"Felicitas Hoppe: Prawda. Eine Amerikanische Reise; Montage: rbb
S. Fischer
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Roman - Felicitas Hoppe: "Prawda. Eine Amerikanische Reise"

Bewertung:

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe auf Expedition in einem unbekannten Amerika.

Felicitas Hoppe, 1960 in Hameln geboren, lebt seit vielen Jahren als Schriftstellerin in Berlin und – neuerdings – auch im kleinen Schweizer Ort Leuk. Wenn sie nicht gerade Romane, Erzählungen, Kinderbücher oder Feuilletons verfasst, ist sie viel unterwegs. Schon ihr Debüt "Picknick der Friseure" beruht auf einer Weltreise auf einem Frachtschiff. "Paradiese, Übersee" heißt eines ihrer Bücher, ein anderes "Abenteuer – was ist das?" Jetzt hat die vielfach – u. a. mit dem Georg-Büchner-Preis – ausgezeichnete Autorin ein neues Buch herausgebracht. Es trägt den Titel "Prawda. Eine Amerikanische Reise".

Ilf & Petrow

Die "Amerikanische Reise", die Felicias Hoppe im Herbst 2015 unternimmt und in ihrem Buch beschreibt, beruht auf einer "Amerikanischen Reise", die zwei russische Schriftsteller – Ilja Ilf und Jewgeni Petrow – vor 80 Jahren (1936/37) gemacht haben. Im Auftrag der Parteizeitung "Prawda" sind sie kreuz und quer, an die 10.000 Kilometer, durch die USA gereist und haben ihre Erlebnisse und Eindrücke nach Hause telegrafiert. Aus ihrer Artikel-Serie in der "Prawda" entstand dann auch ein Reisebuch, das erst kürzlich, 2011, in der "Anderen Bibliothek" unter dem Titel "Das eingeschossige Amerika" in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Ilf & Petrow waren durchaus fasziniert vom American Way of Life beim Klassenfeind, sie sollten aber eigentlich die Überlegenheit der Sowjetunion, der Planwirtschaft, der Diktatur des Proletariats über die kapitalistische Ausbeuter-Gesellschaft dokumentieren; ein Dilemma, dem sie mit viel Selbstironie begegneten: Ihr Buch genießt wegen seiner subversiven und satirischen Beschreibungen bis heute Kultstatus.

Dieses komische und kuriose Buch hat Felicias Hoppe jetzt auf ihrer Reise immer dabei, das alte Buch ist sozusagen ihr Kompass auf ihrem Amerika-Trip, denn ihre Reiseroute ist fast identisch mit der von Ilf & Petrow. Und dass sie – wie jeder Schriftsteller – reisend sich selbst erforscht und nach der "Wahrheit" ihres Lebens sucht und sich ständig fragt, ob alles, was sie reisend erlebt und empfindet, nicht vielleicht nur Einbildung oder ein Traum ist, liegt auf der Hand.

Nur gut erfunden

Ihre Reise in einem schicken alten knallroten Ford Explorer, "Red Ruby", startet in Boston, über Montreal und Toronto geht es zu den Niagarafällen, nach Detroit und Chicago, dann durch den Mittleren Westen über Kansas City, Oklahoma am Grand Canyon vorbei nach Las Vegas, San Francisco und Los Angeles; auf der Rückreise nimmt sie dann die südliche Variante, über El Paso, San Antonio, New Orleans, Atlanta hinauf nach Washington und New York: Sie ist 60 Tage unterwegs und fast immer on the Road, nur gelegentlich macht sie Halt, wenn sie in den örtlichen Dependancen von "Radio Goethe" einen Vortag halten muss.

Mit "Radio Goethe" ist wahrscheinlich das deutsche Goethe Institut gemeint, in dessen Auftrag sie offenkundig durch die Lande reist. Aber das bleibt, wie so vieles, im Ungefähren und Stoff für Vermutungen, so wie auch ungeklärt bleibt, wer eigentlich ihre drei Mitfahrer sind. Hoppe nennt sie Jerry, Foma und AnnAdams, einen Maler, den sie unterwegs trifft, tauft sie "Brueghel der Jüngste", sich selbst bezeichnet sie, wohl in Anspielung auf Goethes Sekretär, "Frau Eckermann"; wie so vieles in diesem Buch ist das blühende Fantasie und ironisches Spiel.

