Homer: Ilias © Manesse
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Belletristik - Homer: "Ilias"

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Aus dem Griechischen neu übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann

Die europäische Literatur beginnt mit einem fürchterlichen Gemetzel: Die Griechen fahren übers Meer und ziehen vor Troja ein riesiges Heer zusammen, um den von Paris initiierten Raub der schönen Helena blutig zu rächen.

Homer hat all die Mythen und Märchen, die sich um diese Mutter aller Schlachten und Irrfahrten ranken, in der "Odyssee" und in der "Ilias" sprachgewaltig beschrieben. Es gibt unzählige Bearbeitungen, Nachdichtungen und Verfilmungen des zeitlosen Stoffes.

Doch die Zahl derjenigen, die die Verse und Gesänge gelesen haben, dürfte ziemlich klein sein. Vielleicht ändert sich das ja jetzt. Denn nach der "Odyssee" hat der Schweizer Altphilologe Kurt Steinmann nun auch die "Ilias" neu ins Deutsche übersetzt kommentiert.

Das Gemetzel geht weiter

Im Gegensatz zur weit ausgreifenden "Odyssee" konzentriert sich die "Ilias" auf einen ganz kleinen zeitlichen Ausschnitt und berichtet nur, was im kurzen Zeitraum von nur 51 Tagen vor den Toren Trojas geschieht.

Wir sind bereits im 10. Jahr des Krieges, und das Gemetzel will kein Ende nehmen, weil nicht die Menschen, sondern die Götter letztlich entscheiden, wie es weitergeht und wer das Schlachtfeld siegreich verlassen wird. Der Raub der schönen Helena, der Auszug der Griechen nach Troja, das wechselnde Kriegsglück: All das wird von Homer als bekannt vorausgesetzt und nur nebenbei noch einmal kurz angetippt.

In der "Ilias" geht es jetzt vor allem um den Zorn des Griechen Achilleus, er hat sich mit seinem Heerführer Agamemnon zerstritten, weil der ihm sein Lieblings-Beutestück, das Mädchen Briseis, weggenommen hat. Achilleus bittet die Götter um Rache, und sei es um den Preis der eigenen Niederlage. Der Zorn des Achilleus ist so groß, dass er sich sogar weigert, weiter am Kampf gegen Troja teilzunehmen, und eine Versöhnung mit Agamemnon und ein Wiedereintritt ins Kampfgeschehen erfolgt erst, als sein bester Freund Patroklos von Hektor, dem Sohn von Trojas König Priamos, getötet wird.

Der zornige Achilleus tötet Hektor und schändet die Leiche tagelang, solange bis König Priamos – von den Göttern geleitet und beschützt – bei ihm im Lager auftaucht, ihn mit Gold überschüttet und seinen toten Sohn freikauft. Priamos trauert und bestattet Hektor: Damit ist die "Ilias" beendet, aber das Gemetzel, das wissen wir aus der "Odyssee" und anderen Dichtungen, wird weitergehen, bis die List mit dem Trojanischen Pferd den Krieg blutig beendet und die siegreichen Griechen bei ihrer Heimfahrt und Heimkehr fürchterliche Überraschungen erleben werden.

Ein Dienstleister Homers

Die "Ilias" ist mehrfach ins Deutsche übertragen worden, zuletzt (2008) gab es die vom Feuilleton viel gelobte Übersetzung von Raoul Schrott. Doch die ist in den Augen von Kurt Steinmann keine Übersetzung, sondern allenfalls eine "Übermalung", eine "Nachdichtung", eine "Neudichtung", die voller "Sprachmätzchen" steckt und mit "Verkünstelungen und Verzierungen" daher kommt. Für Steinmann hat der Dichter Schrott versucht, über den Autor Homer zu triumphieren: "Von Schrotts Übersetzungsstil", sagt Steinmann in einer Nachbemerkung, "grenze ich mich entschieden ab".

