"George Saunders: Lincoln im Bardo"; Montage: rbb
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Roman - George Saunders: "Lincoln im Bardo"

Bewertung:

Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Abraham Lincolns geliebter Sohn Willie mit nur elf Jahren. Der trauernde Vater soll damals allein am Grabmal Abschied genommen haben. Im Roman von George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust.  

Der amerikanische Autor George Saunders, Jahrgang 1958, ist gelernter Geophysiker und seit 1997 Hochschullehrer für Kreatives Schreiben an der Syracuse University im Bundesstaat New York. Mit seinen Shortstory-Sammlungen (darunter: "BürgerKriegsLand fast am Ende", "Bounty-Land", "Pastoralien" und "10. Dezember") genießt er Kult-Status in der anglo-amerikanischen Literatur-Welt als Meister der modernen Kurzgeschichte. Er schreibt dystopische, satirische Storys über das Leben kleiner Leute unter dem Druck einer alles kolonisierenden Kommerz-Kultur und in einer Welt, gesteuert von globalen Unternehmen, Konzern-Bürokratien und alles durchflutender Werbungs- und Medien-Sprache.

Saunders zählt – auch wegen seines brillanten linguistischen Spiels mit Soziolekten und anderen Sprechstilen – zu den Meistern der amerikanischen Postmoderne und wird oft in die Avantgarde-Nähe zu seinem verstorbenen Freund David Foster Wallace gerückt. Für seinen lang erwarteten ersten Roman "Lincoln in the Bardo" wurde er im Vorjahr mit dem britischen Man Booker-Preis ausgezeichnet. Nun erscheint "Lincoln im Bardo" auch auf Deutsch.

Originelle narrative Technik,

In diesem Debüt-Roman entfaltet Saunders eine originelle narrative Technik, die das Format des Genres "Roman" entscheidend verändert und erweitert. Ebenso ungewöhnlich sind die Geschichte, die er erzählt, und der Ton, in dem er sie erzählt: "Lincoln im Bardo" ist ein Geister-Roman, der, historisch präzise verankert in einem Krisenmoment der amerikanischen Geschichte, voll schwarzem Humor und bizarrer Komik die Themen Trauer und Tod verhandelt.

Der persönliche Verlust-Schmerz eines Vaters, der um seinen toten Sohn trauert, wird durch die Figur des Romanhelden mit der nationalen Tragödie des amerikanischen Bürgerkriegs kurzgeschlossen: Der trauernde Vater ist Präsident Abraham Lincoln, der in einer doppelten, einer privaten und nationalen, politischen Krise gezeigt wird, im Februar 1862, als Lincolns elfjähriger Sohn Willie an Typhus stirbt, während der Präsident sich erstmals der horrenden Verluste an Menschenleben in einem Bürgerkrieg bewusst wird, der zudem für die Nordstaaten verloren zu gehen droht.

Brillante Übersetzung

Der Bardo ist ein buddhistisches Konzept aus dem Tibetischen Totenbuch, das dem westlichen Konzept des Purgatoriums ähnelt – ein jenseitiges Durchgangsstadium, in dem die Seelen der Toten die Wiedergeburt oder den Aufstieg in eine andere Seins-und Bewusstseinsstufe erwarten. Für George Saunders ist der kleine Willie der titelgebende "Lincoln im Bardo", der noch gar nicht weiß, dass er tot ist. Doch auch Willies Vater befindet sich in einem Durchgangsstadium, in seinem persönlichen Bardo: Indem der Präsident nach langem Sträuben den Tod seines Sohnes endlich anerkennt und den geliebten Jungen gehen lässt, kann er sich auch dazu durchringen und findet die Kraft, die Verantwortung für den Tod so vieler Söhne des Landes auf sich zu nehmen, um des Erhalts der nationalen Einheit willen.

Der Roman spielt in der Nacht nach Willies Begräbnis auf dem Friedhof Oak Hill in Georgetown, nahe Washington. In dieser Nacht kehrt der trauernde Präsident allein auf den Friedhof zurück, um in der Gruft den Sarg zu öffnen und seinen toten Sohn noch einmal in die Arme zu nehmen – eine historisch beglaubigte Episode. Diese liebende Berührung eines Lebenden für einen Toten elektrisiert die Geister der Toten, die wie allnächtlich ihren Gräbern entsteigen und auf dem Friedhof, teils orgiastisch herumtobend, als unstoffliche Schatten ihr wüstes Unwesen treiben – lauter tote Seelen im Bardo, die noch nicht wissen, dass sie tot sind, immer noch befangen in den Kämpfen, Leiden, Gewissensbissen, Träumen und Versäumnissen ihres früheren Lebens, in das sie zurückzukehren hoffen. Das vielstimmige Geschnatter der in allen möglichen Soziolekten durcheinanderredenden Totengeister bildet den Erzähler-Chor des Romans, der eigentlich keine Erzähler-Instanz hat. Diese Stimmen-Collage ist eine besondere Herausforderung für den deutschen Übersetzer: Frank Heibert meistert sie brillant.

Ironisierende Absichten

In dieses polyphone Stimmengewirr sprenkelt George Saunders Schnipsel teils realer, teils erfundener historischer Dokumente ein, Zitate aus Zeugnissen von Zeitgenossen und aus sekundären Quellen, zumeist in ironisierender Absicht, um deren Unzuverlässigkeit und Fragwürdigkeit vorzuführen. So können sich die Gäste eines Empfangs, den die Lincolns im Weißen Haus gaben, während Willie oben im Krankenbett fieberte, im Nachhinein nicht einmal über das Wetter in jener Nacht einigen (wolkenverhangen finster oder strahlend mondhell), auch nicht über den Mond (Vollmond, Sichelmond oder Neumond), geschweige denn über dessen Farbe (gelbrot, silbern, grün oder blau).

Aus der Kakophonie der untoten Geister auf dem Friedhof – ein Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung jener Zeit – treten einige Stimmen besonders prägnant hervor: ein Drucker, dem ein Balken auf den Kopf fiel, ehe er mit seiner jungen Frau die Ehe vollziehen konnte; ein schwuler junger Mann, der aus unglücklicher Liebe zu einem Jungen, der ihn abwies, Selbstmord beging; ein Mörder, einige gefallene Bürgerkriegssoldaten, ein schwarzer Sklave, ein Rassist, ein Mädchen, Opfer einer Massenvergewaltigung, eine Mutter dreier Töchter, ein paar komödiantische Vertreter des White Trash, erkennbar an ihrer schimpfwortgespickten, vulgären Rede, ein Jäger, der auf seinem Gebirge getöteter Tiere hockt. Einzig der alte Reverend Everly Thomas weiß, dass er tot ist, mehr noch: dass er verdammt ist, obwohl er sich keiner Untat bewusst ist.

Ein berührendes Romandenkmal

Währenddessen hockt Willies Geist auf dem Dach seiner Gruft, überzeugt, dass sein Vater kommen und ihn nachhause holen wird. Es obliegt den Geistern, dem Kind so rasch wie möglich aus dem Bardo hinauszuhelfen, damit es nicht lange leiden muss. Das kann nur gelingen, indem sie Willies Vater überzeugen, loszulassen. Sie schlüpfen in den Körper und das Bewusstsein des Präsidenten, um ihm den Gedanken zu soufflieren, das tote Kind gehen zu lassen. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, die Seele des Präsidenten zum Sprechen zu bringen.

Der gramgebeugte Abraham Lincoln ist die große Zentralfigur dieses Romans, ein Inbild von Integrität, Anstand und Würde, ein moralischer Held, die leidende Verkörperung einer Nation, die mit sich selbst im Krieg liegt. Dass George Saunders dem hochverehrten Bürgerkriegspräsidenten ein solch berührendes Romandenkmal setzt, kann auch als implizite Kritik am gegenwärtigen Washington gelesen werden.

Sigrid Löffler, kulturradio

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