Julia Jessen: Die Architektur des Knotens; Montage: rbb
Kunstmann
Bild: Kunstmann Download (mp3, 4 MB)

Belletristik - Julia Jessen: "Die Architektur des Knotens"

Bewertung:

Wie sollen Paare leben, wenn sie der Alltag im Griff hat?

Julia Jessen generalisiert in ihrem Roman gleich von Anfang an. Sie benennt den Funktionsrhythmus einer Beziehung: Yvonne und ihr Partner Jonas stehen "im Leben", Kinder sind da, sie haben Jobs, sie bewältigen den Haushalt. Aber die beiden merken, wie die Zeit sie abschleift, wie sie der Alltag im Griff hat und sie diesen Alltag zu bewältigen meinen, indem sie durchhalten wollen.

Und dann sagt einer von beiden, durchhalten, das kann doch nicht alles gewesen sein, wo ist unsere Liebes-Empathie, was ist mit unserer Sexualität passiert. Und dann stehen im Leben immer mehrere Wege zur Verfügung. In Julia Jessens Roman wird es gleich sehr schmerzhaft für den einen in der Beziehung, weil die andere – Yvonne – eher besinnungslos, aber voller Emotionen, voller Sehnsucht – ausbricht.

Der Gewöhnung zuvorzukommen

Julia Jessen schildert das Aufbegehren dieser Yvonne sehr detailliert: Wie sie immer mehr das lähmende Gefühl hat, nur noch zu funktionieren. Woran das liegt – sie weiß es nicht. Aber sie spürt – sozusagen weibliche Intuition – so kann es nicht weitergehen. Nach einem Fest geht sie mit einem jungen Mann in eine Bar und schläft mit ihm. Und nun beginnen im Buch die Fragen. Warum muss sie es ihrem Mann erzählen? Warum verlässt sie dann auch noch ihre Familie? Und wie geht Jonas mit dieser Erschütterung um?

Jonas ist am Boden zerstört, voller Wut und Enttäuschung und hängt dennoch an Yvonne. Er will nicht, aber er muss es erdulden. Also Unglück. Yvonne wiederum ist voller Zweifel: Warum zerstört sie etwas, was sie jahrelang aufgebaut hat? Sie fragt sich, ob sie dem wunschlosen Unglück, der Gewöhnung, der stillen Zerstörung zuvorzukommen will, die man oft erst bemerkt, wenn es zu spät ist? Am liebsten will Yvonne freien Sex außerhalb der Beziehung, ohne Jonas und die Kinder zu verlassen. Und das weist Jonas – vorerst – brüsk zurück.

Überflüssige Nebenkonflilkte

Julia Jessen erzählt überwiegend aus der Perspektive der Yvonne, und dabei ist sie stilistisch am überzeugendsten. Manchmal geht sie in die männliche, die Jonas-Perspektive, das gelingt ihr lesbar weniger gut, und auch die Erzählperspektive aus Sicht von Freunden und Bekannten fällt gegen die fein ziselierte Darstellung der Gedankenwelt der Yvonne ab. Aber Yvonne als Figur, die uns die Hauptzüge der Geschichte erzählt, ist eben gut gelungen.

Die Autorin benutzt eine schnörkellose Gegenwartsform, die uns Leser in diesen ohnehin rasanten Paar-Entwicklungen ganz schön auf Trab hält. Aber der Beziehungs-Krisen-Stoff, der sich natürlich zuweilen wiederholt, ist mitunter sehr breit, zu breit angelegt. Man glaubt, den Einfluss der Hildesheimer oder Leipziger Schreibschule zu bemerken.

Die Handlung hat Julia Jessen ein wenig aufgefüllt, aufgepeppt: Yvonne zum Beispiel ist Lehrerin und kämpft an ihrer Schule auch noch um die Integration von Flüchtlingskindern, Nebenkonflikteinschub eins, sowie um die Betreuung von Migranten, Einschub zwei. Das ist literarisch überflüssig, wenn sich diese Nebenthemen dann über zehn bis zwanzig Seiten ergießen.

Lesen – und darüber diskutieren

Julia Jessen erzählt von Konflikten, in denen sich viele wiederfinden, und sie wirft für Paare existenzielle Fragen auf. Im Roman werden die von Yvonne radikal und schmerzhaft angegangen. Aber man kann das Buch als eine Aufforderung zum Reden verstehen. Vielleicht sollten es in einer Beziehung beide Partner lesen und darüber diskutieren. Und: Es ist kein Ratgeber, sondern ein alles in allem gelungener Roman über zwei, denen es eben  s o  ergeht.

Salli Sallmann, kulturradio

Weitere Rezensionen

Robert Habeck: Wer wir sein könnten; Montage: rbb
Kiepenheuer & Witsch

Sachbuch - Robert Habeck: "Wer wir sein könnten"

In manchen Umfragen liegen die Grünen derzeit über 20 Prozent, teils nur knapp hinter der CDU, deutlich vor der AfD und noch viel deutlicher vor der SPD. Dafür gibt es viele Gründe.

Bewertung:
Leslie Jamison: Klarheit © Hanser
Hanser

Sachbuch - Leslie Jamison: "Die Klarheit"

Mit ihrem Buch "Die Empathie-Tests" landete die amerikanische Autorin Leslie Jamison vor drei Jahren einen Bestseller. Jetzt erscheint ihr neues Buch "Die Klarheit". Darin geht es um trinkende Schriftsteller und ihre eigene Alkoholholsucht.

Bewertung: