James Baldwin: "Von dieser Welt"; Montage: rbb
dtv
Bild: dtv Download (mp3, 5 MB)

Zum Wiederlesen empfohlen - James Baldwin: "Von dieser Welt"

Bewertung:

Baldwins sprachmächtiger Roman, der sozial und religiös weit ausgreift und ein Panorama gesellschaftlicher Unterdrückung entwirft, zwingt einen als Leser vor Bewunderung in die Knie.

Einige Zeit schien es, als sei James Baldwin, die wohl wichtigste literarische Stimme der Schwarzen Freiheitsbewegung in den USA, in Vergessenheit geraten. Doch seit Präsident Obama den 1987 verstorbenen Autor als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnete und Filmemacher Raoul Peck 2016 einen Dokumentarstreifen über Leben und Wirken von Baldwin in die Kinos brachte, ist der im New Yorker Stadtteil Harlem aufgewachsene Autor, der mit Malcolm X über die Schwarze Revolution diskutierte und mit Martin Luther King für mehr Bürgerrechte demonstrierte, in den USA wieder in aller Munde. Auch hierzulande deutet sich eine Renaissance an. Im Verlag dtv ist jetzt eine Neuübersetzung von Baldwins Debütromans "Go Tell It on the Mountain" von 1953 erschienen. 

Ein schwieriger Titel

Doch der Roman, der in Deutschland "Gehe hin und verkünde es vom Berge" hieß, hat nun den Titel "Von dieser Welt" bekommen. Man kann das durchaus für eine Missachtung des Autors und seiner Intentionen halten, für die "Verweltlichung" eines Romans, in dem es um die Verheerungen religiösen Wahns geht und um Menschen, die vor allem um eines kämpfen: um ihr Seelenheil und ihre wahre Identität als Schwarze in einer von Weißen beherrschten Gesellschaft.

Baldwin hat jahrelang mit dem Roman gerungen und wusste lange nicht, wie er Thema und Sprache zusammenbringen sollte, er hat sich dann ganz bewusst für diesen Titel - "Go Tell it On The Mountain" - entschieden, der auf einen bekannten Gospel-Song anspielt und bereits andeutet, wovon der Roman im Kern handelt: Es ist ein Roman über den Zusammenhang von religiöser Verzückung und politischer Unterdrückung, ein Roman über den Glauben von Schwarzen, die sich einer von Weißen geprägten Religion und einem weißen Gott verschrieben haben und dabei nicht merken, dass sie mit der Sehnsucht nach dem Paradies ihre vermisste Freiheit ins Jenseits verschieben und mit der Verkündigung des christlichen Glaubens auch ihre eigene Unterdrückungsgeschichte akzeptieren und permanent fortführen.

Im Zentrum des Romans steht ein 14-jähriger Junge, John Grimes, Stiefsohn eines bekannten Predigers in Harlem, Gabriel Grimes, und alle erwarten von diesem sensiblen und klugen Jungen, dass auch aus ihm einmal ein großer Prediger werden wird: Nur John selbst zweifelt daran und sucht nach dem für ihn richtigen Weg ins Leben. 

Authentisch und wahrhaftig

Was John Grimes im Roman durchlebt, hat auch James Baldwin am eigenen Leibe erfahren, und alle wichtigen Personen - Stiefvater Gabriel, Mutter Elizabeth, Tante Florence - haben eine Entsprechung im Leben des Autors. Natürlich hat Baldwin die autobiografischen Elemente verfremdet, aber sein literarisches Credo war immer, dass ein guter Schriftsteller, will er authentisch und wahrhaftig sein, von seinen eigenen Erfahrungen ausgehen muss, bevor er sie dann vom Privaten ins Allgemeine transportiert und von der Ich-Analyse zur Gesellschafts-Kritik vordringt.

Wir sind in den 1930er Jahren, es ist der 14. Geburtstag von John, und es ist der Tag, an dem er das erste mal darüber nachdenkt, wer er ist und wer er sein möchte, ob der von seinem Stiefvater vorgelebte Glaube überhaupt zu ihm passt und ob es nicht auch andere Dinge im Leben gibt, als jeden Abend in die Kirche zu gehen und zu beten. Es ist der Tag, an dem Johns Bruder Roy von Messerstichen schwer verletzt nach Hause kommt, an dem John seinen Stiefvater verflucht, bei einem Gottesdienst eine Art Erleuchtung und Erweckung hat, und nach einer langen Reise durch die dunkle Nacht am nächsten Morgen ein anderer, neuer Mensch ist.

