Slavoj Žižek über Das Kommunistische Manifest © Fischer
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Sachbuch - Friedrich Engels, Karl Marx und Slavoj Žižek: "Das Kommunistische Manifest"

Bewertung:

In dieser Ausgabe des Kommunistischen Manifests wird der Originaltext von 1848 von einem Text des Philosophen und Kulturkritikers Slavoj Žižek begleitet. Der untersucht die wichtigsten marxistischen Begriffe und bewertet, was heute noch wichtig ist.

Vor 170 Jahren, im Februar 1848, erscheint das von Karl Marx und Friedrich Engels verfasste "Kommunistische Manifest". Schnell wird es in unzählige Sprachen übersetzt, zur Pflichtlektüre der Arbeiterbewegung und zur Anleitung sozialer Umwälzungen. Das ist lange her.

Doch weiß eigentlich heute noch jemand, was wirklich im "Manifest" verhandelt wird und wie aktuell es ist - im 200. Geburtsjahr von Karl Marx? In einem neuen Fischer Taschenbuch veröffentlicht jetzt der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek einen Aufsatz mit dem Titel: "Die verspätete Aktualität des Kommunistischen Manifests". Abgedruckt ist außerdem der Originaltext von Marx und Engels.

"Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Es ist wahrlich frappierend, wie sprachmächtig, weitsichtig und überzeugend diese gerade einmal 50 Seiten "Manifest" daherkommen, die mit dem legendären Satz beginnen: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus", um gleich zu Anfang den Feinden Angst einzujagen und den Anhängern Mut und Kraft zu geben. In vier knappen Kapiteln umreißt Marx dann die kommunistischen Grundgedanken: Im ersten Kapitel wird das Verhältnis von "Bourgeois und Proletarier" beschrieben und die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften als die Geschichte von Klassenkämpfen. Die List der Geschichte besteht darin, dass im modernen Kapitalismus die Herrschende Klasse mit der Hervorbringung der ausgebeuteten, entfremdeten Arbeiterklasse ihren eigenen Untergang heraufbeschwört und besiegelt.

Im zweiten Kapitel ("Proletarier und Kommunisten") versucht Marx, Einwände gegen den Kommunismus zu widerlegen: da geht es um den Entwurf einer Gesellschaft, in der Kinderarbeit abgeschafft ist, Frauen selbstbestimmt leben und arbeiten können, Glaubens- und Religionsfreiheit herrscht, alle Produktionsmittel vergesellschaftet sind. Im dritten und vierten Kapitel polemisiert Marx gegen reaktionäre, feudale, konservative Sozialisten und macht klar, dass wahre Kommunisten ihre Absichten - nämlich den "gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnungen" - nicht verheimlichen, dass die Proletarier nichts als ihre Ketten zu verlieren haben und eine bessere Welt gewinnen können, und Marx schließt mit den zum politischen Gemeinplatz gewordenen Aufruf: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

"Eiertanz"

Wer erwartet hat, Žižek würde sich die wichtigsten Thesen und Prognosen des "Manifests" vornehmen und Punkt für Punkt analysieren, was davon im Laufe der letzten 170 Jahre politisch relevant wurde, was heute - einerseits - noch wichtig und richtig ist und was wir heute - andererseits - getrost als Irrtum in die Geschichtskiste verstauen und vergessen können, wird nach der Lektüre seines Essays arg enttäuscht sein.

Denn Žižek befragt das "Manifest" auf eine so verschwiemelte Art und Weise, probiert so viele verquere dialektische Gedankenexperimente durch und macht so viele intellektuelle Schlenker in alle möglichen zeitgeistigen Denkrichtungen, um uns zu verklickern, dass Marx noch immer aktuell ist, aber eben ganz anders, als wir denken.

Er kommt dabei aber so wenig zu fest fixierbaren und zu greifbaren Ergebnissen und Formulierungen, dass ich beim Lesen unwillkürlich an einen alten Aufsatz von Hans Magnus Enzensberger denken musste: Unter dem Titel "Journalismus als Eiertanz" hat Enzensberger einmal (1962) furios die gedanklichen Marotten und sprachlichen Macken der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) analysiert und herausgearbeitet, wie mit Nachrichten Politik gemacht wird und zur Meinungsmache mutiert.

