Martin Schulze Wessel: Der Prager Frühling; Montage: rbb
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Sachbuch - Martin Schulze Wessel: "Der Prager Frühling"

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Das Buch die fundamentalen Unterschiede zwischen den damaligen 68er-Ereignissen in West - und Osteuropa heraus.

Während in Westeuropa kapitalistisch-bürgerliche Republiken mit ihren Mängeln im Zentrum von Protesten standen – etwa West-Deutschland mit der nicht aufgearbeiteten NS-Zeit, Frankreich mit dem Niedergang seiner Rolle als Kolonialmacht, Stichwort: Algerienkrieg – und die Studentenproteste sich dagegen manifestierten, existierte wie überall im Ostblock in der Tschechoslowakei ein kommunistisch-diktatorisches Regime unter einer kommunistischen Partei.

Und damit ist das Buch schon mitten in den Besonderheiten der damaligen tschechoslowakischen Situation: Die kommunistische Partei selbst entdeckte die Gründe und Ursachen besonders für das ökonomische Nicht-Funktionieren des Sozialismus in den eigenen staatlichen Grundzügen und Strukturen.

Das Buch beschreibt, wie Reformbestrebungen also nicht von außen die kommunistische Partei bedrängten, sondern wie die Partei selbst Alternativansätze entwickelte, nämlich zum Einen erkannte, dass ökonomische Reformen im Sozialismus nicht ohne politische Öffnungen zu erreichen waren. Solche Pläne und Diskussionen gab es übrigens in der kommunistischen Partei der ČSSR schon ab 1964.

Das andere war die intellektuelle kulturpolitische Seite. Schon 1963 konnte der Literaturwissenschaftler Eduard Goldstücker, so stellt das Buch dar, die sogenannte Kafka-Konferenz einberufen, die die Anwendbarkeit des Entfremdungsbegriffes Kafkas außer für den Kapitalismus auch für den Sozialismus sowjetischer Prägung diskutierte. Aus diesen beiden Quellen, Ökonomie und intellektuelle Offenheit - beide also kommunistisch gewollt und inspiriert -, speiste sich das Vorhaben, Sozialismus und Kommunismus wieder als etwas Freiheitliches einzurichten und wiederherzustellen.

Das Buch zeigt außerdem ausführlich, dass die gesamte 68er-Reformbewegung natürlich auch als Loslösung von den stalinistischen Traumata der Fünfzigerjahre in der Tschechoslowakei zu verstehen war. Als ein Projekt der Vergangenheitsbewältigung, in deren Folge hunderte Schauprozesse der Fünfzigerjahre aufgearbeitet wurden, beispielsweise der gegen Rudolf Slánský, den Generalsekrätär der Kommunistischen Partei selbst, der 1953 zusammen mit elf Mitangeklagten von den eigenen Genossen gehängt wurde.

Es ging also auch darum, das stalinistische System kommunistischer Willkür und Rechtlosigkeit abzuschaffen und endlich so etwas wie kommunistische Rechtsstaatlichkeit herzustellen. Wahrhaft revolutionär.

Die wesentlichen Etappen dieses rasanten sozialistischen Demokratisierungsversuches werden im Buch so benannt: im Januar 1968 Ablösung des Stalinisten Antonín Novotný an der Parteispitze durch den Reformer Alexander Dubček, durch Mehrheitsbeschluss, vier Wochen später bereits Abschaffung der Pressezensur, im April 1968 dann das Aktionsprogramm der kommunistischen Partei mit den wichtigsten Planungen für Demokratisierungsschritte, Ende Mai 1968 dann das "Manifest der 2.000 Worte", dass bereits die Fragen nach der führenden Rolle der Kommunisten im Erneuerungsprozess stellte, und dann das Ende des Prozesses am 21. August mit der militärischen Besetzung durch die Truppen des Warschauer Paktes.

Einer der interessantesten Aspekte im Buch sind die Reformen in den volkseigenen Betrieben. Schließlich beriefen sich alle stalinistisch-sozialistischen Regime auf die ‚Arbeitermacht‘. Die Bemühungen überall damals im Realsozialismus zielten ja auf größere wirtschaftliche Effizienz hin, auf Erhöhung der Arbeitsproduktivität usw. Die tschechoslowakischen Kommunisten versuchten nun, die Arbeiter selbst mehr an der Macht in den volkseigenen Betrieben zu beteiligen, in dem Arbeiterräte gewählt werden konnten, die so die Betriebspolitik direkt mitbestimmen sollten. Diese Reform wurde ebenso wie alle anderen am 21. August militärisch abgewürgt.

Der "Prager Frühling 1968" war der letzte kommunistisch linkssozialistisch initiierte Versuch, die Wirklichkeit in einer kommunistischen Gesellschaft aus der alltäglichen Diktatur ins Freiheitliche zu entwickeln. Kommunistische Rechtsstaatlichkeit und sozialisierte Wirtschaft mit Marktmechanismen sind bis heute Utopie geblieben. Dieses Buch zeigt Wurzeln, Verlauf und Ende dieses Versuches – aber auch, wie es hätte funktionieren können.

Salli Sallmann, kulturradio

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