"Nicole Krauss: Waldes Dunkel"; Montage: rbb
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Roman - Nicole Krauss: "Waldes Dunkel"

Bewertung:

Nicole Krauss türmt Rätsel auf Rätsel, dreht immer weiter an der Schraube literarischer Variationen, und doch hat man nie das Gefühl, in einem Meer überkandidelter Fiktionen zu versinken.

Nicole Krauss, geboren 1974 in New York, debütierte 2002 mit "Kommt ein Mann ins Zimmer" als Autorin. Mit ihrem zweiten Roman, "Die Geschichte der Liebe" avancierte sie zur international erfolgreichen Schriftstellerin. Doch sie zählt nicht zu den Autorinnen, die in schneller Folge einen Roman nach dem anderen auf den literarischen Markt werfen. Sie lässt sich viel Zeit, um einen neuen ihrer autobiografisch grundierten, aber immer ins große religions-philosophische Ganze weisenden Romane herauszubringen. Gespannt darf man jetzt also auf den lang erwarten neuen Roman sein, "Waldes Dunkel", der soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Odyssee

Den Titel "Waldes Dunkel", das verrät uns Nicole Krauss in einer kleinen Anmerkung, hat sie aus Dantes "Göttlicher Komödie" entnommen, die ihr vor einigen Jahren auf einer langen Fahrt nach Jerusalem vorgelesen wurde: Da heißt es an einer Stelle: "Ich fand auf unseres Lebensweges Mitte / in eines Waldes Dunkel mich verschlagen, / weil sich vom rechten Pfad verirrt die Schritte."

Und genau darum geht es letztlich hinter all den existenziellen Erfahrungen und mystischen Erlebnissen, die im Roman auf verschlungen Weise verhandelt werden: Zwei Menschen sind vom rechten Pfad abgekommen, sie haben sich auf ihrem Lebensweg in eine große Leere verirrt und wissen nicht mehr weiter; sie brechen von New York auf, um sich ihrer eigenen Geschichte und ihrer jüdischen Wurzeln in Israel zu vergewissern und ein neues Leben zu finden.

Obwohl sie sich gar nicht kennen und sich auch nicht begegnen werden, werden beide, bevor sie in eine neue, unerwartete Zukunft blicken können, auf ihrer religiösen und philosophischen Odyssee in der Wüste Negev landen: Die eine wird dort in einer verlassenen Hütte ein Buch finden mit dem Titel "Die Wälder Israels", und der andere hat dort den Traum, die Wüste wieder zu dem zu machen, was sie einst, in den Tagen von König David war: ein fruchtbarer, grüner, dunkler Wald, der abgeholzt wurde, um Schiffe zu bauen, Kriege zu finanzieren und den Hunger zu stillen. Den "dunklen Wald" darf man durchaus als Metapher deuten für das, was wir einst glücklich bewohnten, für das Paradies, das wir verloren haben und wonach wir unser ganzes Leben lang – meistens vergeblich – suchen.

König David

Da ist zum einen Jules Epstein, Ende 60, einflussreicher Anwalt und politischer Drahtzieher: Er gerät aus dem Tritt, als seine Frau sich von ihm scheiden lässt und seine Eltern sterben, die den Holocaust überlebten und in New York eine neue Heimat fanden. Zum Schrecken seiner Kinder und seiner Mitarbeiter beginnt Epstein, sein Vermögen aufzulösen, seine Kunstwerke zu verschenken, Stiftungen zu gründen, die an seine verstorbenen Eltern erinnern und sein eigenes, verschüttetes Judentum erneuern sollen.

In Israel angekommen, trifft er einen Rabbi, der meint, Epstein sei ein Nachkömmling von König David; merkwürdig auch, dass die Tochter des Rabbi gerade in der Wüste, die Epstein doch so gern wieder mit einem großen, dunklen Wald aufforsten lassen möchte, einen Film über König David dreht und Epstein bittet, an einem Tag, als der Darsteller des David verhindert ist, in die Rolle des Königs zu schlüpfen. (Wie es weitergeht mit dem Wiedergänger von König David werde ich nicht verraten.)

