Hans Magnus Enzensberger: "Überlebenskünstler - 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert"; Montage: rbb
Bild: Suhrkamp Verlag

Porträts - Hans Magnus Enzensberger: "Überlebenskünstler - 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert"

Bewertung:

Enzensberger literarische Porträts sind nicht nur ziemlich lehrreich, sondern oft auch ziemlich komisch und intellektuell anregend.

Seit er 1957 mit dem ebenso sprachmächtigen wie politisch engagierten Gedichtband "verteidigung der wölfe" die restaurative Nachkriegsgesellschaft literarisch aufmischte, zählt Hans Magnus Enzensberger zu den herausragenden deutschen Gegenwartsautoren. Er hat stilprägende Zeitschriften wie das "Kursbuch" und "Transatlantik" gegründet, die "Andere Bibliothek" ins Leben gerufen, sich mit seinen kulturkritischen Essays immer wieder ins öffentliche Leben eingemischt und mit gerade einmal 33 Jahren bereits den Büchner-Preis abgeräumt.

Der literarische Tausendsassa, ironische Zeitgeistkritiker und begnadete Übersetzer hat unendlich viel publiziert. Auch jetzt, mit 88 Jahren, ist er immer noch unermüdlich produktiv und bringt ein neues Buch mit dem Titel "Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert" heraus.

Kompromiss als Lebenselixier

Es geht um Schriftstellerinnen und Schriftsteller, und Enzensberger geht davon aus, dass es um Berufsbild von Dichtern und Denkern (jedenfalls von denen, die etwas auf sich und ihr Werk halten) gehören sollte, den Macken und Marotten des Zeitgeistes zu widerstehen, den Aufregungen der Zeitläufte zu widersprechen, vermeintliche Gewissheiten anzuzweifeln und nicht Öl, sondern Sand ins Getriebe der Welt zu werfen. Dass sie den Mächtigen stets schwer auf die Nerven gingen, die Geheimdienste schon immer ein Auge auf sie hatten und manche auf Nimmerwiedersehen in den Kerkern der Polizei und den Arbeitslagern der Parteidiktaturen verschwanden, liegt auf der Hand.

Doch erstaunlich viele dieser lästigen Querdenker und literarischen Quälgeister haben die Krisen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt, sind ins Exil geflohen oder in die innere Emigration gegangen, haben sich mit den Diktatoren gemein gemacht oder sich opportunistisch angepasst, um im Stillen einfach weiter zu schreiben an ihrem intellektuellen Aufklärungs- und literarischen Zerstörungswerk. Wie man zwischen Widerstand und Anpassung jongliert und den Kompromiss zum Lebenselixier macht, haben viele Schriftsteller vorgeführt. "Es kommen härtere Tage", schreibt Ingeborg Bachmann (1958) in ihrem Gedicht "Die gestundete Zeit" den Kollegen ins Stammbuch.

Und Enzensberger, dieser literarische Tausendsassa und intellektuelle Luftikus, der in seinem langen Leben schon manchen politischen Drahtseilakt und einige rhetorische Wendemanöver vollführt und es geschafft hat, sich dem Zugriff seiner Feinde und den Umarmungen seiner Freunde zu entziehen, ergänzt: "Für den Fall, dass sie (Ingeborg Bachmann) recht hat, könnte ein Training in der Kunst des Überlebens von Nutzen sein."

Vignetten von Überlebenskünstlern

Dass er seine literarischen Porträts "Vignetten" nennt, wundert nicht: Er liebt es seit jeher, die Objekte seines Interesses mit altväterlich-ironischen Überschriften zu versehen. Wenn er die digitale Zukunft in den Blick nimmt, entwirft er einen "Baukasten zu einer Theorie der Medien", wenn er über den Tod der Literatur nachdenkt, streut er "Gemeinplätze, die neueste Literatur betreffend" in die Debatte, eine Sammlung von Essays nennt er "Politische Brosamen", und seine Thesen zu "Mittelmaß und Wahn" der Deutschen nennt er "Gesammelte Zerstreuungen".

