen die Assoziationen ungezügelt davon galoppieren, löst sich die inhaltiche Konsistenz auf. Der rote Faden mutiert zum bunten Knäuel. Und ein bisschen Beschweidwisser-Namedropping ist auch dabei. Aber um fair zu bleiben: In der Regel tragen die Herren so vor, dass man mit den einzeln zerstreuten Blitzen ihres Geistes etwas anfangen kann. Da herrscht dann halt das Wunderkammer-Prinzip – und das sollte seit jeher das Staunen befördern. Staunen wiederum ist ein ehrwürdiges Lektüre-Motiv. Die Ausschüttung des Geistes per Gespräch geht jedenfalls selten so weit, dass man den Verdacht blanker Eitelkeit erheben müsste.

Der wesentliche Zug ins Politische entfaltet sich über juristische Belange

Auch das aktuell Politische schließen Kluge und von Schirach nicht aus. Über Donald Trump, die Nemesis aller Intellektuellen, die sich für Politik interessieren, äußern die beiden nichts Neues – aber das ist auch schwerlich möglich, nachdem jeder Berufene und Unberufene auf der Welt seinen Sermon vorgetragen hat. Flüchtlingspolitik? Ja, die kommt vor. Von Schirach differenziert: "Auch wenn es menschlich richtig war, die Fliehenden aufzunehmen, scheint es mir politisch nicht klug zu sein, die anderen europäischen Länder so unter Druck zu setzen, wie wir es tun." Merke Merkel, könnte man hinzufüge: Per "humanitären Imperativ" die anderen EU-Länder zu bösen Buben zu erklären, ist wirklich frech. Der wesentliche Zug ins Politische entfaltet sich aber über juristische Belange, schließlich ist von Schirach nicht nur Schriftsteller mit Bestseller-Abo, sondern auch Strafverteidiger. Gesetzgebung, Volkssouveränität, das Phänomen Filter-Blase: um solche Dinge dreht sich das Gespräch. Es driftet aber niemals in Talkshow-Rhetorik ab. Beide Gesprächspartner kehren immer rasch in den Gelehrten-Kosmos zurück, zu den Büchern, Filmen und Theaterstücken, zur Mythologie.

Was sagt uns der Titel?

Und warum lautet der Titel "Die Herzlichkeit der Vernunft"? Falls diese Formulierung irgendwo im Text steht, hat sie der Rezensent überlesen. Darum folgende Mutmaßung:  Mit der "Herzlichkeit der Vernunft" beschwören die Autoren die beabsichtigte – und weitgehend auch verwirklichte – Gesprächsatmosphäre und distanzieren sich zugleich von kalter Rationalität. Tatsächlich vermitteln von Schirach und Kluge glaubhaft den Eindruck, dass ihnen Denken eine Herzenssache ist. Man könnte im Ergebnis von intellektueller Erotik sprechen, weil im besten Fall starke Gedanken eben auf der Haut zu spüren sind und die landläufige Trennung von Kopf und Bauch ad absurdum führen.

"Die Herzlichkeit der Vernunft" hat es an den unteren Rand der "Spiegel"-Bestsellerliste geschafft. Realistischerweise darf man unterstellen, dass die übersichtliche Größe und Seitenstärke des Buches, seine hübsche Gestaltung und der schlanke 10 Euro-Preis das ihre dazu beigetragen haben. Außerdem sind die Autoren Berühmtheiten. Aber sei's drum. Wer Intellektuellen skeptisch gegenüber steht, kann hier ohne finanziellen Harakiri ein paar Appetithappen vom speziellen Stoff des Geistes probieren. Wer solchen Stoff ohnehin schätzt, wird ihn stark genug angemischt finden, um sich zwei, drei Stündchen daran zu laben. Noch einmal: Falls unsere Erde wirklich blau ins All hinaus leuchtet, weil es hienieden Geistestätigkeit gibt, haben Kluge und von Schirach daran ihren Anteil.

Arno Orzessek, kulturradio

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