"J.M. Coetzee: Die Schulzeit Jesu"; Montage: rbb
S. Fischer
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Roman - J.M. Coetzee: "Die Schulzeit Jesu"

Mit seinem Roman "Die Schulzeit Jesu" schreibt der Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee nun seinen Roman "Die Kindheit Jesu" (2013) fort. Eine Geschichte über Immigration und das Rätsel vom Ankommen.

Seit der südafrikanische Nobel-Preisträger J. M. Coetzee 2002 Kapstadt verließ, nach Adelaide umsiedelte und australischer Staatsbürger wurde, haben sich auch seine literarischen Themen verändert – weg von der Dominanz ererbter postkolonialer Schuldgefühle in seinen apartheid-kritischen Romanen, hin zur abstrakten Erörterung philosophischer und moralischer Grundfragen.

Die herbe und schmucklose Prosa seiner calvinistisch-strengen Romane ist womöglich noch karger und nüchterner geworden. Seine Sprache liest sich inzwischen wie bis zum Skelett abgeschabt. Vom Konzept des realistischen Romans, in dem auf Plot und glaubwürdige Figurenpsychologie Wert gelegt wird, hat er sich noch entschiedener abgewandt als bisher schon. Immer extremer treibt er die Befremdlichkeit seiner Alterswerke voran (er ist inzwischen 78 Jahre alt).

Coetzee war nie ein Autor, der den Leser an der Hand nimmt. Inzwischen jedoch lesen sich seine asketischen, philosophischen Ideenromane brüsk bis zur Schroffheit – was seine Leser grübeln und rätseln lässt und seine Kritiker zu wahren Deutungsexzessen herausfordert (Parabel? Allegorie? Anti-Bildungsroman? Platonischer Diskurs?)

Literarische Anspielungen

Das gilt insbesondere für Coetzees noch unvollendete Jesus-Trilogie. Nach dem Eröffnungsband "Die Kindheit Jesu" (2013) liegt nun der Folgeband "Die Schulzeit Jesu" in deutscher Übersetzung vor. Erstes Irritationsmoment: In beiden Romanen kommt Jesus außer im Titel nicht vor. Zwar finden sich sparsam gestreute biblische Bezüge (etwa auf die Augusteische Volkszählung, die Drei Weisen, hier als Drei Schwestern, die Flucht nach Ägypten); doch ebenso deutlich sind Coetzees Selbstzitate aus früheren Romanen sowie literarische Anspielungen vor allem auf Platon, Dostojewskij, Kafka.

Coetzee skizziert hier, mit einem Minimum an rudimentären Hinweisen, eine Welt außerhalb wiedererkennbarer historischer und geografischer Bezüge, die ihm lediglich als Bühne für universale philosophische Erörterungen dient.

Simón und David und Inés

Schauplatz ist ein namenloses, fiktives spanischsprachiges Land – schäbig, unmodern, prä-global und vage sozialistisch, mit einer so freudlosen wie tugendhaften Bevölkerung. Dort (so die Vorgeschichte, die im ersten Band, "Die Kindheit Jesu", erzählt wird) beginnen ein mittelalter Mann und ein sonderbarer kleiner Junge ein neues Leben. Beide sind mit dem Schiff übers Meer von irgendwoher gekommen, ohne Vergangenheit, ohne Erinnerung an vorher und ohne Namen. Bei der Ankunft werden die gedächtnislosen Flüchtlinge "reingewaschen" von ihrem früheren Leben; die Behörden geben ihnen neue Namen und Identitäten: Simón und David.

Simón ist nicht Davids richtiger Vater, übernimmt jedoch väterliche Verantwortung für den Fünfjährigen und bestellt eine junge Frau namens Inés als seine Mutter. Dieses Ad-hoc-Elternpaar, das ohne Ehe und ohne Sex keusch zusammenlebt, wird nur durch das gemeinsame Projekt zusammengehalten: die Erziehung Davids. Das Kind, vielleicht hochbegabt, bringt sich selbst anhand einer Kinderausgabe des "Don Quijote" das Lesen bei, erweist sich aber auch als schwierig: wild, altklug und störrisch, eine Nervensäge, ein kleiner Tyrann.

Mit seinem bulldozerhaften Eigensinn und seinem hochfahrenden Sendungsbewusstsein zermürbt David seine Zieheltern, in eine reguläre Schulklasse lässt er sich nicht integrieren. Er lässt sich nicht zähmen und nicht in ein gesellschaftliches Wesen verwandeln. Vor der drohenden Einweisung in ein Erziehungsheim flüchten die Eltern mit dem Jungen in die Stadt Estrella.

"Tanz des Universums"

Im zweiten Band wird nun Davids Schulzeit in Estrella (der Stern) erzählt. Der inzwischen sechsjährige Schulabbrecher wird in einer mysteriösen Tanzakademie eingeschult, die von einem Komponisten namens Juan Sebastian und seiner zweiten Frau, der Tänzerin Ana Magdalena, geleitet wird (Assoziationen zu Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach sind beabsichtigt).

Hier blüht der Junge auf: Der von Ana Magdalena gepredigte "Tanz des Universums", eine Mischung aus Tanz, Zahlenmystik und Astrologie, entspricht seinem impulsiven, gefühlsgesteuerten Temperament. Ihm leuchtet ihre Geheimlehre vom Tanz der Zahlen in Zwiesprache mit den Sternen unmittelbar ein: dass die edlen Zahlen bei den Sternen wohnen und nur im Tanz heruntergerufen und zum Leben erweckt werden. Er spricht darauf an, als sei das die verlorene Ursprache der Menschheit. Für den nüchternen, pragmatischen, vernunftgesteuerten Simón ist das bloß esoterisches Gewäsch, eine dubiose Ersatzreligion.