Die "Vignette" kennzeichnete ehedem eine Weinrebe, später das Etikett einer Weinflasche, dann wurde sie zu einer Variante der Porträt-Malerei und der Fotografie, bei der die geliebten Personen auf ovalen Miniatur-Gemälden oder ovalen Fotos abgebildet und als Souvenir oder Talisman um den Hals getragen wurden. "Vignetten" leben auch in Totenkulten und auf Friedhöfen weiter, und da wären wir wieder bei den Überlebenskünstlern, die inzwischen verstorben sind, aber im literarischen Gedächtnis weiterleben und uns Heutigen so manches zu erzählen haben über die Kunst, dem Tod, dem Lager, dem Vergessen zu entrinnen.

Radikal subjektive Auswahl

Enzensbergers Auswahl und Herangehensweise ist radikal subjektiv, er beschreibt nur, was ihn interessiert, seinen Widerspruch herausfordert und seine Fantasie anregt.

Knut Hamsun, der mit den Faschisten flirtete, ist genauso dabei wie Maxim Gorki, der sich bei Stalin anbiederte, Stephan Hermlin, der den Schöngeist mimte und mit der Stasi kollaborierte. Lion Feuchtwanger, der vor Hitler Reißaus nahm, über Frankreich nach Amerika floh und es im kalifornischen Exil schaffte, seinen aufwendigen Lebensstil fortzusetzen. Anna Seghers, die als überzeugte Kommunistin lieber nach Mexiko floh, statt in der Sowjetunion womöglich als Abweichlerin im Gulag zu verschwinden. Irmgard Keun, die Heimweh hatte und aus dem holländischen Exil illegal nach Deutschland zurückkehrte und in biterster Armut in einem Kölner Kellerloch hauste. Jaroslav Hašek, der mit seinem braven Soldaten Schwejk listig lächelnd alle Weltbeglücker und Staatenlenker verlachte. Anna Achmatowa und Nelly Sachs, Boris Pasternak, Johannes R. Becher und Peter Weiss, die Liste der Autoren, deren Überlebenskünste und literarische Leistung Enzensberger mit wenigen Worten umreißt, ist lang.

Das ist, weil Enzensberger ein ironischer Flaneur ist, meistens nicht nur ziemlich lehrreich, sondern oft auch ziemlich komisch und intellektuell anregend: jedenfalls möchte man sofort mehr lesen über und von diesen ambivalenten und oft kauzigen Überlebenskünstlern. 

Persönliche Erinnerungen

Am schönsten und gelungensten sind die Porträts der Künstler, die Enzensberger persönlich kannte, mit denen er befreundet war oder intellektuelle Scharmützel ausgefochten hat.

Von Alfred Andersch, der dem jungen und noch unbekannten Enzensberger in den frühen 1950er Jahren einen Job als Radio-Redakteur gab, erzählt er fast zärtlich, aber er verschweigt auch nicht, dass der vermeintlich aufrechte linke Andersch - wie sich später herausstellte - eine faschistische Vergangenheit hatte. Oder Enzensberger erzählt, wie leid es ihm tut, dass er Erich Kästner, der in Nazi-Deutschland überwintert hatte, nur ein einziges Mal - 1947 - bei einem Autoren-Treffen begegnete, und er notiert: "Schade! Wie gern hätte ich, bei einem Whiskey, zugehört, wie er von seiner Überlebenskunst erzählt! Von seinem Pessimismus ahnte ich nichts." Mit Heiner Müller hat er sich sehr gern gestritten und ihn, als er bei einer Veranstaltung einen Toast auf ihn ausbrachte, seinen Bewunderern als den "führenden Sado-Marxisten" ans Herz gelegt. Warmherzig denkt er an Imre Kertész, der Auschwitz überlebte, sich im stalinistischen Ungarn der Nachkriegszeit mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, bevor er mit dem "Roman eines Schicksallosen" zu Weltruhm gelangte und den Literaturnobelpreis bekam. Mit Rührung und Verehrung schreibt Enzensberger: "Imre konnte, als ich ihn zum letzten Mal sah, nicht mehr schreiben, er stotterte, zitterte und war hinfällig. Ich wundere mich darüber, dass er es so lange unter uns ausgehalten und dass er es fertigbrachte, auch dieses Wunder noch zu überleben."

Frank Dietschreit, kulturradio

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