Eine Geschichte über die Nachwirkungen der amerikanischen Sklaven-Gesellschaft

Manche meinen, Baldwins "Go Tell it on The Mountain"/"Von dieser Welt" sei eine "Schwarze Version" von Salingers "Fänger im Roggen", in dem auch ein Jugendlicher, Holden Caulfield, um eine neue, erwachsene, selbstbestimmte Identität kämpft. Aber gegen Baldwins sprachmächtigen Roman, der sozial und religiös weit ausgreift und ein Panorama gesellschaftlicher Unterdrückung entwirft, ist Salingers beschwingte und unterhaltsame Coming-Of-Age-Fabel doch eher ein literarisches Leichtgewicht.

John ist in seinem Gottes-Zweifel und seiner Ich-Suche auch nur die literarische Klammer für eine viel tiefer gehende Geschichte über die Nachwirkungen der amerikanischen Sklaven-Gesellschaft, die wie ein Gift in die Gegenwart hineinwirkt. Stiefvater, Mutter, Tante, sie alle bekommen eigene Kapitel, die Baldwin "Gebete" nennt: Wir hören darin die Lebensgeschichten von Gabriel, Elizabeth und Florence, sie alle sind, in der Hoffnung auf Freiheit, Arbeit und Einkommen, aus dem Süden, wo ein Schwarzes Leben nichts gilt, in den Norden, nach New York geflohen.

Sie alle haben Schlimmstes erlebt und können es nicht vergessen: Gabriel, einst ein Raufbold und Frauenheld, hat die Liebe seines Lebens und seinen Sohn, Royal, verraten und verleugnet und ist jetzt ein bigotter, selbstherrlicher Prediger. Als Elizabeth gerade mit John schwanger war, hat ihr Geliebter, Richard, nachdem er von der "weißen" Polizei fast zu Tode geprügelt und zutiefst gedemütigt wurde, sich die Pulsadern aufgeschnitten, und Florence ist in New York von einer lebenslustigen zu einer verbitterten, alten Frau geworden, die ihren Bruder Gabriel hasst und sich dann doch voller Gottesfurcht in den Staub wirft und dem Vergebung bittet. 

Flirrender und berauschender Erzählton

Baldwin erzählt von all dem mit geradezu alt-testamentarischer Wucht, so dass man als Leser fast erdrückt wird und vor Bewunderung in die Knie gehen muss. Sein Erzählton ist flirrend und berauschend, er mischt auf geniale Weise den Alltags-Slang der Schwarzen mit der fast aus der Zeit gefallenen, pathetisch klingenden Sprache der Bibel und der salbadernden Predigt. Das versetzt einen in einen wahren Leserausch.

Und nachdem jetzt klar ist, dass die Präsidentschaft von Obama die Unterdrückung der Schwarzen nur ein wenig kaschiert und die Präsidentschaft von Trump die Vorherrschaft der Weißen wieder zur gewalttätigen Alltäglichkeit gemacht hat, liegt es nahe, sich auf die vielleicht bedeutendste literarische Stimme des Schwarzen Widerstands zu besinnen: Wenn der Rassismus institutionalisiert ist, die Gefängnisse die Fortsetzung der Sklaverei mit anderen Mitteln sind und die Polizei in manchen Gegenden auftritt wie eine fremde Besatzungsmacht, ist es Zeit sich an Baldwin zu erinnern, der beschrieben hat, wie Unterdrückung und Selbsthass sich in einer einst von Sklavenhaltern gegründeten Gesellschaft auswirken.

Baldwin zeigt, dass die Geschichte nicht vergangen, sondern Gegenwart ist, dass  Freiheit und Revolution erst noch kommen und vollendet werden müssen. "I am not a nigger. I am a man", hat Baldwin allen Weißen entgegen gerufen, die in ihm immer nur den Schwarzen, den Neger, den Feind, den Fremden sehen wollen, und nicht den Menschen, der um seine Freiheit und Würde kämpfen muss.

Frank Dietschreit, kulturradio

Weitere Rezensionen

Goran Vojnović: Unter dem Feigenbau © Folio Verlag
Folio Verlag

Roman - Goran Vojnović: "Unter dem Feigenbaum"

In seinen bisher drei Romanen macht der Autor Goran Vojnović immer wieder die finsteren jugoslawischen Urfehden und Blut-Mythen zu seinem Thema. Darum geht es auch in seinem neuesten Werk. Sigrid Löffler hat es gelesen.

Bewertung: