"Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen"; Montage: rbb
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Erzählung - Volker Weidermann: "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen"

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Volker Weidermann erzählt in seinem Buch "Träumer" von der besonderen Rolle der Schriftsteller in den revolutionären Zeiten 1918/19.

Im Herbst 1918 treffen mehrere Krisen aufeinander. Das deutsche Kaiserreich hat den Krieg verloren, der Hunger der unterversorgten Bevölkerung nach vier Jahren Krieg, der revolutionäre Umsturz der Bolschewiki in Russland und aus alldem resultierend, aus Kriegserschöpfung und Ratlosigkeit und der Wut auf die Entscheidungsträger im Staat: der völlige Zusammenbruch der Glaubwürdigkeit der bestehenden staatlichen Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft.

Das betraf nicht nur Berlin und München, sondern das gesamte im Taumel befindliche Deutschland. In dieser Situation erheben nicht wenige in der damaligen deutschen Dichterhauptstadt München lebende Schriftsteller auch als Redner und bei Tumulten das Wort oder auch das Gewehr – überall in Deutschland bewaffneten sich Arbeiter, verbrüderten sich heimgekehrte Soldaten und eben auch engagierte Autoren.

Dichtung soll DIREKT das Leben gestalten

In dieser chaotischen, stimmungsgeladenen Atmosphäre und Gemengelage stellt sich der Schriftsteller und Journalist Kurt Eisner an die Spitze des ersten Münchner Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates, und es beginnen Wahlen zu den Räten der Selbstverwaltung – nach Vorbild der russischen Sowjets, was ja nichts als Räte heißt.

Kurt Eisner gilt selbst bei Kampfgenossen wie Rosa Luxemburg als ein Fantast und schöngeistiger Prophet, sein letztes Buch heißt "Die Träume des Propheten", darin steht der Satz "Die Kunst ist nicht mehr Flucht aus dem Leben, sondern gestaltet das Leben selbst". DAS ist es! Dichtung soll DIREKT das Leben gestalten, nun auch die Politik. Der Dichter Erich Mühsam z. B. will Räte-Außenminister werden, wird aber gerade noch zurückgehalten. Kurt Eisner aber erklärt sich zum provisorischen bayerischen Ministerpräsidenten.

Viel gutes Wollen

In diesen Tagen der Verunsicherung werden viele große Worte geschwungen, DIE lichte Zeit nach DEM Dunkel des Krieges bricht an, alles scheint zusammenführbar und zusammen möglich: radikaler Pazifismus, militanter Anarchismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Phantasie – übrigens zunächst ohne Unterstützung der jungen KPD. An der Spitze der Rätebewegung stehen Schriftsteller wie Ernst Toller, Gustav Landauer, auch Oskar Maria Graf, mit jeweils sehr unterschiedlichen sozialistisch-anarchistischen Entwürfen.

Viele Schriftsteller, die in Regierungsfunktionen kamen, predigten recht salbungsvoll, Erich Mühsam etwa schrieb "… wenn einst das Wort die Tat gebiert …", aber Volker Weidermanns Buch zeigt, auch die anderen, etwas verhalteneren Autoren in München, wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke oder Ricarda Huch ergingen sich in überkandidelten Texten. Man war rhetorisch angesteckt, während die Organisation etwa von Enteignungen und Wohnungsverteilungen für Bedürftige usw. zwar beschlossen, doch kaum umgesetzt wurde. Also: Viel Chaos und Durcheinander und viel gutes Wollen.

Ein gutes Buch

Dieses Buch ist keine politische oder Literatur- und Literatengeschichte der Räterepublik, sondern eher eine rasante Politik- und Schriftsteller-Collage, aus der Perspektive von Beteiligten und Beobachtern vor Ort, ein Tatsachen-Thriller über ein einzigartiges Ereignis der deutschen Geschichte, das in einem Blutbad durch die Freikorps endete.

Weidermann erzählt leicht und assoziativ von den aberwitzigen Plänen und von schreiender Unprofessionalität der Revolutionäre, er macht sie nicht lächerlich, sondern zeigt sie – in ihrem Ungenügen. Eine gute Arbeit, und gutes Buch.

Salli Sallmann, kulturradio

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