Hans Christoph Buch: "Stillleben mit Totenkopf"; Montage: rbb
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Roman - Hans Christoph Buch: "Stillleben mit Totenkopf"

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Was intellektuelle, emotionale, schriftstellerische Reflexionsfähigkeit vermag, zeigt uns in beeindruckender Sprachkraft dieses neue Buch von Hans Christoph Buch - als autobiografischer Roman.

Die Hauptperson in diesem Roman genannten Buch von Hans Christoph Buch ist der Autor Hans Christoph Buch, und als selbiger erzählt er sein Leben, nicht nur das Schriftstellerleben wohlgemerkt. Es gibt auch Episoden aus der Kindheit, etwa als im Krieg durch Zufall Buchs Heimatstadt Wetzlar von den allierten Bomben verschont wird.

Und wenn es stimmt, dass ein Roman auch aus Essays über Lebensabschnitte bestehen kann, dann ist dieses Buch eben ein autobiografischer Roman, in dem Autorenpersönlichkeit und Erzähler im verwendeten "Ich" zusammengehen. Das ist als Erzählmittel bekanntermaßen gerade sehr angesagt. Im Übrigen folgt dieser Band Hans Christoph Buchs autobiografischen Romanen "Baron Samstag" (2013) und "Elf Arten, das Eis zu brechen" (2016).

Chronist des Schreckens

Das Buch hat einen sehr konkreten Startplatz, es beginnt in einem Herz der Finsternis, im Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, wohl derzeit das elendste Land Afrikas, wo Massenmord, Terror und ungezügelte Gewaltkriminalität Alltag sind, und endet in einem offenen Brief an Bundespräsident Steinmeier, der sich auf Afrika bezieht. In einem atemlosen, nächtlichen, albtraumhaften, fast gedichtartigen Dialog mit dem Tod steigt der Erzähler in die Beschreibungen eines sehr reellen Totentanzes ein, die das Konzept des Buches eröffnen. Der Leser merkt rasch, so, wie Buch schreibt, gibt er sich keinerlei Hoffnungen auf Ruhm und die Ehre des Dichterdaseins mehr hin, sondern der Dichter stellt sein Können als Chronist des Schreckens unter Beweis.

Essys, Anekdoten & rzählende Erinnerungspassagen

In drei großen Kapiteln lässt uns Hans Christoph Buch kaleidoskopartig in Schlüsselszenen seines Lebens hineinschauen, der Autor Buch ist einmal literarisches 19-jähriges Wunderkind in den 60ern in der Gruppe 47,  dann ist er ein von der Frau verlassener Kriegsreporter im schmutzigen afrikanischen Dschungelkrieg in den 90ern, oder er erinnert an Schriftstellerkollegen, die vom Literaturbetrieb vergessen oder weggedrängt wurden. Dabei verbindet Buch Stilmittel des Essays, der Anekdote und auch erzählende Erinnerungspassagen, aber auch pamphletartige Abschnitte miteinander.

Vom Schriftsteller zum Kriegsreporter

Besonders interessant wird es, wenn der Wandel des Schriftstellers Buch hin zum Kriegsreporter nachzulesen ist. "Das Jahr 1995", resümmiert Buch einmal, "war das aufregendste Jahr meines Lebens." Der Kriegsreporter Buch durchreist ab 1995 von Haiti bis Ruanda Krisenregionen und Bürgerkriegsschauplätze und entdeckt das Böse bei sich selbst, denn er schreibt, "und ich ertappte mich dabei, dass ich enttäuscht war, wenn kein Blut floss in einem Kriegsgebiet (…)“. Und in den "Erinnerungen an den Literaturbetrieb", einem anderen Kapitel,  geht es unter anderem um den Lyriker Wolfgang Maier; der 1973 im Alter von 39 Jahren an einem Bissen Wurst erstickte, oder um den Autor Lothar Baier, dessen Schicksal ein böses Lehrstück über die tragische, die Kehr-Seite des Literaturbetriebs ist.

Die Titelabbildung des Buches zeigt einen Mönch ohne Kopf, der einen Totenschädel hält, das erinnert an die mittelalterlichen Vanitas-Bilder, die ja nicht den Tod meinen, sondern die Erinnerung an die Vergeblichkeit oder auch Nichtigkeit menschlichen Daseins, vielleicht auch Bescheidung einfordern, Beschränkung, vielleicht auf etwas Gesamtheitliches, Einheitliches. Das meint Buch wahrscheinlich auch mit der Genrebezeichnung "Roman" für dieses Buch.  

Er hat einmal gesagt, im Lauf des Älterwerdens kümmere er sich immer weniger um literarische Konventionen, und sowohl seine Reisen wie auch seine Beschäftigung mit dem Literaturbetrieb seien Teil von etwas, das zusammengehöre. Deswegen würde die Genrebezeichnung "Roman" auch stimmen. Was intellektuelle, emotionale, schriftstellerische Reflexionsfähigkeit vermag, zeigt uns in beeindruckender Sprachkraft dieses neue Buch von Hans Christoph Buch - als autobiografischer Roman.

Salli Sallmann, kulturradio

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