Elena Ferrante: "Die Geschichte des verlorenen Kindes"; Montage: rbb
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Belletristik - Elena Ferrante: "Die Geschichte des verlorenen Kindes"

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Zurück am Anfang: Die opulente Saga um die Freundschaft zweier Neapolitanerinnen findet ihren Abschluss

Nein, man muss sie sich nicht merken, all die Verhältnisse zwischen den Galianis, Cappuccios, Carraccis und Sarratores. Es hat einen Grund, dass der Suhrkamp Verlag freundlicherweise den opulenten Ferrante-Bänden jeweils ein Lesezeichen mit Personenverzeichnis beilegt, auf das man auch beim Lesen des vierten Bandes noch nicht verzichten kann. Elena Ferrantes Tetralogie, nun auch in der deutschen Übersetzung von Karin Krieger mit "Die Geschichte des verlorenen Kindes" zum Ende gebracht, hat durchaus etwas Monströses – nicht nur wegen der zahlreichen Personen, sondern auch erzählerisch, denn Ferrante spart nicht an Details, schildert zum Teil akribisch ganze Tagesabläufe und taucht sehr tief hinein in das Seelenleben ihrer Erzählerin, der Schriftstellerin Elena Greco.

So hat es zwar auch etwas Erlösendes, wenn man nach 2.200 Seiten den neapolitanischen Erzählkosmos um die beiden Freundinnen Elena Grecu, Spitzname Lenù, und Raffaella Cerullo, auch Lila oder Lina genannt, verlässt. Doch im Laufe der Bücher ist man ihnen sehr nah gekommen. Und da Elena Ferrante angekündigt hat, nichts mehr über die Freundinnen zu schreiben, muss man sich mit dem zufriedengeben, was sie in diesem letzten Teil an Informationen über ihre Figuren preisgibt.

Dies- und jenseits des Bildungsweges

Als "Die Geschichte des verlorenen Kindes" einsetzt, sind beide Frauen Anfang 30 und jeweils von den Vätern ihrer Kinder getrennt. Lila, eigentlich die Begabtere der beiden, ist im Armenviertel Rione in Neapel geblieben, während Elenak, die Studierte, erste Erfolge als Autorin feiert. Wider die Vernunft lässt sie sich mit ihrer Jugendliebe Nino Sarratore ein, ein Egomane, der sich mit zahllosen Frauen umgibt und sich nie ganz zu ihr bekennt. Die Freundschaft der beiden Frauen bleibt das zentrale Thema, einerseits geprägt von tiefer Vertrautheit, andererseits weiterhin von permanenter Konkurrenz. Lila und Lenù – sie lesen sich wie zwei Seiten einer Person, wie zwei mögliche Lebenswege, die Tetralogie suggeriert diese Lesart immer wieder.

Im letzten Band schließt sich nun der Rahmen, den Ferrante im ersten eröffnet hat: Als reife Frau verschwindet Lila plötzlich, selbst ihre Sachen sind weg, als habe sie ihr Leben ausradieren wollen. Für Elena ein Grund, sich die Freundin zurückzuschreiben und mit der Schilderung ihrer beider Leben zu beginnen. Das Verschwinden und Abtauchen als Motiv befeuert die Begeisterung an den Bestsellern nur noch – denn auch die Autorin ist abgetaucht bzw. im Literaturbetrieb niemals aufgetaucht. Sämtliche Enthüllungsversuche sensationslüsterner Enthüllungsjournalisten lässt sie an sich abprallen, bis heute ist nicht bestätigt, ob hinter dem Pseudonym die Übersetzerin Anita Raja aus Rom steckt, wie ein Journalist 2017 bewiesen haben will. Für die Leser ist dieses Spiel mit der Identität nur ein zusätzliches Faszinosum.

Herz über Kopf

Italien steht gerade kurz vor Neuwahlen, bei denen wieder Silvio Berlusconi mit seiner Forza Italia antritt. Vor diesem Hintergrund liest sich die Ferrante-Saga, die in der Nachkriegszeit einsetzt und im Jahr 2010 endet, wie eine literarische Illustration der italienischen Verhältnisse. Doch das Politische erschließt sich bei Ferrante stark über das Private – so schreibt die Schriftstellerin Elena zwar über Feminismus und kämpft um ein selbstbestimmtes Leben, doch mit mäßigem Erfolg, denn privat macht sie sich sehr abhängig von einem Mann, man liest von zahlreichen Auseinandersetzungen, Affären, Aus- und Umzügen, Gedankenspielen und emotionaler Aufgeriebenheit. Eine gelungene weibliche Emanzipationsgeschichte kann man die vier Bände nicht nennen. Die Freundinnen lehnen sich zwar gegen die männerdominierte Welt auf, doch immer wieder stoßen sie an Grenzen, nicht zuletzt, weil das Herz sich häufig, sehr häufig, über den Kopf stellt.

Theoretisch könnte man, wenn man wollte, am Ende des letzten Bandes wieder mit dem ersten beginnen, die vier Bücher lassen sich im Kreis lesen. Spätestens in der dritten Runde – es käme auf einen Versuch an – könnte man dann vermutlich auch auf das Nachschlagen im Personenverzeichnis verzichten.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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