"Michael Belhadi, Michel Ptasinski: Aufschluss"; Montage: rbb
Deutscher Kunstverlag
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Bildband - Michael Belhadi, Michel Ptasinski: "Aufschluss"

Bewertung:

Vor zehn Jahren schon hatten Michael Belhadi und Michel Ptasinski eine außergewöhnliche Idee, die jetzt Wirklichkeit geworden ist: ein Bildband mit Aufnahmen von zwölf deutschen Gefängnissen. "Aufschluss" ist der treffende Titel dieses Buches.

Es ist ein erstaunliches Thema für einen Fotoband aus dem Deutschen Kunstverlag. Und es kommen eine ganze Menge interessanter Dinge noch dazu. Normalerweise signalisieren Gefängnisse und Strafvollzugsanstalten – hier hat sich das Tor hinter denen, die da einsitzen, geschlossen! Mitunter für lange Zeit. Dieses Buch mit Fotografien von 12 deutschen Gefängnissen heißt bezeichnenderweise "Aufschluss". Und daran ist gleich mehreres aufschlussreich!

Die Gebäude und damit ihre Architektur stammen meist aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und folgen stringent der Nutzung als Gefängnis. Nun wurden diese Gebäude innen und außen fotografiert und kommen in einem Architekturbildband daher: ästhetisch klar und fotografisch streng und damit faszinierend. Das lässt schon mal aufblicken.

Verborgene, zweckorientierte Architektur

Dabei ist es keine Fotoreportage aus dem Innenleben der Gefängnisse. Das wäre ein anderes Genre. Es durften hier keine Menschen zu sehen sein. Zum einen, weil natürlich niemand als Häftling im Gefängnis sich in einem Fotobuch sehen möchte. Vor allem aber auch, weil sich die Kraft und die Ästhetik dieser Bilder aus der vermeintlichen Leere und der Konzentration auf die Architektur ergeben. So gesehen wirken diese Bilder garantiert ästhetischer als es der Strafvollzugsalltag ist. Das liegt an den gewählten Blickwinkeln, an den Details, die ins Bild kommen, an der besonderen Atmosphäre, die sie ausstrahlen – eben an der Idee und am Vermögen der Fotografen.  

Dann stellt sich die Frage, ob es den typischen Knast gibt? In unser aller Bewusstsein sieht er vielleicht so aus wie die JVA Berlin Moabit, 1849 errichtet: lange Flure mit übereinander liegenden Gängen, Eisentüren, Metallgeländer und Gitter, dazwischen gespannte Netze, damit sich niemand nach unten stürzt. Oder der andere Fall – das haben wir oft im Fernsehen gesehen: Stuttgart-Stammheim – Monumentalität in Beton, die nichts als Brutalität signalisiert. Die eine Sorte Gefängnis steht meist unter Denkmalschutz und wird dennoch aktuell benutzt, die andere lässt einen erschaudern, selbst wenn man die Bibliothek oder den Kraftraum sieht.

Also die Gefängnisse haben eine verborgene, eine zweckorientierte Architektur. Und sie sind auf ihre Weise auch unverwechselbar – gerade in ihrer tristen Realität und mitunter verworrenen Schönheit.

Über die Architektur hinaus

Die beiden Fotografen Michael Belhadi und Michel Ptasinski haben mehrere Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Man kann sich vorstellen, dass es nicht so einfach ist, die Flure frei zu räumen in aller Ruhe Fotostative aufzustellen und Blickwinkel zu suchen. Sie konnten in 12 Gefängnissen fotografieren.

Zunächst mal haben sie etwas Besonderes gemacht. Das Buch ist ein Hochformat, der Titel des Buches ist schwarz-matt gehalten mit hochauf längs geprägten schwarz glänzenden Streifen, zwischen die im Querformat lesbar der Titel gedruckt ist: Aufschluss. Und dann beginnt es sofort mit einem Schwarz-weißen Prolog – also Fotos, die sich aus Detail- und Nahaufnahmen von Stacheldraht und Drahtzäunen, von Beton- und Backsteinmauern, Kacheln, Fenstergittern usw. zusammenschieben. Über mehrere Seiten. Danach erst kommen Vorwort und Begleittext und dann die einzelnen Kapitel. Und die wiederum sind inhaltlich sortiert. Da beginnt das Kapitel "Aussen" mit einer Fotografie der Fassade und Eingangssituation von Stuttgart-Stammheim. Weitere Kapitel sind dann "Innen", da geht es in die Zellentrakte. Dann kommen die "Anlagen", also Küchen, Duschen, Wäschereien, Kleiderkammern. Dann das Kapitel "Begegnung" mit den Besuchsräumen, Bibliotheken, Andachtszimmern, Kraft- und Sporträumen.

Und natürlich zeigen all diese Fotos auch, wie sich in der Gefängnisarchitektur der gesellschaftliche Wandel im Verständnis von Schuld, Sühne und Strafe widerspiegelt. Diesem Gedanken sind auch einige Texte in dem Band gewidmet. Sehr lesbar und dem Nachdenken über drinnen und draußen nachgehend, und damit auch über die Architektur hinaus.

Danuta Görnandt, kulturradio

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