Gegenüber Schrotts poetischen Girlanden und Einfällen setzt Steinmann auf die Sachlichkeit, Gegenständlichkeit und Direktheit von Homers Sprache, er fühlt sich dem Originaltext gegenüber verpflichtet, will Homers Semantik, Wortstellung und Versmaß – den Hexameter – so genau wie möglich treffen. Steinmann geht also "back to to the roots", sieht sich als Dienstleister Homers und seines zeitlosen Textes, er nimmt lieber ein paar Einbußen und Holprigkeiten in Kauf; aber – so glaubt er nicht zu Unrecht – die Musikalität des altgriechischen mündlichen Vortrages lasse sich ohnehin im Deutschen heute nicht mehr nachempfinden: Dann doch lieber Genauigkeit und Präzision, statt moderne und alberne Wortschöpfungen.

Steinmann vs. Schrott

An einer Stelle tadelt Hera die aus Argos kommenden Griechen mit den Worten: "Schande, Argeier, schlimme Memmen, bewundernswert an Gestalt." Steinmann übersetzt: "Schmach euch, Argeier, ihr feigen Säcke, an Aussehn so blendend!" Bei Schrott liest man – in durchgängiger Kleinschrift und seltsamer Orthografie: „schande über euch! bloße gipsfiguren seid ihr griechen taugt nur für einen tempel".

Und einmal heißt es (nahe an Homers Original) bei Steinmann:

"Wie wenn am Himmel die Sterne rings um den leuchtenden Mond sich / zeigen in strahlendem Glanz, wenn ohne Wind ist der Äther, / und klar treten hervor alle Warten und ragenden Gipfel / und die Schluchten, und oben reißt auf der unendliche Äther, / und man sieht alle Sterne; es freut sich im Herzen der Hirte: / So viele Feuer ..."

Bei Schrott liest man dagegen folgende poetisch-romantische Ausmalung:

"wie die sterne am himmel um die mondsichel hervorstechen / in ihrem ganzen glanz, in einer wind- und wolkenlosen nacht / wo sich jede landzunge hell vom dunkel abhebt, ihre grate / schrofen und die tiefen rinnen im klaren, endlos von oben / herabsackenden äther, der keinen einzigen stern versteckt / die schönste nacht für einen schäfer – so zahlreich waren / die troianischen wachfeuer …"

Sicher: Schrotts poetische Bilder sind manchmal betörend schön, aber als Leser will man vielleicht auch wissen, was wirklich in der "Ilias" steht, und nicht, was Homer, würde er denn über die sprachlichen Mittel eines Raoul Schrott verfügt haben, sich möglicherweise alles hätte einfallen lassen, um die Schönheit der Natur rund ums fürchterliche Schlachten zu beschreiben.

Gesamtkunstwerk

Steinmanns Neuübersetzung kommt im opulenten Schmuckschuber daher und hat den stolzen Preis von 99 Euro. Aber die "Ilias" ist nun einmal ein absoluter Klassiker, gehört zum Kanon der Weltliteratur, und diese zeitlos-schönen und zugleich auf warnend-fürchterliche Weise von Liebe und Hass, Neid und Gier, Zorn und Rache erzählenden Gesänge können gar nicht genug bibliophil veredelt und wissenschaftlich aufgewertet werden.

In Leinen gebunden, auf weiches Papier und mit großzügigem Satzspiegel gedruckt, mit einem feingeistigen Nachwort und einem klugen Kommentar versehen, ausführlichen Anmerkungen und einem Namenregister aller Orte, Personen und Götter, die in der "Ilias" eine wichtige Rolle spielen, dazu noch zahlreiche Illustrationen, in denen das Grauen und Schlachten, aber auch die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung zum Ausdruck kommen.

Es ist eine in seiner Schlichtheit und Genauigkeit überzeugend neue Übersetzung, ein sprachliches, künstlerisches, wissenschaftliches Gesamtkunstwerk, und das hat nun einmal seinen Preis.

Frank Dietschreit, kulturradio

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