"Kazuo Ishiguro: Mein 20. Jahrhundert und andere kleine Erkenntnisse"; Montage: rbb
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Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2017 - Kazuo Ishiguro: "Mein 20. Jahrhundert und andere kleine Erkenntnisse"

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Im Bett mit Proust: Die Literaturnobelpreisrede von Kazuo Ishiguro

Als junger Mann hatte Kazuo Ishiguro schulterlange Haaren und einen Räuberschnurrbart, er wohnte in einem Zimmerchen in Norfolk und schrieb Geschichten – für den Graduiertenkurs im Kreativen Schreiben an der University of East Anglia. Doch er war unzufrieden mit seinen Texten, irgendwie erschienen sie ihm blutleer. Bis er eines Tages über Japan schrieb, mit einer unbekannten, drängenden Intensität, über Nagasaki, die Stadt, in der er während der letzten Tage des Krieges geboren wurde.

"Damals in Nagasaki" wurde sein erster Roman, der 1984 erschien. Ohne die Erforschung der eigenen Herkunft wäre Ishiguro vermutlich niemals Schriftsteller geworden, zuerst musste er sein Japan-Bild festhalte – ein Japan, das es nicht wirklich gab, das sich zusammensetzte aus Erinnerungen, Berichten und Vorstellungen.

Ishiguro für die Jackentasche

So beginnt die Nobelpreisrede des englisch-japanischen Schriftstellers Kazuo Ishiguro, die er im Dezember 2017 in Stockholm vor der Schwedischen Akademie hielt. Man kann sie sich im Internet ansehen; wie Sara Danius, mittlerweile zurückgetretenes Mitglied der skandalgeplagten Jury, am Pult steht und ihn ernst und humorlos und feierlich ankündigt, und wie dann Ishiguro glücklicherweise erst einmal ein paar sympathische Witze macht und dann erst – in schönstem britischen Englisch – seine Vorlesung hält. Im Blessing Verlag ist die Rede mittlerweile auch als kleines Büchlein erschienen, und das ist die perfekte Lektüre für unterwegs – Ishiguro für die Jackentasche.

Traditionell sprechen die Preisträger in ihrer Vorlesung über ihre Arbeit und ihren Werdegang. Kazuo Ishiguro erzählte über seine Kindheit und das Studium in England, das Wandeln zwischen der japanischen und der englischen Welt, von seinen Inspirationsquellen, Krisen, Unsicherheiten. Und von wichtigen Stationen seines Schriftstellerlebens: An einer Stelle beschreibt er, wie er sich nach einem Virus, immer noch fiebernd, mit Proust und der "Suche nach der verlorenen Zeit" ins Bett zurückzog und vollkommen gefesselt von Prousts erzählerischen Fertigkeiten war, wie dieser Ereignisse und Szenen dramaturgisch scheinbar mühelos miteinander verknüpfte. Für Ishiguro schriftstellerisch eine echte Erkenntnis, ein Durchbruch.

Ruf aus vergangenen Zeiten

Zum Ende der Rede hin ruft Ishiguro, der sich selbst als Autor internationaler Literatur sieht, dazu auf, über die Komfortzonen der Erste-Welt-Elite hinauszublicken und die Definitionen davon, was gute Literatur sein soll, nicht zu eng zu stecken. Ein kleiner, höflich verpackter Seitenhieb vielleicht auf die Nobelpreis-Jury, der immer wieder vorgeworfen wird, vor allem nord- und mitteleuropäische Literatur auszuzeichnen.

Im Moment hat die Schwedische Akademie jedoch mit ungleich ernsteren Vorwürfen zu kämpfen: Von den 18 Mitgliedern sind derzeit aufgrund des Korruptionsskandals acht Mitglieder inaktiv, die Akademie ist de facto handlungsunfähig. Dem letzten Satz, in dem Ishiguro der Schwedischen Akademie dankt, die über viel Jahrzehnte aus dem Nobelpreis ein strahlendes Symbol für das Gute gemacht habe, haftet daher bei jetziger Lektüre etwas Nostalgisches an, wie ein Ruf aus vergangenen Zeiten.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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