Laurence Sterne: "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman"; Montage: rbb
Galiani
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Zum Wiederlesen empfohlen - Laurence Sterne: "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman"

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"Tristram Shandy" ist nicht nur ein wahnwitziges und urkomisches Lese-Abenteuer, es ist auch ein wegweisendes Werk der literarischen Moderne, bis heute verehrt und kaum je wider erreicht.

Kurz vor Ende seines Lebens wird aus einem unscheinbaren Dorfpfarrer aus Yorkshire ein Schriftsteller von Weltruhm. Sein 9-bändiger Roman über "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" verursacht wegen seiner vielen erotischen Anspielungen und literarischen Boshaftigkeiten nicht nur einen Skandal, er macht Laurence Sterne mit einem Schlag berühmt. Als sein zweiter literarischer Streich erscheint - "Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick" - liegt der Autor bereits im Sterben.

Am 18. März jährt sich der Todestag von Laurence Sterne zum 250. Mal. Für den Berliner Verlag Galiani ein guter Anlass, um nicht nur den Roman über "Tristram Shandy" neu herauszubringen, sondern auch - vom 23. bis 25. März - im Berliner Literaturhaus ein dreitägiges Sterne-Spektakel zu veranstalten.

Neue Gestaltung, Anmerkungen und neuer dokumentarischer Anhang

Die Gestaltung, auch die Anmerkungen und der dokumentarische Anhang zu Leben und Wirken von Laurence Sterne sind neu, aber die Übersetzung der neuen "Tristram Shandy"-Ausgabe ist es nicht, oder wenn, dann hat Übersetzer Michael Walter wohl nur noch einmal an einigen Worten und Sätzen dieses genial-monströsen und mit seinen Wortschöpfungen und grammatikalischen Seltsamkeiten kaum ins Deutsche übersetzbaren Romans gefeilt.

Im Anhang, in dem auch noch einmal die wichtigsten deutschen Übersetzungen der vergangenen 250 Jahre aufgelistet werden - und das sind einige! -, findet sich auf Seite 851 der Hinweis, dass die vorliegende Übersetzung des "Tristram Shandy" bereits 2006 im Eichhorn Verlag und 2015 bei Galiani als Taschenbuch erschienen ist. Die wiederum sind allesamt nur minimale Variationen und leichte Verbesserungen der Übersetzung, die Michael Walter bereits in den 1980er Jahren vorgelegt hat, in neun einzelnen Bänden, beim leider längst verstorbenen Haffmans Verlag in Zürich.

Wer also diese wunderschöne alte Haffmans-Ausgabe im Bücherregal hat, muss jetzt nicht loslaufen und sich eine neue kaufen: Denn eigentlich kommen die vielen, leicht variierten Übersetzungen von Michael Walter zum immer wieder gleichen Ergebnis: "Tristram Shandy" ist nicht nur ein wahnwitziges und urkomisches Lese-Abenteuer, es ist auch ein wegweisendes Werk der literarischen Moderne, bis heute verehrt und kaum je wider erreicht. 

Es gibt stilistisch, erzähltechnisch nichts, was es nicht gibt

Das Genial-Verrückte liegt darin, dass Sterne mit Erzählweisen, Sprachfantasien und Gestaltungsmöglichkeiten des Genres spielt und den modernen Roman bereits dekonstruiert, bevor es ihn überhaupt gibt, wenn wir heute vom Roman als "Bewusstseinsstrom" sprechen, vom filmischen Erzählen, vom postmodernen Roman, der permanent die Perspektive wechselt, der über die Bedingungen und Möglichkeiten des Schreibens nachdenkt, der dem Autor dazu dient, über sich selbst zu reflektieren und die Sprache dazu benutzt, sich eine eigene Fantasie-Welt zu erschaffen, dann ist das alles, was uns Autoren wie James Joyce oder Paul Auster als literarische Neuigkeiten vorführen, bei Laurence Sterne längst vorhanden.

