Gretchen Dutschke: "1968 – Worauf wir stolz sein dürfen"; Montage: rbb
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Erinnerungen - Gretchen Dutschke: "1968 – Worauf wir stolz sein dürfen"

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Wer heute also gegen den vermeintlichen 68er Mief argumentiert, argumentiert gegen die Freiheit, sagt Gretchen Dutschke in ihrem außerordentlich gut lesbaren Buch - und hat damit mehr als Recht.

Gretchen Dutschke erzählt in diesem Buch zuerst von sich, von ihrem Weg aus den USA nach West-Berlin, in die damalige Frontstadt des goldenen Westens, wo sie in Tegel Teller waschen musste, um Geld zu verdienen, und sich ein Zimmer mit einer Prostituierten teilte. Sie staunte über die nach ihren amerikanischen Maßstäben riesigen deutschen Handwaschbecken. Dann ging sie ins Cafè am Steinplatz, das damals ein beliebter Treff der Unangepassten, der Philosophiestudenten, Jungmarxisten und Gammler war, die man nicht in die sogenannten bürgerlichen Gaststätten ließ.

Da traf sie einen jungen Mann, der Bücher auf Polnisch las, wohlgemerkt 1964, und der junge Mann hieß Rudi Dutschke. Gretchen Dutschke schreibt: "Wir kamen ins Gespräch, das dann immer weiter ging, unser ganzes gemeinsames Leben lang."

"... in politischer Hinsicht desinteressiert"

Sie schildert ihr Leben mit Rudi Dutschke als sehr liebevoll, aber auch nüchtern: "(…) selbst lange private Briefe begann Rudi mit einer Analyse der aktuellen Kräfteverhältnisse zwischen Revolution und Konterrevolution". Sie beschreibt auch die Einschätzungen der Stasi über Rudi Dutschke, der ja aus der DDR kam und den die marxistisch-leninistischen Bekenntnisrituale in der Staatsbürgerkunde dort schlicht angeödet hatten. Gretchen Dutschke las also Stasi-Akten. Die Stasi schrieb, "(…) es wird eingeschätzt, dass der Dutschke in politischer Hinsicht desinteressiert ist".

Und dann erzählt Gretchen Dutschke auch von Rudi Dutschkes theoretisch aufgeladenen, meist recht komplizierten Reden, die niemand so recht verstand, und wie sie, die eben erst deutsch lernte, versuchte, mit ihm daran zu arbeiten.

"Who is who" der 68er Zeit

Die auf Rudi Dutschke bezogenen Passagen sind im Buch eingebettet in die Darstellung dessen, was als 1968 in Westdeutschland abging, der 2. Juni 1967, die Anti-Schah-Demo mit der Erschießung Benno Ohnesorgs durch die Polizei, die von den Demonstranten als Kriegserklärung des Staates / des Senats in West-Berlin an die Revolte richtig verstanden wurde, die Anti-Springer-Proteste, die Rufe der Bürger bei den Demos der Studenten, "vergast sie doch alle!", dann das Attentat auf Rudi Dutschke, der zwei Schüsse in den Kopf abbekam, die darauf folgenden Oster-Unruhen in ganz Westdeutschland mit Toten und hunderten Schwerverletzten, die Mai-Unruhen in Paris, die große Wut der 68er Rebellen, aber auch die männliche Macho-Kultur unter den linken 68ern, die der männlichen Machokultur ihrer Väter näher war als sie dachten, all das findet man auch in diesen Erinnerungen von Gretchen Dutschke, die auch ein "who is who" der 68er Zeit sind.

Nach der Nazi-Barbarei, schreibt Dutschke, fungierten in Westdeutschland in den 60ern  noch tausende Nazitäter als Richter oder Beamte, dutzende SS-Offiziere hatten im BKA oder im BND führende Positionen, und die Revolte der 68er Rebellen war gegen d i e gerichtet, und gegen die reelle Kriegsgefahr durch den Kalten Krieg. Die Revolte der 68er  ging nach vorn, sprach Tabus an, in der Geschlechterpolitik, in der Nazi-Aufarbeitung, gegen die Arroganz der Amerikaner in Vietnam. Erst die 68er, so Dutschke, machten die Bundesrepublik so freiheitlich, wie wir sie heute haben. Und darauf, sagt sie, könne man stolz sein.

Eine "Ehrenrettung"?

Ist dieses Buch nun eine "Ehren-Rettung" des inzwischen auch schon mal als "68er Mief und Siff" bezeichneten damaligen linken Milieus?

Nein, Dutschke benennt Ursachen und Wirkung. Vieles, was bei den 68ern übers Ziel hinausschoss, antiautoritäre Erziehung z. B., diskutiert man heute anders, nimmt auch manches zurück, aber dass in vielen gesellschaftlichen Bereichen damals eine Öffnung zu mehr Demokratie hin erfolgte, schreibt Gretchen Dutschke, ist heute Ausgangspunkt neuer Debatten, die es aber ohne die Prägungen der 68er Ereignisse und deren damaligen frischen Wind so im jetzigen Deutschland nicht geben könnte. Wer heute also gegen den vermeintlichen 68er Mief argumentiert, argumentiert gegen die Freiheit, sagt Gretchen Dutschke in ihrem außerordentlich gut lesbaren Buch, und sie hat damit mehr als Recht.

Salli Sallmann, kulturradio

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