Hartmut Lange: An der Prorer Wiek und anderswo; Montage: rbb
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Novellen - Hartmut Lange: "An der Prorer Wiek und anderswo"

Bewertung:

"Plötzlich geschah etwas, das er sich nicht erklären konnte": Das könnte als Motto über den neuen Novellen von Hartmut Lange stehen. Zehn kurze Geschichten über Vergänglichkeit und Ewigkeit versammelt der Schriftsteller in seinem Band "An der Prorer Wiek und anderswo".

Auf Rügen, in Binz sitzt ein erfolgreicher Maler im Kurhaus "und plötzlich geschah et­was, das er sich nicht erklären konnte." Eine Frau scheint durch ihn hindurch zu gehen, eben steuerte sie noch auf ihn zu, im nächsten Augenblick ist sie bereits auf der "gegen­über­liegenden Seite der Empfangshalle". Der Mann ist irritiert, versteht nicht, was man auch nicht verstehen kann. Er wird eine Porträtskizze von der Erscheinung anfertigen, den Beweis liefern, dass er sie gesehen hat. Und noch später wird er auf den Spuren die­ser Dame in Granitz eine leerstehende Villa finden, die inmitten all der rendite­trächtigen Häuser und exklusiv erneuerten Immobilien geisterhaft verlassen und ver­fallen da steht. Er wird sich umsehen und dort neu und anders malen, was seinem Berliner Gale­risten aber gar keinen Eindruck macht.

In einer Fortsetzungsgeschichte dieser den Band eröffnenden und titelgebenden Novelle "An der Prorer Wiek" wird die schöne Unbekannte noch einmal auftauchen, eine lebende Tote, der es nicht gelingt zur Ruhe zu kommen, die auf ewig mit der herunter gekom­menen Villa ihrer Familie verbunden ist.

Zehn Novellen

"Plötzlich geschah etwas, das er sich nicht erklären konnte": Das könnte als Motto über den zehn neuen Novellen von Hartmut Lange stehen. Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" steht leibhaftig an der Ostsee, eine betrogene Frau wird magisch angezogen von einem Kunstband mit dem Titel "Liebe, Angst, Tod", ein Mädchen wird von seinen Mitschülern gemobbt und hat als einzigen Schutz den eigenen Schatten; an der spani­schen Treppe läuft der Dichter Keats herum und in der Umgebung der Via Appia galop­pieren drei Reiter an einem harmlosen Touristen vorbei.

Vergänglichkeit und Geheimnis

Es geht stets um das Unwirkliche, um das, was noch lebendig ist, ob­wohl es lange schon vergangen und vergessen ist. Auf wenigen Seiten entwirft der Autor eine melancholische Atmosphäre von Vergänglichkeit und Geheimnis. Er erzählt die aller­feinsten Geisterge­schichten. Ob auf Rügen oder in der ewigen Stadt: Es passieren andauernd Dinge, die wir nicht verstehen, die unser Verstand nicht erklären kann. Dass sie jedoch da und wirklich sind, davon legt ja Literatur nicht zuletzt Zeugnis ab. Jeden­falls in den melancholischen und unaufgeregten Geschichten von Hartmut Lange.

Manuela Reichart, kulturradio

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