"Éric Vuillard: Die Tagesordnung"; Montage: rbb
Bild: Matthes & Seitz Berlin

Historischer Roman - Éric Vuillard: "Die Tagesordnung"

Für seinen Roman "Die Tagesordnung" bekam Éric Vuillard im letzten Jahr den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Darin erzählt er von, der Starthilfe hochrangiger Vertreter der deutschen Wirtschaft beim Aufstieg Adolf Hitlers.  

Wüssten Sie, ob das stimmt? ... Dass der berühmte "Anschluss", die de-facto Annexion Österreichs 1938 zu scheitern drohte, weil die technisch unfertigen deutschen Panzer unterwegs liegenblieben, der ganze Fuhrpark im pannen-induzierten Stau feststeckte und mittendrin der wütende Führer, Verrrrwünschungen grrrollend?

Oder leistet sich Eric Vuillard an dieser Stelle einen besonders exaltierten Freiflug seiner Phantasie? Lassen wir es offen oder die Fachhistoriker entscheiden. Fest steht, dass ÈricVuillard in "Die Tagesordnung" beides beherrscht: faktenreich-penible Dokumentation und grell-boshafte Satire. Und einiges mehr. Vor allem aber die pointillistische Komposition höchst disparater Textbausteine, Tonlagen und Stile.

Dräuend und pathetisch hebt sie an, die "Tagesordnung": "Die Sonne ist ein kaltes Gestirn. Ihr Herz aus eisigen Dornen. Gnadenlos ihr Licht." So artikuliert sich Hochliteratur, die ja auch manchmal ein Quantum metaphorischen Kitsch verträgt. Und dann sitzen sie, dicke Zigarre schmauchend, beieinander, die hohen Herren der deutschen Industrie, die Siemens und Krupp, Opel und Quandt, Tengelmann und Stinnes. Der sie empfängt, ist der NS-Spitzenpolitiker Hermann Göring. Er will ihre Spenden für die NSDAP – und er bekommt sie reichlich.

Man schreibt den 20. Februar 1933, Reichstagsbrand und Ermächtigungsgesetz liegen noch in der Zukunft. Aber so intensiv Vuillard die Szene aufbereitet – übergangslos wechselt er zur nächsten. Wir erleben den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg, der sich auf dem Berghof von Adolf Hitler zum Anschluss alias Annexion nötigen lässt. Wir sind in Wien und dann in London, wo der deutsche Botschafter Joachim von Ribbentrop, alsbald Außenminister des Reiches, bei seinem Abschied aus London enthemmt über Tennis und anderes Ablenkende quasselt, um die Spitzen der britischen Politik von einer raschen Reaktion auf die Annexion Österreichs abzuhalten.

Wir sind mit Vuillard hier und da und dort – und schließlich bei den Nürnberger Prozessen, wo der dicke Göring dem Todesurteil entgegenharrt, während die deutschen Premium-Industriellen schon an ihren Nachkriegs-Imperien zu basteln beginnen.

Originell

Manchmal gerät das Satirische allzu feist, manchmal wirken die moralischen Interventionen biestig-bevormundend. Aber alles in allem hat Vuillard eine eigenständige, plausible und originelle Form gefunden, um das grundsätzlich Bekannte zu verlebendigen und in einem unvertrauten Licht zu zeigen. Das zerebrale Befinden des Rezensenten bei der Lektüre: "Aha, so kann man das also auch machen!" So kann man seriöse Dokumentation, Sarkasmus und Satire, engagierte Moralpredigt und finstere Gedächtnis-Literatur amalgamieren, ohne den Ernst der Historie zu verjuxen.

Das, was gar nicht angesprochen oder nur gestreift wird – Vernichtungskrieg, Auschwitz, die Leichenberge, der Trümmerhaufen Europa, das ganze epochale Grauen –, es ist als Abwesendes anwesend, es bildet die dunkle Aura des Textes. Jedenfalls sofern der Leser in der Materie einigermaßen beschlagen ist. Zur Einführung in die NS-Thematik eignet sich "Die Tagesordnung" weniger.

Klug

Die Verführbarkeit der Vielen und der Wenigen, ihr Wille, dem Führer entgegenzuarbeiten, die groteske Plusterei der Nazi-Bosse, das Ineinander von Weltgeschichte und Banalität – Vuillard macht eine literarische Rhapsodie daraus. Wenn man so will, zieht sein sprunghafter Auslassungs- und Fragment-Stil die narrativen Konsequenzen aus dem Umstand, dass wir von Bibliotheken über die NS-Zeit umstellt sind – aber Schweigen kein kluger Schachzug wäre.

Klug ist die Lösung Vuillards: Die braune Geschichte, die manches Mal und für Manchen eine alte Geschichte zu werden droht, eine graue, müßige und erkaltete, in ästhetisch frischer Form zu erzählen.

Arno Orzessek, kulturradio

Weitere Rezensionen

Inger-Maria Mahlke: Archipel © Rowohlt
Rowohlt

Roman - Inger-Maria Mahlke: "Archipel"

Im Rückblick – Inger-Maria Mahlke erzählt in ihrem fünf Generationen umfassenden Familienroman die dramatischen Veränderungen und Umbrüche auf Teneriffa seit dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Bewertung: