"Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser"; Montage: rbb
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Erzählungen - Samanta Schweblin: "Sieben leere Häuser"

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Eine "Virtuosin der Verstörung" nannte sie die New York Times: Samanta Schweblin. "Sieben leere Häuser" heißt der neue Erzählband der preisgekrönten argentinischen Schriftstellerin. Und schon der Titel lässt Düsteres vermuten.

Sieben Erzählungen. Sieben Häuser. Sieben Mal die zwingende Logik des Irrsinns. Die argentinische Erzählerin Samanta Schweblin ist eine Meisterin der Hyperrealität: Ihre früheren Erzählungen – in dem preisgekrönten Band "Die Wahrheit über die Zukunft", der 2010 auf Deutsch erschien – klangen ein bisschen so, als habe die Autorin Jorge Luis Borges und Ray Bradbury ein geheimes Zwiegespräch abgelauscht. 2014 erschien ihr bislang einziger Roman ("Das Gift"), der die Qualität ihrer Kurzgeschichten nicht ganz erreichte.

Und nun also wieder Erzählungen, in der Sphäre des Familiären, des Häuslichen angesiedelt: dort, wo der ganz normale Wahnsinn des Alltags ausgebrütet wird. Eine Tochter begleitet ihre Mutter, die in fremde Gärten – manchmal sogar Häuser – eindringt, und Dinge zurechtrückt, durcheinanderbringt, mitgehen lässt und im Garten begräbt. Ein Sohn versucht, seine nackt im Garten tollenden Eltern vor seiner Exfrau zu verbergen, während die gemeinsamen Kinder sich gerade ebenfalls nackt mit den Großeltern verbünden.

Logisch und irrational zugleich

Egal, ob Samanta Schweblin von absonderlichen Gepflogenheiten erzählt, von trauernden Nachbarn, einem glücklosen Kinderschänder oder einer Frau im Bademantel auf der Straße: Ihre Figuren verhalten sich logisch und irrational zugleich, indem sie ihren eigenen Normen folgen, ihren Impulsen, ihren Gewohnheiten. Sie durchbrechen die Wände der Realität, wie wir sie kennen.

Am eindrucksvollsten geschieht das in der Erzählung "Die Höhlenatmung": Lola, eine alte Frau, lebt mit ihrem Mann in einem der schlechteren Viertel von Buenos Aires. Sie bereitet sich auf den Tod vor, indem sie ihren Besitz in Kisten verpackt; je unheimlicher und fremder ihr die Umgebung wird, desto zwanghafter kontrolliert sie ihr Haus, ihren Mann, die Dinge im Haus. Und desto sehnsüchtiger wartet sie auf den Tod.

Im Lauf der Erzählung wird die dunkle Seite ihrer Sehnsucht sichtbar, eine Feindseligkeit der Welt und den Menschen gegenüber, die sich in zunächst kleinen, dann immer größeren Bosheiten zeigt wie Maulwurfshaufen auf einem Rasen.

Großartige psychologische Studie

Samanta Schweblin bleibt hier – wie in allen ihren Erzählungen – ganz konsequent bei ihrer Hauptfigur, und überlässt es ihren verstörten Lesern, die Grenze zwischen Realität und Albtraum ausfindig zu machen. Es ist eine klassische Horrorgeschichte – und zugleich eine großartige psychologische Studie.

In diesem Buch gibt es kein düsteres Raunen und auch kein überflüssiges Adjektiv. Hier ist der Irrsinn Verwandter und Nachbar, der schon seit Jahren mit uns im leeren Haus wohnt und auf der Treppe grüßt.

Katharina Döbler, kulturradio

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