Anton G. Leitner und José F. A. Oliver (Hg.): Das Gedicht; Montage: rbb
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Lyrik - Jubiläumsband: "Das Gedicht. Religion im Gedicht"

"Das Gedicht" ist von allen noch existierenden Lyrik-Zeitschriften die innovativste, die lebendigste Variante, und "Das Gedicht" hält durch, jetzt schon 25 Jahre. Das liegt am Konzept.

Es gibt nur eine, allerdings buchdicke Ausgabe pro Jahr. Der Gründer, Anton G. Leitner, kämpfte in diesen 25 Jahren mehrfach wie ein Berserker gerade auch um das finanzielle Überleben, das kann man nicht hoch genug wertschätzen.

Kennzeichen von "Das Gedicht" ist, dass es sich eben nicht nur auf eine bestimmte Art und Weise der Lyrik, wie etwa die Hochlyrik, festlegt. "Das Gedicht" pflegt sozusagen seit 25 Jahren den lyrischen Pluralismus und kann den Anspruch erheben, eine Art lyrisches Leit-Medium geworden zu sein, dass sich nicht unterkriegen lässt und diesmal mit dem Schwerpunkt "Religion im Gedicht" um Aufmerksamkeit wirbt.  

Poesie und Glaube auf vielen Ebenen

"Das Gedicht" hat sich schon einmal in einer Ausgabe dem Thema Dichtung und Religion gewidmet, 2001. Der Erfolg war groß, so dass die Herausgeber sich entschlossen, dieses Thema noch einmal und breiter anzugehen.

Dabei wird auch ein ambivalentes Bild sichtbar. Obgleich sich die Kirchentage zu eindrucksvollen Großveranstaltungen entwickelten, haben die christlichen Institutionen weiter starken Mitgliederschwund zu beklagen. In Berlin sind gar nur noch um die 20 Prozent in den christlichen Kirchen. Das allein wäre Stoff genug, aber es geht auf sehr vielen Ebenen um Poesie und Glauben

Das oszillierende Moment

Dass Lyrik in ihren Ursprüngen aus der Sphäre des Kultischen abstammt, ist dabei nur eine Wahrheit, die in verschiedenen Texten interpretiert wird. Andere Texte untersuchen etwa die Gottesverneinung des Atheismus, in wieder anderen geht es um Deutungen der biblischen Psalmen in ihrer Mehrdeutigkeit, um das oszillierende Moment, das Hin-und Herschwingen der Möglichkeiten von Lesarten von Bibeltexten und -zitaten.

Im Übrigen gibt es bekannte Namen im Band, Tanja Dückers, Franzobel, Uwe Kolbe, Said, Kathrin Schmidt, Jan Wagner und weniger bekannte. Und es gibt aufs Religiöse bezogene politische Gedichte, wie dieses hier von Alfons Schweiggert:

"Missionierung"

Als die ersten Missionare nach Afrika kamen,
sagte der Menschenrechtler Desmond Mpito Tutu,
besaßen sie die Bibel und wir das Land.
Sie forderten uns auf zu beten.


Wir schlossen die Augen und beteten.
Als wir sie wiedwer öffenten,
hatten wir die Bibel und sie das Land.

Voll mit Gedichten

Die Jubliäumsausgabe ist noch dicker als die anderen Ausgaben von "Das Gedicht". Für diesen Band wurden knapp 150 Lyrikerinnen und Lyriker ausgewählt, die Gedichte mit religiösen Bezügen geschrieben haben. Im Band enthalten sind etwa 200 Gedichte, und in einem special noch einmal 50 neue Kindergedichte mit Gottes- oder religiösem Bezug. Also 224 Seiten voll mit Gedichten für 14,00 Euro, das hat der Verlag finanziell tatsächlich gestemmt. Übrigens kann man in dem Band auch gut blättern – Gedichte, zumal solche mit religiösen Bezügen, sind ja nicht nur Sache von gut  oder schlecht, sondern vor allem des Geschmacks.

Und es gibt noch mehr im Band außer Gedichten, z. B. ein Editorial von Anton G. Leitner zu Poesie und Religiösem, einen lesenswerten Essay von Christoph Leiste über das Potential von Religion und Poesie, und außerdem noch einen Aufsatz über den Mensch zwischen Poesie und Psalm.

Zum Schluss noch ein schönes Gedicht: Ich habe eines von Günter Kunert herausgesucht, dem alten ostwestdeutschen Lyrik-Großmeister, der natürlich auch in diesem Band vertreten ist.

"Elegie"

Zu wem eigentlich spricht
der Prediger in der Wüste?
Der Sand ist alt und unterwürfig.
Früher guter Gott,
als Fels wäre er geborsten
unter deinem Wort. Heute geht er
mit dem Wind,
dem starken Verführer. Von hier
nach da, ziellos und vergeblich,
menschengleich.

Salli Sallmann, kulturradio

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