"Eric Nil: Abifeier"; Montage: rbb
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Roman - Eric Nil: "Abifeier"

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Die Abifeier als emotionales Schalchtfeld: Der Autor des Romans "Abifeier" hat diese als Vater in einer Patchwork-Familie selbst durchlitten und berichtet nun davon. Als bekannter Schriftsteller schreibt er unter dem Pseudonym Eric Nil.

Nicht nur die sehr Gebildeten unter uns werden sich erinnern, dass der Untertitel von Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" ziemlich trübe klingt: "Verfall einer Familie". Und selbiger Untertitel könnte auch Eric Nils Roman "Abifeier" begleiten, etwa in der Variante: "Zerrüttung zweier Familien". Was nicht heißt, dass beide Romane ein ähnliches Kaliber hätten. Schon allein, weil man Nils 160-Seiten-Büchlein zu Manns Zeit wohl als Novelle deklariert hätte, frei nach Goethes berühmter Definition, eine Novelle beschreibe eine "unerhörte Begebenheit". Die Abifeier in "Abifeier" ist tatsächlich eine solche Begebenheit.

Die Tischordnung

Die Abiturientin, um deren Feier es geht, heißt Nora. Und Nora ist die Tochter des Ich-Erzählers, der auch einen Sohn hat. Alex nimmt es dem Erzähler sehr übel, dass er sich von seiner Frau Bea getrennt hat und nach Hamburg gezogen ist, wohin ihm Nora folgte. Mittlerweile ist der Erzähler mit Johanna liiert, ihrerseits geschieden, zwei Kinder, mit einem kühlen Alpha-Männchen namens Rolf als Ex im Hintergrund.

Der Erzähler skizziert die – im weiteren Verlauf durch immer mehr Personal bereicherte – Konstellation eingangs in gebotener Kürze, denn schon wirft die Hauptsache ihre Schatten voraus, eben Noras Abifeier. Sie macht es dringend erforderlich, eine präzise und plausible, alle befriedigende und niemanden beleidigende, dem Gespräch förderliche und der Gehässigkeit abholde, gesellschaftliche Konventionen achtende, aber auch individualistisch angepasste Tischordnung zu entwickeln.

Wer an welchem Tisch mit wem und warum oder warum gerade nicht sitzen soll, will, muss oder darf – dieses in die kniffligsten Teilaspekte zerfallende Hauptproblem eignet sich in der Tat vorzüglich, um die Komplexität diverser Beziehungskisten samt einem reichlichen Quantum Menschliches und Allzumenschliches anschaulich zu machen.

Überzeugend

Und dann ist er da, der Tag der Abifeier. Aber lesen Sie selbst, es lohnt sich!

Denn Nil versteht sich auf knappe Figuren-Zeichnungen, psychologisch überzeugend, aber nicht penetrant psychologisierend. Er hat gleichermaßen Sinn für Komik, Lakonie und Tragik, für die Absurditäten des modernen Beziehungsalltags und für dessen existenzielle Tiefen und Untiefen. An Humor und Wortwitz fehlt es nicht, obwohl alles in allem ein ernster, bisweilen melancholischer, an wenigen Stellen ins Nostalgische tendierende Grundton vorherrscht.

Nil veranstaltet gewiss kein Hochamt trüber Zivilisationskritik, aber er zeigt doch mit einiger Hartnäckigkeit, welcher Preis für Scheidungen, für Trennungen, für den Schwund an Verbindlichkeit bisweilen zu zahlen ist. Der Verlag behauptet, der bekannte Autor, der sich hinter dem Pseudonym "Eric Nil" versteckt, kenne die Patchworkfamilien-Problematik inklusive Abifeier aus eigener Anschauung – und das will man nach der Lektüre gern glauben.

Wer Lust hat, mag anhand der Verlags-Hinweise versuchen, das Pseudonym aufzulösen. Der Rezensent hat keine Lust.

Frei von Verstopfung

"Abifeier" ist erkennbar nicht auf eine Auszeichnung als hohe Literatur aus, wohl aber auf leichte Lesbarkeit jenseits der Trivialität. Zu diesem Zweck mischt Nil viel Stile. Es gibt Passagen, die ließen sich der Weisheitsliteratur zuschlagen. Andere tendieren ein bisschen zur Lebensberatung. Zwischendurch formuliert Nil getragene Sätze, die Pessoas "Buch der Traurigkeit" schmücken könnten, zum Beispiel: "Alles wird seltener, außer das, was man nicht will." Dann wieder herrscht der Duktus leichter Komödien vor.

Zwar sind die Kapitel lang, die einzelnen Abschnitte aber sind es nicht. Das erlaubt Nil den raschen Tonlagen- und Szenenwechsel, der Text präsentiert sich frei von Verstopfung und Überfrachtung. Vieles trägt Nil im Modus der Ironie vor – aber eben längst nicht alles. Aus Spaß wird schnell mal Ernst. Umgekehrt dauert der Prozess oft länger. Innerhalb einer essayistischen Reflexion verkündet der Erzähler: "Familie ist eine Naturgewalt." Wer das genauso sieht, dem ist dieses kleine, feine Buch besonders zu empfehlen.

Arno Orzessek, kulturradio

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