Im "Tristram Shandy" spult der Erzähler ständig vor und zurück, schiebt philosophische Reflexionen und erotische Anekdoten ein, er spricht mit dem Leser, schlüpft auch mal in eine andere Figur, spielt mit der Ambivalenz von Erzähl-Zeit und erzählter Zeit, findet den Gedanken toll, dass er jahrelang an einem Roman herum laboriert und doch, was die Handlung betrifft, kaum vom Fleck kommt und immer noch, bis auf einen kleinen Ausflug auf den Kontinent, in Yorkshire in "Shandy Hall" festsitzt und über sich und seine groteske Familie und seine absurden Ansichten schreibt, und das auf eine Art und Weise, die man bis dahin nicht gesehen hat: Es gibt tausende Gedankenstriche und tausende Sternchen, denn tausendfach unterbricht er sich und schiebt Gedanken und Anekdoten ein, wenn jemand stirbt, dann trauert der Autor mit einer komplett schwarz bedruckten Seite, wenn er den Leser zum Nachdenken auffordert, ist die nächste Seite weiß und frei gelassen, damit man sich dort Notizen machen kann, wenn eine Figur ihre Worte dadurch betont, dass sie mit einem Stock in der Luft herumfuchtelt, dann gibt es eine schwarz gedruckte Schlangenlinie auf der Papier, jedes einzelne der neun Bücher besteht aus unzähligen Kapiteln, manche umfassen mehrere Seiten, manche bestehen nur aus einem einzigen Satz, manche Kapitel werden ausgelassen und später eingefügt, ein Kapitel wird sogar ganz ausgespart mit dem Hinweis, es sei so gut geschrieben, es hätte die anderen Kapitel beschämt. Gedichte werden eingeschoben, kleine Erzählungen, es gibt stilistisch, erzähltechnisch nichts, was es nicht gibt - das zieht manche Leser in den Bann, andere treibt es in den Wahnsinn.

Rudimentäre Handlung

Eine Handlung gibt es allenfalls in Rudimenten, und die werden auch nicht chronologisch, sondern je nach Lust und Laune satirisch in den unendlichen Bewusstseinsstrom hineingetunkt. Vom Leben und den Meinungen der Titelfigur erfährt man fast gar nichts, stattdessen erfahren wir vieles über Tristrams Vater, Walter, einem moralisierenden Alltagsphilosophen, und über Tristrams Onkel, Toby, einem Soldaten, der bei einer Schlacht in der Schamgegend verwundet wurde, den Dienst quittieren musste und nun mit seinem alten Kumpel frühere Schlachten nachspielt, wir erfahren viel über Zeugung und Zangengeburt, über Steckenpferde und Knopflöcher, über die Schwierigkeit, für den Sohn den passenden Namen zu finden, über Beschneidung und Ehebruch, über Postkutschen und schlechten Straßen in Paris, denn in einem Band unternimmt Tristram ja eine Reise nach Frankreich und Italien, die er dann in seiner "Empfindsamen Reise" unter dem Namen Mr. Yorick noch ausführlicher beschreiben wird. Mr. Yorick, der auch schon im "Tristram Shandy" eine wichtige Rolle spielt, hat sich Laurence Sterne von Shakespeare ausgeborgt: in "Hamlet" hat der Dänen-Prinz mit Yoricks Toten-Schädel eine vertrackte Konversation von weltliterarischer Tiefe und zeitloser Bedeutung. 

Ein Spektakel im Literaturhaus

Beim dreitätigen Spektakel (23.-25. März) im Berliner Literaturhaus wird man das Literaturhaus in "Shandy Hall" verwandeln und entsprechend ausschmücken, Vorträge halten, mit dem Übersetzer Michael Walter diskutieren, Feste feiern, musizieren und eine 24-stündige Lesung des "Tristram Shandy" abhalten, Sterne-Fans wie Pieke Biermann und Jenny Erpenbeck, Durs Grünbein und Ulrich Peltzer, Marion Brasch und Sven Regener werden von Samstagnachmittag bis Sonntagnachmittag durchgehend lesen, da sollte man Schlafsäcke mitbringen und darf gespannt sein, wie die Vorlesenden all die Gedankenstriche, Sternchen, schwarzen und weißen Seiten in Worte verwandeln, welchen Ton sie für dieses geniale Literatur-Monstrum finden und wie sie die Zuhörer in den Strudel des aberwitzigen Gedankenflusses ziehen: Das müsste ziemlich heiter werden!

Frank Dietschreit, kulturradio

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