Kafka in der Wüste

Die Frau ist eher eine Doppelgängerin als eine Wiedergängerin, sie heißt Nicole, und wir dürfen durchaus annehmen, dass sie zwar nicht identisch ist mit Nicole Krauss, aber doch einige Züge und Gedanken der Autorin preis gibt: Nicole ist Schriftstellerin, sie durchlebt gerade eine fürchterliche Schreib- und eine ein ausweglose Ehe-Krise, und sie hat immer wieder das Gefühl, dass sie zur selben Zeit an verschiedenen Orten ist: sie glaubt, dass wir nicht in einem Universum, sondern in einem Multiversum leben, dass wir nicht durch Zeit und Raum gehen, sondern Raum und Zeit durch uns hindurch fließt, dass das Leben nur ein Traum ist und wir – während wir träumen – gleichzeitig an verschiedenen Orten und in verschiedenen Welten leben.

Um einen Ausweg aus ihren intellektuellen und emotionalen Verirrungen zu finden, reist sie nach Israel, wohnt in dem Hotel, in dem sie gezeugt wurde und wo sie als Kind jedes Jahr mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Und während die imaginierten Kometen der Kindheit durch ihren Kopf rasen und die realen Raketen von Gaza aus in Israel für Zerstörung sorgen, trifft Nicole einen dubiosen Mann, Eliezer Friedman, angeblich ein Literaturprofessor mit Mossad-Vergangenheit, der ihr eine völlig abstruse Geschichte erzählt und sie mit einem Koffer in der Wüste absetzt: darin Manuskripte von Franz Kafka.

Die Wälder Israels

Kafka kommt angeblich nach Israel bzw. ins damalige Palästina, weil sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod der Nachwelt eine Lüge aufgetischt hat: Kafka ist in Wahrheit nicht 1924 gestorben, sondern von Brod und einigen Eigeweihten nach Palästina gebracht worden, um dort in der Sonne endlich von seiner Tuberkulose zu gesunden, sich vom Mühlstein seiner kranken Psyche, seinem herrischen Vater, zu befreien und ein neues Leben zu beginnen.

Kafka hat unter dem Namen Anshel Peleg als Gärtner weitergelebt, sich um Blumen, Bäume und Wälder gekümmert und ist 1956 friedlich in jener einsamen Hütte eingeschlafen, in der Nicole mit einem Koffer voller Kafka-Manuskripte landet, ein Buch über die Wälder Israels findet und mehr denn je glaubt, ihr Leben sei nur ein Traum. Was Nicole in der Kafka-Hütte erlebt und erleidet, ob sie Licht in des "Waldes Dunkel" bringen und einen Ausweg aus der Kafka-Falle finden, ob sie ihre Schreib- und Ehekrise überwinden kann – auch das werde ich hier nicht verraten.

Ein betörendes Spiel

Über Leben und Tod, Werk und Wirken von Kafka wird hier wirklich eine komplett verrückte, aber doch ungemein faszinierende Geschichte erfunden: eine wahnsinnige Variante, die immer wahrscheinlicher wird, je länger sich Nicole in Kafkas Romane, Erzählungen, Tagebücher einliest und überall Hinweise findet, wie sehr sich Kafka nach einem ganz anderen, jüdischen Leben gesehnt hat, dass er immer nach einem Riss in der Zeit gesucht hat, um hindurch zu schlüpfen und als Unbekannter abzutauchen an einen Ort, wo Leben und Traum sich verbinden und das Paradies die Realität ist.

Nicole Krauss türmt Rätsel auf Rätsel, dreht immer weiter an der Schraube literarischer Variationen, und doch hat man nie das Gefühl, in einem Meer überkandidelter Fiktionen zu versinken; das furiose Spiel mit Fantasien ist so betörend, die Sprache so poetisch, die Figuren erscheinen so real, dass man irgendwann tatsächlich glaubt, in einem Multiversum zu leben, dass der Roman, den wir gerade lesen, die Wirklichkeit ist – eine der vielen Wirklichkeiten, denn, das wissen wir ja jetzt: Träumend sind wir hier und da und überall.

Frank Dietschreit, kulturradio

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