Hellmuth Opitz: In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten © Pendragon
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Gedichte - Hellmuth Opitz: "In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten"

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Poetische Magie - Die neuen Gedichte von Hellmuth Opitz bringen alltägliche Momente zum Leuchten und erzählen Geschichten, die sehr fein beobachtet sind.

Die Gedichte von Hellmuth Opitz waren und sind handfest und verstehbar. Dabei sind sie ganz und gar fein ziseliert, man bemerkt beim Lesen quasi den Sprachschliff. Sechs Jahre nach seinem letzten Gedichtband "Die Dunkelheit knistert wie Kandis" legt Hellmuth Opitz mit diesem Band wieder gut gemachte lesbare Gedichte vor, es gibt Gesänge auf die Poesie einer Autobahnraststätte, raufaserverputzte Sonntage, Obdachlose als Zackenbarsche, beim Blättern in diesem Band bemerkt man schnell, hier kann einer mit Sprachbildern jonglieren, und das fein abgestimmt auf die Kapiteleinteilungen, die uns den Dichter Hellmuth Opitz in sehr unterschiedlichen Empfindungswelten zeigen.

Klare Kraft

Der Band beginnt mit Liebesgedichten, das Kapitel heißt "Dein Gesicht gehört geküsst", und das Gedicht "Leviten lesen" zum Beispiel geht so los: "Also bitte: Dieser Lippenstift ist doch wohl / eine Kampfansage. Oder eine Blüte. Soviel Gift. / Und so viel Güte (…) Doch ganz gleich, mundtot oder / wundrot. Deine Lippen sind Schiessbudenrosen, / so ballerst du deine Sätze heraus. Und nennst das Freiheit der Rede (…)."

Hier spürt man die sprachliche Kraft im Anfang, der mit dem Titel "Leviten lesen" durchaus arbeitet und auch spielt. Oder ein anderer Anfang, der Text heißt "Sag es so": "Komm, wirf mir etwas an den Kopf / Briefbeschwerer, Wiskyglas / ein fieses Schimpfwort, irgendwas / damit ich weiss, die Wut ist echt / (…) und bitte keine Jammerklage / was ich mir denn hier erlaube / Knall mir lieber eine rein. Und / Sag es so, dass ich es glaube". Das hat eine ultimativ klare Kraft, die durch die  gelegentlich eingesetzten Reime noch verstärkt wird.

Daneben gibt es Gedichte über Bettler und über’s Betteln. In diesem mit "Skulpturenpark der Demut" überschriebene Kapitel vergleicht Opitz Bettler und Penner etwa mit Zackenbarschen, Zitat,

"In den Tiefen der Unterführungen bilden sich Riffe / Korallen aus Taubenscheisse / (…) wer dort hinabtaucht, kann auf sie treffen (…) die struppigen Männer, mürrische Einzelgänger, die sich aus dem Dunkel hervorfächeln wie Zackenbarsche, die Unterlippe vorgeschoben, als würden sie schmollen."

Beschrieben werden unterschiedliche Typen von Bettlern, Opitz thematisiert hier explizit und formsicher dieses Phänomen, das jeder von uns kennt und so gut wie möglich zu übersehen versucht, und er ist ein genauer Interpret mit den Handwerksmitteln der Skepsis und der Selbstironie. Er scheint bestimmte Bettlerpersönlichkeiten genauer zu kennen, und er beschreibt sie mit Achtung und auch voller Respekt, aber immer sehr unerbittlich poetisch, indem er keine Schmus-Verse über die, die ganz unten leben, erzählt.

Von Rap bis Sonett

Zur lyrischen Methode des Hellmuth Opitz gehört, dass er ganz verschiedene hat, gelegentliches Reimen wurde schon genannt, es gibt Einflüsse des Rap bis hin zum Sonett, und insgesamt sind es sieben Kapitel, darunter auch eines mit "Gegenstandsgedichten", bei denen es u.a. um Späße geht, Gedichte wie "Miele ist müde", in der eine Waschmaschine ein Schleudertrauma bekommt.

Das Titelzeilengedicht bezieht sich auf sich selbstgemachte Zitronen-Limonade einer offenbar faszinierenden Mutter eines Freundes. Die Limonade leuchtet bernsteinfarben. Und das Gedicht endet so: Jahrtausende später wird man uns finden / gefangen in solchen Bernsteinmomenten / (…) winzige Einschlüsse: du, ich deine Mutter, der Durst, / den nie ein Getränk zu löschen vermochte."

Salli Sallmann, kulturradio

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