Gay Talese: High Notes; Montage: rbb
Hoffmann & Campe
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Reportagen - Gay Talese: "High Notes"

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Er hat den New Journalism mit begründet, seine Reportagen sind glänzende Beispiele eines literarischen Journalismus, der keine Patina angesetzt hat.

Das Interview mit Frank Sinatra war 1965 kurzfristig abgesagt worden, der Sänger hatte eine Erkältung und war überhaupt schlechter Laune, weil seine Mafia-Verbindungen öffentlich geworden waren. Der Reporter ließ sich jedoch nicht beirren, er blieb in der Nähe, recherchierte, redete mit Freunden und Weggefährten, durfte schließlich bei einer Fernsehaufzeichnung des indisponierten Stars dabei sein, sprach aber kein Wort mit ihm. Und verfasste schließlich eine 55-seitige Reportage, die Zeitungsgeschichte schrieb. Die Zeitschrift "Esquire" erklärte sie anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums gar "zur bes­ten Geschichte aller Zeiten".

Die Arbeitsweise des "New Journalism"

20 Jahre später erinnerte sich Gay Talese an diesen Text und seine Entstehungsumstände und dachte darüber nach, warum niemand mehr arbei­tet, wie er und seine Kollegen des "New Journalism" das getan hatten. Es kam nicht auf die Spesen an, man konnte sich Zeit lassen – und es gab keine Aufnahmegeräte, auf die man sich beim Interview verlassen konnte. Sich an das Gespräch später erinnern, einen Menschen ge­nau beobachten, herausbekommen, was hinter den Worten steckt, das sei stets sein Ziel gewesen. Seine Arbeitsweise nennt er im allerbesten Understatement "herum­hän­gen".

Es geht in diesen dreizehn glänzenden literarischen Reportagen des (1932 geborenen) Autors etwa um die sexuelle Befreiung der Sechziger- und Siebzigerjahre, um seine italienische katholische Familie inmitten einer protestantischen Umgebung, um die Opernsängerin Marina Poplavskaya, die er in Moskau besucht und auf Reisen begleitet, um die Kleider einer bekannten Restaurantbesitzerin oder die gemeinsame Studioaufnahme von zwei großen Stars, von Tony Bennett und Lady Gaga, die bei der ersten Begrüßung ihre Brille abnahm "und einen kurzen, wie ein Krummsäbel gebogenen Lidstrich neben beiden Augen zum Vorschein brachte, der sich Richtung Schläfe emporwand und entfernt an zwei Anchovis erinnerte."

Manuela Reichart, kulturradio

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