Rolf Dobelli: "Die Kunst des guten Lebens"; Montage: rbb
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Ratgeber - Rolf Dobelli: "Die Kunst des guten Lebens"

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52 überraschende Wege zum Glück

Wie verbreitet sie immer auch sein mag: Lebensberatungs-Literatur erfreut sich unter den Eliten der Belesenheit keines glanzvollen Ansehens. Jedenfalls nicht, wenn die Bücher aus aktuellen Verlags-Programmen stammen. Michel de Montaigne, Marc Aurel, die antike Weisheitsliteratur ... Ja, das ist natürlich etwas anderes! So heißt es.

Kombination von Quellen

Aber machen wir uns für den Augenblick frei von Ressentiments und nehmen Rolf Dobellis "Die Kunst des guten Lebens" zur Hand ... Um sofort die Verlags-Prosa auf dem Cover zu vergessen. Von wegen "52 überraschende Wege zum Glück"! Dobelli will vielmehr Denkmethoden und Haltungen vermitteln. Er spricht von einem "Werkzeugkasten", und in dem liegen, um im Bild zu bleiben, 52 geistige Instrumente bereit. Leser der "Neuen Zürcher Zeitung" kennen sie aus Dobellis Kolumne – die wie heißt? Richtig! "Die Kunst des guten Lebens".

Das Markante ist die Kombination der Quellen, aus denen Dobelli schöpft. Er hat sich im antiken Stoizismus umgetan, nicht weniger in der modernen Psychologie. Vor allem aber inspiriert ihn die Denkschule des "Value Investments". Damit ist eine Anlagestrategien für Wertpapiere gemeint, die nicht auf – womöglich digital befeuerten – Spekulationen über Kursverläufe gründet, sondern auf exakter Analyse der realwirtschaftlichen Werte hinter einem Papier.

Die Milliardäre Warren Buffett und Charles Munger sind die Ikonen dieser Disziplin. Und sie sind Dobellis Säulenheilige; er zitiert sie unentwegt. Denn er behauptet, Stoizismus, moderne Psychologie und die Prinzipien des "Value Investment" passten perfekt zusammen, wenn man hoch hinaus will in der Kunst des guten Lebens. Das klingt womöglich theorielastig und akademisch, ist es aber nicht. Der Bestseller-Autor kann selbst denken. Und ihm steht, wie erwähnt, die flotte Feder des Kolumnisten zur Verfügung.

"Haben Sie ein Stück Welt gerettet, dann gönnen Sie sich erst mal ein Bier."

Hier eine Auswahl von Dobellis bevorzugten Instrumenten. Er empfiehlt, sich vom Kult der Flexibilität zu verabschieden, der stresst nämlich nur. Besser, man hält sich an gewisse "Gelübde", vulgo: Prinzipien, und weicht davon nicht ab. Er rät dazu, vom grassierenden Authentizitätswahn abzulassen, denn merke: "Ein Hund ist authentisch. Sie aber sind ein Mensch." Er spottet über die Tyrannei der Berufung: "Tun Sie, was Sie können, nicht, was Sie gerne könnten".

Er sieht Soziale Medien kritisch: Am besten abschalten und abmelden! Dafür mehr Bücher lesen, vor allem mehr gute Bücher, und die gleich mehrfach. Dobelli führt auch den ehrwürdigen Begriff des Schicksals wieder ein: Es passieren halt Dinge, die man am besten mit stoischem Gleichmut akzeptiert. Er hat nichts gegen Grübeln, setzt ihm aber Grenzen und behauptet: "Das Nachdenken verhält sich zum Tun wie ein Taschenlämpchen zum Scheinwerfer."

Hochfliegende Weltverbesserungs-Ambitionen sind ihm verdächtig. Wer ein anständiges, produktives Leben führt und kein Unmensch ist, habe schon genug für eine bessere Welt getan. Und überhaupt: "Haben Sie ein Stück Welt gerettet, dann gönnen Sie sich erst mal ein Bier." Zur Begründung seiner Maximen nimmt sich Dobelli jeweils ungefähr fünf Seiten Zeit; er zitiert gern Knackiges von etablierten großen Geistern und er mischt ein – stets kontrolliertes – Quantum an Privatem und Anekdotischem unter die Ausführungen.

Dobellis Werkzeugkasten hat durchaus Substanz

Sonst ein Lebensberatungs-Muffel – Montaigne et. al. natürlich ausgenommen –, gesteht der Rezensent: Dobellis Werkzeugkasten hat durchaus Substanz. Zwar sind seine Reflexionen, begrenzt durch die Kolumnen-Form, nie aufsehenerregend gründlich, tiefsinnig und philosophisch ausgereift.  Es gibt ein paar Widersprüche und ein paar Wiederholungen.

Auf der alltagsnahen, praktischen Ebene jedoch, die Dobelli im Auge hat, bietet er Brauchbares an. Er läuft keinem schicken Trend hinterher, schon gar nicht irgendeinem Eso-Trend. Er verspricht sich – und uns – in puncto Glück wenig von materieller Anhäufung und gar nichts von großen Entwürfen zum Sinn des Lebens. Dafür leitet er zu Gelassenheit an, zu Konzentration, Demut und Realismus.

Seinen Glauben an die Übermacht der Gene muss man nicht teilen; es fehlt auch jede politische Dimension; es gibt einen leisen Aspekt von Selbstgefälligkeit. Denn Dobelli ist wohlhabend und erfolgreich, er geht mit den ganz großen Bossen dinieren, er hat gewissermaßen gut reden, weil er es im Sinne landläufiger Kriterien geschafft und sein Leben im Griff hat. Aber solche Kritik führt letztlich nur zu Abzügen in der B-Note.

Bestseller-Rang verdient

Aufs Ganze gesehen verbreitet das Buch einen gelinden mentalen Konservatismus, der sich als Gegengift gegen die tumultuöse Rastlosigkeit anbietet, der viele Menschen, die sich dem gnadenlosen Zwang der Moden, Trends und letzten Schreie ergeben, nicht zu entkommen können glauben.

Letztlich tut Dobelli in pfiffig-zeitgemäßer Weise das, was Weisheitsliteratur seit jeher gemacht hat: Nämlich unaufgeregt das Werthaltige vom Wertlosen zu scheiden. Das Buch hat im Rahmen des Genres seinen Bestseller-Rang verdient.

Arno Orzessek, kulturradio

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