Lavinia Braniște: "Null Komma Irgendwas" © mikrotext
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Belletristik - Lavinia Braniste: "Null Komma Irgendwas"

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Was, wenn man nur die Null ist? Ein Generationenporträt aus dem Rumänien der Gegenwart

Eine junge Frau in Bukarest namens Cristina, sie arbeitet in einer Baufirma als Sekretärin, führt eine lauwarme Fernbeziehung zu einem Mihai – so weit, so unaufregend. Doch hinter Lavinia Braniștes Roman "Null Komma Irgendwas" steckt mehr. Das Buch hat die rumänische Gesellschaft offenbar tief ins Mark getroffen – 2016 wurde der Roman zum besten Buch des Jahres gewählt.

Lavinia Braniște wurde 1983 geboren, bei der Rumänischen Revolution war sie also erst sechs Jahre alt, als sie zu schreiben begann, gab es keine Zensur mehr, mit der sich ältere rumänische Schriftstellerinnen und Schriftsteller auseinandersetzen mussten. Auf der Buchmesse in Leipzig, auf der sich Rumänien gerade als Gastland präsentiert hat, wurde häufiger thematisiert, dass die Todesopfer der Rumänischen Revolution bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet wurden.  

Interessanterweise erwähnt Lavinia Braniște die Revolution in ihrem Buch mit keinen Wort – und dennoch ist "Null Komma Irgendwas" die scharfe Analyse einer Gesellschaft, die die  Vergangenheit noch aufarbeiten muss, die um Werte ringt und die im täglichen Kampf um die reine Existenz oft ermüdet.

Die Erzählerin hat studiert, eigentlich wäre sie gerne Übersetzerin, doch der feste Job bei der Baufirma verspricht ihr ein wenig Planungssicherheit. Doch was möchte sie eigentlich planen? Im Büro langweilt sie sich, als Sekretärin mit der Durchwahl Null – in Rumänien gibt es dafür den Begriff "die Null sein", daher auch der Titel – ist sie Mädchen für alles, emotionaler Mülleimer für Kollegen und Opfer von Machtspielchen ihrer Vorgesetzten. Eine schöne Wohnung findet sie auch nicht, ihre Beziehung ist alles andere als romantisch – kurz: Die Kluft zwischen Anspruch und Realität wird immer größer.  

Eine starke Stimme aus Rumänien

Damit schreibt sich Lavinia Braniște natürlich aus dem Rumänisch-Regionalen hinein in eine durchaus universale Literatur, zumal ein weiteres Thema des Romans die Mutter-Tochter-Beziehung ist. "Ich warte schon jahrelang darauf, dass sie mir etwas über das Leben beibringt", heißt es an einer Stelle. "Ich warte darauf, dass sie ihren Mund aufmacht und mir etwas Massives sagt, etwas Handfestes. Etwa: Die Sache ist genau so und nicht anders." Die Mutter lebt in Spanien, auch für die Erzählerin stellt sich die Frage: Soll sie das Land verlassen, wie mehrere andere Millionen Rumänen auch?

Ein junger, zynischer Roman mit Tiefgang über die Sehnsucht nach Orientierung und die Strukturen des Lebens, die dem Alltag viel schneller als man möchte  den Rhythmus vorgeben. Eine starke Stimme aus Rumänien.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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