"Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung"; Montage: rbb
Dumont
Bild: Dumont Download (mp3, 5 MB)

Roman - Karosh Taha: "Beschreibung einer Krabbenwanderung"

Bewertung:

Mit 9 Jahren kam die im Nordirak geborene Autorin Karosh Taha mit ihrer Familie nach Deutschland. Jetzt ist ihr Debütroman erschienen, darin zeichnet sie das Porträt der 22-jährigen Sanaa, für die Deutschland eine zweite Heimat geworden ist. Sie hat viele Träume und will ihr Leben frei gestalten, doch die Realität steht diesen Wünschen im Weg.

Es ist, als ob das Hochhaus, das Sanaa ansieht mit tausenden Augen zurück schauen würde. Die totale soziale Kontrolle umgibt die junge Studentin in dem tristen Einwandererviertel, in dem sie wohnt. Und eine Logik die keiner außerhalb dieser Gegend versteht. Sie den Leserinnen und Lesern zu vermitteln, macht die Kraft dieses Romans aus.

Der Panzer eines Krebses

Sanaa lebt in zwei Welten. Sie ist Anfang zwanzig, studiert, hat einen Freund und mehrere Lover – und sie hat eine Familie. Mit ihr lebt sie in einer kleinen Wohnung in einer Hochhaussiedlung, um sie herum ebenfalls Einwandererfamilien, die wie sie aus dem Nordirak stammen. Man bleibt unter sich mit all den Erinnerungen an die Heimat, dem guten Essen, den Traditionen und – den geplatzten Träumen von einem besseren Leben in der Fremde.

Auch Sanaas Eltern hatten sich genau das immer gewünscht: ein besseres Leben in Europa. Doch der Traum vom sozialen Aufstieg hat sich nicht verwirklichen lassen. Und so sind nun beide, Vater und Mutter depressiv, die Kinder kümmern sich um sie, die Rollen sind verkehrt und Vorbilder weit und breit nicht in Sicht. Während die Mutter geistesabwesend und dauerfröstelnd an die Wand, aus dem Fenster oder vom Balkon starrt, kratzt sich der Vater regelmäßig die dünn gewordene Haut blutig. Die Krusten wirken auf Sanaa wie der Panzer eines Krebses.

Das Krabbenkind

Der Titel "Beschreibung einer Krabbenwanderung" mag sich auch darauf beziehen. Aber es gibt auch eine ganz konkrete Geschichte, die ihn erklärt. Als Sanaa im Nordirak an einem Fluss einmal von einer Krabbe gezwickt wird, erzählt ihr der Vater, das sei ein Krabbenkind gewesen, das die Eltern bei der Auswanderung vergessen hätten. Seitdem ließe die Krabbe keinen mehr an sich heran. Auch Sanaas Familie lässt etwas in der Heimat zurück: Die Träume, die Lebensfreude und die Hoffnung, es möge ein gutes Leben für sie geben.

Großartige Literatur

Karosh Taha erzählt ihre Geschichte in einer kräftigen, sinnlichen Sprache, die auch das Befremdliche nicht meidet, wenn es um die die Beschreibung der Welt geht, in der die Familie ihrer Protagonistin lebt. Da schleckt zum Beispiel die Nachbarin, die ohnehin aussieht wie ein Frosch, Sanaa, die eine Augenentzündung hat, ganz unvermittelt das betroffene Auge aus und heilt sie so. Da werden Haarstähnen abgeschnitten, um mit ihnen eine Art Vodoozauber zu betreiben oder Flüche auf Menschen gelegt, die nicht so wollen, wie die Gesellschaft.

Dass Sanaa diese Welt nie mit der Welt des Studiums und der sogenannten "Mehrheitsgesellschaft" in Verbindung bringen wird, bringt sie oft zur Verzweiflung. Wie Karosh Taha ihre Leser an dieser Zerrissenheit teilhaben lässt und sie unbedingt nachvollziehbar macht, ist ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag aber vor allem großartige Literatur.

Julia Riedhammer, kulturradio

Weitere Rezensionen

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis © Elsinor Verlag
Elsinor Verlag

Roman - Arthur Koestler: "Sonnenfinsternis"

Der Roman Sonnenfinsternis, erschienen erstmals 1940 in England, 1948 in Deutschland, erlebte im Kalten Krieg riesige Auflagen. Und noch zu Zeiten der Entspannungspolitik schlugen dogmatische und undogmatische Linke einander die Köpfe damit ein.

Bewertung: