Toni Morrison: Die Herkunft der Anderen © rowohlt
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Vorlesungen - Toni Morrison: "Die Herkunft der Anderen"

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Was ist schwarz? Und kann man Hautfarben in der Literatur ignorieren? Kluge Denkanstöße der afroamerikanischen Nobelpreisträgerin

Die Wahl von Donald Trump sei die Antwort weißer Amerikaner auf einen schwarzen Präsidenten gewesen, sagen viele, auch die Schriftstellerin Toni Morrison. In der Zeitschrift New Yorker schrieb sie nach der Wahl unter dem Titel "Making America white again" über die Angst von Weißen, das Überlegenheitsgefühl zu verlieren und verweist auf William Faulkner, in dessen Roman "Absolom Absolom" die Vermischung von Farbigen und Weißen als größerer Tabubruch beschrieben wird als Inzest.

Gedanken, die sich auch in ihren Vorlesungen finden, die sie Anfang 2016, als die USA noch im Wahlkampf waren, unter dem Titel "Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur" an der Harvard Universität hielt. Barack Obama, der erste schwarze Präsident der USA, war noch im Amt. Es gab Hoffnungen auf eine postrassistische Zeit. Dass Donald Trump die Wahl gewinnen würde, glaubte damals kaum einer.

Das Anderssein am eigenen Körper erfahren

Wenn man Morrisons Vorlesungen nun zur Hand nimmt, lesen sie sich wie eine "Hilfe zum Verständnis, wie wir in unsere heutige Situation geraten konnten", wie Ta-Nehisis Coates treffend im Vorwort schreibt. Die Vorlesungen bieten Denkanstöße und Erklärungsansätze: Was bedeutet schwarz? fragt die Literaturnobelpreisträgerin zum Beispiel, denkt über den "Fetisch Farbe" nach, über "romantisierte Sklaverei" und das "Anderssein". Fragen, die Morrisons Vorlesungen u.a. auch im Europa der Flüchtlingsbewegungen zur hochaktuellen Lektüre machen.

Das "Othering", wie man es auf Englisch so wunderbar sagen kann, das "Andersmachen", ist erlernt, nicht angeboren. Die erste Vorlesung beginnt mit einer Episode, die Morrison als wichtige Urszene ihres Werkes beschreibt: Die legendenumwobene Urgroßmutter wurde erwartet, sie kam, sah die spielenden Urenkelinnen an und sagte: "Diese Kinder sind verpfuscht worden". Was sie meinte: Sie selbst war "teerschwarz", Toni Morrison und ihre Schwester etwas heller. Ein Plädoyer also für eine Art Rassenreinhaltung, auf der schwarzen Seite. So hat Morrison das Anderssein am eigenen Körper das erste Mal erfahren. "Unsere Rasse ist das Menschsein", sagt sie an einer Stelle, Rassismus habe nur eine soziale Funktion.

Kann man Hautfarben in der Literatur ignorieren?

Davon ausgehend untersucht sie in den Vorlesungen die Angst vor dem Fremden, zählt Beispiele auf, wie weiße Farmbesitzer schwarze Sklaven entmenschlichten, um Misshandlungen und Vergewaltigungen zu rechtfertigen. Und nennt Beispiele aus der Literatur, neben Faulkner zum Beispiel Ernest Hemingway, bei dem Hautfarben zum dramaturgischen Vehikel werden, wenn er schwarze Schurken auftauchen lässt, die er konsequent nicht beim Namen, sondern "Nigger" nennt oder im Roman "Der Garten Eden" die schwarze Hautfarbe sexualisiert und exotisiert.

Manche ihrer Vorlesungen geraten zu halben Lesungen, wenn sie zum Teil etwas zu ausführlich sich selbst zitiert. Dennoch: Hier öffnet sie Einblicke in ihre Schreibwerkstatt, erklärt zum Beispiel ausführlich, wie sie auf die Geschichte von "Menschenkind" stieß, ihr berühmter Roman über eine Mutter, die ihr Kind umbringt, um es vor den Qualen der Sklaverei zu schützen. Spannend auch ihr poetischer Umgang mit Hautfarben. So hat sie oft bewusst die ethnische Zugehörigkeit unkenntlich gemacht, was interessanterweise bei den Lesern Irritationen auslöste, wenn sie die Figuren nicht sofort als schwarz oder weiß einordnen konnten.

In ihrem Roman "Heimkehr" versuchte sie in einer ersten Fassung, die Hautfarbe ganz zu ignorieren, doch ihr Verlag wurde nervös und bat um mehr Hinweise zur Hautfarbe, worauf sie heute, so Morrison rückblickend, nicht mehr eingehen würde. Zur Zeit arbeitet die 87-Jährige an einem neuen Buch, das das Thema ihrer Vorlesungen zum Roman gemacht hat: Es geht um einen Mann, der, wie alle anderen Menschen auch, nicht als Rassist geboren wird - aber in einer Gesellschaft aufwächst, die ihn zum Rassisten macht.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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