Franziska Gräfin zu Reventlow: Der Geldkomplex; Montage: rbb
Launenweber
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Zum Wiederlesen empfohlen - Franziska Gräfin zu Reventlow: "Der Geldkomplex"

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Franziska zu Reventlow, die Skandalgräfin der Schwabinger Bohème, lebte von 1871 bis 1918 ein abwechslungsreiches, buntes, produktives  – und ziemlich anstrengendes Leben.

Auf der Flucht vor ihren Gläubigern und auf Anregung ihres Freundes, das dichtenden Anarchisten Erich Mühsam, zog sie 1910 nach Ascona, dem damaligen Mekka der Aussteiger: Künstler, Reformer, Esoteriker, Kommunarden und Schriftsteller, darunter viele bekannte Namen, suchten dort das bessere Leben.

Obwohl die arme Gräfin keineswegs angetan war von den "Vegetariern mit langen Locken" und einen entspannteren, gerne auch glamourösen Lebensstil bevorzugte, blieb sie mangels bezahlbarer Alternativen mit ihrem halbwüchsigen Sohn am Monte Verità – und wartete auf eine Erbschaft.

Die bizarre Geschichte dieser Erbschaft schilderte sie – kaum verschlüsselt - in dem satirisch-autobiografischen Roman "Der Geldkomplex". Franziska zu Reventlow war, ebenso wie ihre Ich-Erzählerin, eine Scheinehe mit einem versoffenen und verwilderten baltischen Baron eingegangen, der sich über die Heirat seine Erbschaft sichern wollte. Die Ehefrau sollte die Hälfte davon bekommen, ohne irgendwelche Verpflichtungen ihm gegenüber einzugehen.

Erzählt wird die Geschichte als Briefroman, geschrieben aus einem Tessiner Sanatorium für Nervenleiden, in dem auch ein Anhänger einer neuen Lehre, der Psychoanalyse, praktiziert.

Bei der Patientin wird ein schwerer "Geldkomplex" festgestellt. Denn nicht sexuelle Verdrängung ist schuld an ihren Symptomen, sondern die Verdrängung materieller Notwendigkeiten. "Mein Leben lang war ich allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen, nur den wirtschaftlichen nicht."

Aber solange im Sanatorium niemand verlangt, dass ihre Rechnung bezahlt wird, ist sie erst einmal in Sicherheit und kann sich in Erwartung der Erbschaft ihrer Umgebung widmen: Ein versoffener reicher Russe, ein atheistischer Pfarrerssohn, ein Glücksritter und Bankrotteur, ein ausgebrannter Wissenschaftler, die Witwe eines Baulöwen und ein schwarzgekleideter Idiot bilden bald eine lustige, verzweifelte und sich jeder Klinikordnung entziehende Clique.

Trotz der satirischen, oft auch koketten Heiterkeit seines Erzähltons klingt die authentische Verzweiflung seiner Autorin ob ihrer prekären Situation durchaus mit. Und höchstwahrscheinlich wäre das Buch nie geschrieben worden, hätte sie nicht dringend wieder Geld gebraucht - die Sache mit der Erbschaft klappte nämlich nicht ganz so, wie es geplant war.

Franziska zu Reventlow, die nicht nur schrieb, sondern auch malte, ist auch nicht wegen ihres eher schmalen Werks berühmt geworden – sondern weil sie als Ikone der Bohème so verschwenderisch lebte.

Katharina Döbler, kulturradio

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