Jan Böttcher: Das Kaff; Montage: rbb
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Roman - Jan Böttcher: "Das Kaff"

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Wie so viele Großstädter stammt der Architekt Michael Schürtz eigentlich aus der Provinz, aus einem Kaff. Lokalpatriotismus gibt es da selten, die meisten leugnen gerne ihre wahre Herkunft. Doch Schürtz muss zurück ins Kaff...

Es geht schon mal schlecht los – und deshalb gut. Der Ich-Erzähler Michael Schürtz, ein Berliner Architekt, kommt im Kaff an, geht in der Ull baden, und sogleich klauen ihm ein paar vorwitzige Jungs Handtuch und Latschen. Mehr noch, sie wollen sich mit ihm anlegen. Das ist der schlechte Teil des Auftakts. Der gute: Schürtz weiß sich zu helfen, er schnappt sich den Rudelführer – und dann: "zugepackt, blitzschnell, seinen Oberarm knapp über dem Ellbogen, vier Finger auf dem Knochen und den Daumen auf dem Bizeps. Die Schraubzwinge."

Ergebnis: Ein Sieg auf ganzer Linie, der Wiederankömmling steht seinen Mann. Nur dass man denkt: Auf den Straßen von Berlin-Neukölln hätte die Schraubzwinge einer Jugendband womöglich nicht imponiert. 

Versammlungen, Fußball-Matches und Trinkgelage

Aber sei's drum, Schürtz ist jetzt nun einmal in dieser Kleinstadt irgendwo westlich von Berlin, wo er ein Neubauprojekt der Investorengruppe Christ Meckel Ahrens betreut. Schneller als gedacht, kommt er dem Kaff näher und das Kaff ihm. Er wärmt eine alte Liebschaft auf, trifft seinen ungeliebten Bruder Nuss und seine hilfssüchtige Schwester Jul wieder, stellte den Kontakt zu einer Reihe alter Freunde und Bekannter her, darunter der Tischler Sancho, ein genialer Handwerker und kompletter Analphabet, der dem Architekten, der einst sein Lehrling war, gewisse Grenzen aufzeigt.

Und Schürtz wird in seinem alten Fußball-Club Rot-Weiß zum ambitionierten Trainer der C-Jugend. Feste, Versammlungen, Fußball-Matches, Trinkgelage, Ärger auf dem Bau, technische Probleme, Gespenster der Vergangenheit: Schürtz erlebt nichts allzu Spektakuläres, aber er verstrickt sich in die Verhältnisse, seine neue Daseins-Form gewinnt an Plastizität.

Schräge Existenzen, absurde Aspekte

Manche Figur und manche Episoden haben satirische Züge, es gibt immer mal wieder etwas zu lachen. Aber! Das Kaff stellt gewiss kein obskures Hinterwäldlertum zum billigen Spott urbaner Eliten aus. Schon allein, weil die Berliner Existenzen, von denen Michael zwischendurch berichtet, ihrerseits keiner höheren Ordnung angehören, sondern in den üblichen Problemzonen des Kunst- und Freischaffenden-Milieus unterwegs sind. Michael selbst erkennt, dass er das Kaff in sich auch nicht losgeworden ist, nur weil er ein schwarzes Hemd, beste Levis und edle "Budapester von Forzieri" (erhältlich ab 300 Euro, d. Rezensent) trägt.

Der Klappentext behauptet, "Das Kaff" zeige die kulturelle Kluft, den Riss zwischen unten und oben, zwischen Stadt und Land – muss man nicht so sehen. Zwar karikiert Schürtz/Böttcher die feine Gesellschaft Hamburgs, die irgendwann ins Spiel kommt, sehr beherzt. Aber im Grunde porträtiert er hier wie dort normal schräge Existenzen und beweist ein gutes Auge für die absurden Aspekte der Normalität.

Fußball als basaler Sinnzusammenhang

Ob Schürtz wirklich Frieden mit dem Kaff macht, das hinter sich zu lassen eines der Hauptanliegen seines jungen Lebens gewesen war, sei dahingestellt. Fest steht, dass zwei Re-Integrations-Impulse besonders stark wirken. Zum einen seine frische Liebe zu der Spielermutter Carla, die in dem Neubauprojekt wohnt, das Schürtz betreut. Sein Jubel ist unmissverständlich: "Ich ziehe dahin, wo gevögelt wird." Aber auch über das Konkret-Libidinöse hinaus entwickelt sich eine ernsthafte Beziehung, Erziehungsfragen inklusive. Kaum weniger wichtiger: der Fußball. Böttcher selbst hat in der deutschen Autorennationalmannschaft gekickt und sie trainiert.

Er versteht es, Fußball als basalen Sinnzusammenhang darzustellen. Nicht umsonst endet das Buch auf dem wieder hergestellten, graslosen alt-neuen Fußballplatz. Schürtz zieht mit Flüssigkreide frischen Linien – nur den Mittelkreis vergisst er. Nimmt man das sinnbildlich, lässt sich sagen: Es bleibt ein Rest offen, aber insgesamt erweist sich die neue Existenz für Schürtz als gangbar.

Vergnüglich aber ohne Nachwirkungen

So weit so ordentlich. Nur weil sich der Architekt Michael auf Hausbau versteht, versteht er sich aber noch nicht auf eine solide konstruierte Geschichte. "Das Kaff" besteht aus einer Reihe hübscher Einzel-Episoden, lustiger Beobachtungen, konturierter Charaktere. Es ist – um das ergraute Wort zu nennen - "interessant". Doch einen Erzählsog hat der Rezensent nicht gespürt.

Böttcher lässt seine Recherchen über Bauleitung und Bautechnik oft nahezu unverarbeitet in den Roman einfließen, näheres Verständnis für das Milieu resultiert daraus nicht. Auch die Zeitgeschichte bekommt ihren Platz: Am Rande des Kaffs liegt ein Flüchtlingslager. Doch diese Zusatz-Ausstattung hat einen Willkür-Aspekt. Die zunehmenden Rückblenden in die Kindheit und Jugend sind eher ungeschmeidig. Und das in dem gewollte Ironie liegt, nach dem Motto 'besser können Architekten halt nicht schreiben', dafür fehlen die Anzeichen. Womöglich fehlt dem Wurf die letzte Überzeugungskraft, weil der Protagonist Michael Schürtz nicht so wirkt, als würde er über seine Rückkehr ins Kaff dringend ein Buch schreiben wollen.

Man liest "Das Kaff" nicht ohne Vergnügen, starken Nachwirkungen im Lektüre-Gedächtnis des Lesers können dem Roman jedoch nicht verheißen werden.

Arno Orzessek, kulturradio

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