Diesen sprachlichen und gedanklichen "Eiertanz", das Spiel mit Ideen, das ironisch im Ungefähren stochert und nie sagt, was es eigentlich meint, wird bei Žižek zur Methode: den Aufsatz zu verstehen und auf einen Gedankenkern zu reduzieren, ist genauso schwierig, wie einen Pudding an die Wand zu nageln.

Idiotische Irrtümer und gefährliche Illusionen

Marx hat uns, laut Žižek, auch heute noch sehr viel zu sagen, weil er bereits im "Manifest" die Internationalisierung und Globalisierung des Kapitalismus erkannt hat. Doch der Kapitalismus kommt nicht - wie Marx annahm - an sein Ende, weil das Proletariat ihn hinwegfegt, sondern weil der globale Kapitalismus sich selbst abschafft und mit kostenlosen digitalen Programmen und Produktionsformen, die nicht mehr auf klassischer Ausbeutung beruhen und auch keinen Profit erwirtschaften, neue Formen des kollektiven Eigentums schafft. Schon Marx sagte: Nationales geistiges Eigentum wird zu globalem Gemeingut, nationale Literatur zur Weltliteratur.

Auch wenn es längst kein Proletariat im klassischen Sinne mehr gibt, so gibt es doch gerade in digitalen Zeiten prekäre Verhältnisse, neue Formen der Sklaverei, Arbeitsbedingungen, die jeder Beschreibung spotten. Es gibt überall in der Welt Armut und Ungleichheit, aber es gibt kein revolutionäres Subjekt, das ein Klassenbewusstsein hätte und die Gesellschaftsordnung umstürzen könnte: Wenn einige Linksradikale meinen, mit den globalen Flüchtlingsströmen würden auch revolutionäre Hoffnungen die Grenzen überschreiten, die sich in Ost und West, Nord und Süd zu einem revolutionären Flächenbrand ausweiten könnten, dann sind das für Žižek idiotische Irrtümer und gefährliche Illusionen.

Dass die radikale westliche Linke heute die Lücke der fehlenden Proletarier durch Import von außen füllen möchte und hofft, eine Revolution durch einen "outgesourcten revolutionären Ersatz-Akteur" zu bekommen, erinnert Žižek an den historischen Fehler, den schon Lenin beging, als er aus Mangel an revolutionären Arbeitern in Russland die Bauern zur Revolution anstachelte und damit die ganze Marxsche Revolutions-Theorie und das kommunistische Zukunftsmodell aus dem "Manifest" ad absurdum führte.

Weil sich im Gewand der scheinbaren Freiheit immer mehr Unfreiheit verbirgt, weil die Verwertung digitaler Produkte immer weniger Profit abwirft, weil immer mehr fiktives statt reales Kapital den Markt beherrscht, weil die neuen globalen Machthaber (Mark Zuckerberg, Bill Gates, Jeff Bezos) mit ihrer propagierten Geschäftsidee (alle Infos teilen, immer kooperativ leben und solidarisch handeln) schlagende Argumente für ihren eigenen Untergang und die kommunistische Zukunft liefern, wird - laut Žižek - das System schlicht und einfach kollabieren und an sich selbst zugrunde gehen. 

Offen, nicht dogmatisch

Philosoph Žižek hat sich selbst immer wieder als Marxist und Kommunist bezeichnet: er meint das als ironisches und dialektisches Gedankenspiel, so wie er auch die Präsidentschaft von Donald Trump freudig begrüßt hat, weil sich jetzt endlich die Widersprüche des Kapitalismus in ihrer größtmöglichen Schärfe offenbaren würden und sich die Opposition zum Handeln aufraffen müsste.

Und überhaupt, so meint Žižek, könne heute nur noch Marxist sein, wer sich vom dogmatischen Marxismus lossagt und Marx nicht als versteinertes System, sondern als offene Geste postuliert und wer sich daran erinnert, dass Marx im "Manifest" von einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft als einer "Assoziation" spricht, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist."

Parteibonzen in der verblichenen DDR, in der untergegangenen Sowjetunion, in Diktaturen wie China oder Nordkorea schwören zwar offiziell auf Marx und das "Manifest", haben es aber offensichtlich weder richtig gelesen noch wirklich verstanden. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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