Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein; Montage: rbb
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Bestseller-Check - Hannah Arendt: "Die Freiheit, frei zu sein"

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Aus dem Dunkel der Archive auf die Spiegel-Bestsellerliste: Das ist eine hübsche Karriere für ein paar Blatt Papier!

Weder einen Titel noch ein Datum trug das Manuskript, das Jerome Kohn, ein ehemaliger Assistent von Hannah Arendt, in der Library of Congress in Washington fand. Klar ist, dass der Text zu den kleineren Arbeiten und Vorträgen gehört, die rund um das 1963 veröffentlichte Hauptwerk "On Revolution" entstanden sind.

Man weiß auch, dass Arendt eine ähnliche Fassung 1967 vor dem Committee of Social Thought (ein konservativer Thinktank) in Chicago vorgetragen hat. Der schöne Titel "Die Freiheit, frei zu sein" geht auf eine Formulierung zurück, die Arendt selbst benutzt, aber nicht erfunden hat. Sie stammt ursprünglich von dem amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau.

Arendt denkt in "Die Freiheit, frei zu sein" über die modernen Revolutionen und die Freiheit und über das Verhältnis von Revolution und Freiheit nach. Der zeithistorische Hintergrund – Kuba-Krise, Revolutionen in Südamerika, Freiheitskämpfe ehemaliger Kolonien – ist dezent in den Text eingetragen. In der Hauptsache aber blickt Arendt auf die Amerikanische und die Französische Revolution. Gemeinsam sei ihnen, dass die Menschen eine "leidenschaftliche Sehnsucht" danach hatten, "sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen".

Die Amerikanische Revolution gelang aus Arendts Sicht, weil es genügend Menschen gab, die über den nötigen Wohlstand verfügten, um der gemeinsamen Sache nachzugehen – allerdings auf Kosten der rechtlosen Sklaven.

Die Französische Revolution – für Arendt insgesamt eine "Katastrophe" – endete im Terror und in der Diktatur Napoleons. Die Revolutionäre konnten zwar die alte Ordnung stürzen und zwischenzeitlich eine neue erschaffen, waren aber zugleich mit dem Massenelend der Bevölkerung konfrontiert. Und das ließ sich mit politischen Mitteln nicht überwinden – denn "die ungeheure Macht des Zwangs brach vor dem Ansturm der Revolution nicht zusammen, anders als die royale Macht des Königs". Anders gesagt: Es fehlte an der Freiheit der Vielen, die von der täglichen Fron ums Überleben befreit sind.

Der Freiheit geht nach Arendt die Befreiung (zunächst von der Despotie) voraus. Und die positive Freiheit, die sie vor dem Hintergrund der antiken Polis denkt, ist etwas anderes und viel mehr als die sogenannte negative, liberale Freiheit, die Bürger vor allem durch Schutzrechte vor den Übergriffen von Staat und Gesellschaft schützt. Für Arendt ist Freiheit immer politisch. Sie ist der Substanzkern des Politischen.

So verstanden, realisiert sich die Freiheit im Zusammenwirken freier und gleicher Bürger, die öffentlich aushandeln, wie sie gemeinsam leben wollen. Und das durchaus im Streit, durchaus mittels persönlichem Ehrgeiz inklusive des Dranges, zu glänzen und der Beste sein zu wollen – aber im Dienste der gemeinsamen Sache. Diese Freiheit ist republikanisch und das unverzichtbare Medium des politischen Handelns.

Das Revolutionen solche Freiheit befördern, ist in der Realität nicht ausgemacht. Sie können in Terror und Stalinismus enden, das bedenkt Arendt jederzeit. Aber weil durch Revolutionen das Neue in die Welt kommt, eröffnen sie grundsätzlich Ermöglichungsspielräume. Und deshalb hat Arendt allen bitteren Ereignissen der Geschichte zum Trotz einen pathetisch-positiven, normativ eingefärbten Revolutions-Begriff: "Der Sinn von Revolution ist die Verwirklichung eines der größten und grundlegendsten menschlichen Potentiale, nämlich die unvergleichliche Erfahrung, frei zu sein für einen Neuanfang, woraus der Stolz erwächst, die Welt für einen Novus Ordo Saeclorum geöffnet zu haben."

Fragt man nach der aktuellen Bedeutung von Die Freiheit, frei zu sein, ergibt sich ein gemischtes Bild. Sind die Revolutionsversuche im arabischen Raum gescheitert, weil es zu wenig Menschen gab, die vom täglichen Existenzkampf befreit größere Horizonte ins Auge fassen konnten? Wenn ja, würde das Ahrendts These untermauern, dass Revolutionäre außer Tritt geraten, wenn sie zugleich für ökonomische Befriedigung der Massen sorgen müssen.

Andererseits hat Arendts Ideal von positiver Freiheit angesichts der westlichen Massendemokratien samt angeschlossenen Verwaltungsarchitekturen etwas Verträumtes. Vielerorts ist selbst die negative Freiheit in Form von Schutz- und namentlich Menschenrechten längst nicht garantiert. Mark Zuckerberg hat Facebook jahrelang als Raum der Freiheit und als globale Agora beworben – heute wären viele Nutzer gern besser geschützt vor den sinistren Übergriffen seiner Big-Data-Krake.

"Die Freiheit, frei zu sein" hat hier und da Patina angesetzt, vom Arendtschen Denken aber gehen weiterhin nützliche Impulse aus. Insofern ist das kleine Büchlein ein Bestseller der erfreulichen Sorte.

Arno Orzessek, kulturradio

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