Knochentrockener Erzähl-Gestus

Die endlosen Erziehungsgespräche zwischen Simón und dem Kind drehen sich nach Art platonischer Dialoge um grundsätzliche philosophische und moralische Fragen über Gott und die Welt, die Freiheit und das Selbst. Davids unaufhörliche Warum-Fragen treiben den Mentor fast zur Verzweiflung. Dennoch zwingt er sich, sie vernünftig zu beantworten und "die korrekten, geduldigen, bildenden Worte zu produzieren", auch wenn sich der Junge widerborstig zeigt und gar nicht zuhört. David verweigert sich, er will sich von einem regelrechten Vernunft-Diskurs nicht indoktrinieren lassen. Dass Simón ihn nicht erkennt und nichts versteht, ist Davids Standardvorwurf an seinen Erzieher.

Das liest sich alles recht steifleinen, ausgedacht und leblos, denn diese pseudo-sokratischen Dialoge kommen in einem gestelzten Idiom daher. Immerhin lässt der Autor im Folgenden in der Tanzschule ein Mord geschehen. Doch auch dieses grausame Verbrechen aus Leidenschaft ändert nichts an Coetzees knochentrockenem Erzähl-Gestus. Im Gegenteil: Der Mord zieht einen bizarren Gerichtsprozess und weitere tiefschürfende Erörterungen über die Natur des Verbrechens, über Schuld, Vergebung und Gnade nach sich. Allenfalls verbirgt sich in der absurden, kafkaesken Gerichtsverhandlung eine dunkle Komik, Coetzees verborgener kaustischer Humor.

Akademische Erörterung

Allmählich wird klar, worum es dem Autor hier eigentlich geht – um eine akademische Erörterung des Konflikts von Vernunft und Gefühl, von Verstand und Passion, von Kopf und Herz in denkbar extremer Zuspitzung, am Modell eines Protagonisten und seines Antagonisten.

Simón ist ein typischer Coetzee-Held: ein pedantischer, ausgedörrter, freudloser, zerebraler Rationalist, seiner Sinnlichkeit ebenso entfremdet wie seiner Phantasie. Er versagt sich selbst jedes leidenschaftliche Gefühl, leidet aber auch darunter, abseits zu stehen und nur Zuschauer beim Tanz des Lebens zu sein. Nicht die überschwängliche, hitzige kindliche Messias-Figur David, sondern der skeptische, gefühlskalte, asexuelle Simón erweist sich als der eigentliche Held des Romans. Es geht darum, ihn aus seiner vernunftfixierten emotionalen Erstarrung zu erlösen.

Die eigenen Kälte

Als Antagonist und Simóns Antithese wird der Museumswächter Dmitri in den Roman eingeführt, der Liebhaber und Mörder der schönen Mystagogin Ana Magdalena. Der Name macht ihn kenntlich: Er ist, ebenso wie der sanftmütige Hilfslehrer Aljoscha, eine Dostojewskij-Figur, direkt aus "Die Brüder Karamasow" entliehen. Wie sein literarisches Vorbild ist Dmitri ein mörderisch leidenschaftlicher Gefühlsterrorist, animalisch, sündenstolz und schuldsüchtig – die verkörperte passionierte, unbeherrschbare Unvernunft.

Am abschreckenden Beispiel des Gefühlsextremisten Dmitri werden Simón gleichwohl seine eigenen emotionalen Defizite bewusst. Indem er sich allein der Vernunft, der rationalen Analyse der Welt, verschrieben hat, sind ihm andere, nicht-zerebrale Zugänge zur Welt verschlossen geblieben: Imagination, Kunst, Leidenschaft, Körperfreude, Gefühlsintensität, Herzensunmittelbarkeit. Diese Idee ist ein durchgängiges Motiv in fast allen Romanen von J. M. Coetzee, am deutlichsten in seinen autobiografischen Büchern, in denen der Autor mit seiner eigenen Kälte schonungslos ins Gericht geht.

Sehnsucht nach Lebensfreude

Simón muss sich von Dmitri sagen lassen: "Das Herz hat immer recht, und der Kopf unrecht." Er beginnt zu verstehen, dass Passion nicht erklärt, sondern nur erfahren und erlebt werden kann. Er beginnt sogar an seiner selbstgewählten Lebensrolle als Beschützer und Mentor des Ausnahmekinds David zu zweifeln: Hat nicht vielleicht in Wahrheit das Kind ihn, Simón, in Obhut genommen?

Am Ende sehen wir Simón bei seinen ersten zaghaften, ungeschickten Tanzschritten zu. Er dreht sich zur Musik, bis ihm schwindlig wird. "Machen Sie weiter. Sie werden den Schwindel überwinden", ermuntert ihn seine Trainerin. Deutlicher hat Coetzee noch nie der Sehnsucht nach Lebensfreude und erfüllter Menschlichkeit nachgegeben. Dass ihm dafür als Ausdrucksmittel nur seine knöcherne Sprache zur Verfügung steht, ist das Paradoxon dieses Romans.

Sigrid Löffler, kulturradio

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