Die Realität ist für sie immer nur Anlass, um ihre Gedanken schweifen zu lassen und sich eine eigene Traumwelt zu erfinden. Dass sie sich immer wieder an ihren Vater erinnert, der die Bücher von Karl May liebte, mit Winnetou durch die Prärie und mit Kara Ben Nemsi durchs wilde Kurdistan ritt, darf man als dezenten Hinweis lesen, dass man die Abenteuer, die man beschreibt, nicht wirklich erlebt haben, sondern einfach nur gut erfunden haben muss.

Imaginierte Reise

Das Buch gleicht eher einer imaginierten als einer realen Reise, das liegt auch an dem oft märchenhaften Ton, den Hoppe anschlägt, alles liegt in einem undurchsichtigen humorvollen Nebel, bei dem sich Erleben und Erfinden permanent überlappen.

Wenn sie mit dem Vater der Eishockey-Legende Wayne Gretzky über Gott und die Welt plaudert, halte ich das eher für eine Ausschmückung einer vielleicht möglichen, aber in der Realität ganz anders verlaufenden Begegnung; wenn sie bei einer Freundin in L. A. den Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino trifft, mit ihm Bier trinkt, Zigaretten raucht und – in Anspielung auf einen seiner blutigsten Filme – eine Runde "Kill Bill" spielt, ist das sicherlich eher der von Lust-Angst geprägte Traum einer furchtlosen notorischen Kinogängerin.

Beim Gedanken an Mark Twain schlüpft sie in die Rolle von Tom Sawyer und streicht alpträumend einen niemals endenden Zaun, der Wunsch und Wirklichkeit trennt; und in Washington fantasiert sie einen Begegnung mit Barack und Michelle Obama im Weißen Haus herbei und sinniert mit ihnen beim Dinner über Literatur und Leben: Die Welt als Wille und Vorstellung, Arthur Schopenhauer lässt schön grüßen.

Zielloses Geplauder

Im Gegensatz zum Kultbuch von Ilf & Petrow ist Hoppes Reise-Fantasie nicht mehr als ein manchmal amüsantes und unterhaltsames, oft aber auch nerviges Geplapper und zielloses Geplauder. Ilf & Petrow haben damals mutig etwas gewagt, sie mussten zwischen Begeisterung und Opportunismus den richtigen Ton finden, wenn sie lebend wieder nach Moskau zurück kommen und nicht – es war die Zeit der großen Schauprozesse und blutigen Säuberungen – im Gulag landen wollten.

Felicitas Hoppe wagt gar nichts, sondern sucht ihr Heil in manieristischen Redundanzen: "Schreiben Sie das in Ihre Notizbücher, Gentlemen!" ruft sie alle zwei, drei Seiten aus, als wäre sie eine von Klatsch-Reportern umschwärmte Hollywood-Diva der 1930erJahre.

Und weil sie nicht nur an ihren Karl-May-süchtigen Vater denkt, sondern auch an ihre Mutter, die in die russische Literatur verliebt war, spielt sie permanent auf den ersten Satz aus Leo Tolstois "Anna Karenina" an, der bekanntlich heißt: "Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise." Wenn also Hoppe auf ihrer Amerikareise an Spione denkt, schreibt sie: "Alle glücklichen Spione sind einander ähnlich, jeder unglückliche Spion ist unglücklich auf seine Weise", und wenn sie in einem Café eine Kellnerin beobachtet, heißt es: "Jede Kellnerin ist unglücklich auf ihre eigene Weise".

Und dann gibt es noch diesen Satz, den sie immer dann schreibt, wenn sie etwas beobachtet, erlebt, was sie besonders ängstigt: "The fear starts here!" Ehrlich gesagt: Gefürchtet habe ich mich nicht beim Lesen, sondern – leider – einfach nur ziemlich gelangweilt. Ich habe selten einen so überflüssigen Reiseroman gelesen.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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