Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Mit den Händen sehen © Suhrkamp
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Autobiografie - Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: "Mit den Händen sehen"

Mull stellt sich vor. Für viele ist er der 'Bayern-Doc', doch auch andere Spitzensportler und Größen aus dem Showbusiness profitierten von seiner Heilkunst. Mehr als nur Gespür für Muskelfasern?

Seine Freunde nennen ihn "Mull". Mit vollem Namen heißt er Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Und wer ihn nicht kennt, der interessiert sich auch nicht für Fußball. Und zwar seit über vierzig Jahren nicht. Denn man schrieb das Jahr 1977, als Müller-Wohlfahrt, damals Mannschaftsarzt von Hertha BSC Berlin, zum FC Bayern München wechselte, der gerade dreimal den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte – mit Sepp Meier, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß. Es begann die Mull-Werdung Müller-Wohlfahrts, sein Aufstieg zum berühmtesten deutschen Sportarzt, zum zweimaligen Fußball-Weltmeister-Doc (1990, 2014), zum Herzens-Spezi der Sprint-Ikone Usain Bolt, zum weltweit anerkannten und umstrittenen Muskelfaser-Papst, zum Revoluzzer in puncto Therapie und zum skeptisch beäugten Kälberblut-Injektor mit alternativmedizinischen Vorlieben.

Weitgereist, weltläufig weltberühmt - bieder

In der durch Gast-Beiträge angereicherten Autobiografie "Mit den Händen sehen" stellt sich Mull als ein Monument der Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Pflichterfüllung und Menschenliebe vor; als ein ruhiger und bestimmter Charakter, der viele zentrale Werte des evangelischen Pfarrhauses, in dem er in Ostfriesland aufwuchs, durchs ganze Leben getragen hat. Da schreibt ein weitgereister, weltläufiger Weltberühmter, der eine gewisse Biederkeit des Gemüts trotzdem nie ganz abgelegt zu haben scheint. Vor allem aber berichtet ein Augenzeuge und Hauptbeteiligter der jüngeren Sportgeschichte. Und nur einem unter den vielen Großen diverser Disziplinen ist es gelungen, Mull zu einem vernichtenden Zeugnis zu provozieren: Ex Bayern-Trainer Pep Guardiola. Zwischen Pep und Mull ging irgendwann nichts mehr. Und Mull, der dann nach 37 Jahren für eine Weile den Bayern-Job hinschmiss, schiebt alle Unbill komplett auf Pep. Er porträtiert den Spanier als – jenseits des Fußballs – als unsicheren, egomanisch-ätzenden Charakter. Ausnahmsweise mischen sich hier kräftige Misstöne in die große Sinfonie der Eintracht, Freundschaft und Verbindlichkeit.

Nicht unumstritten

In der Mitte des Buches breitet Müller-Wohlfahrt auf 35 Seiten Fachlich-Medizinisches aus. Er glaubt bis heute, dass sein Tastsinn der Diagnostik per Magnetresonanz- und Computertomographie überlegen ist, auch wenn er bildgebende Verfahren längst in seine Arbeit integriert hat. Mull erklärt die feinen Unterschiede zwischen Muskelverhärtungen, Zerrungen, Faserrissen und Bündelrissen samt passenden Vermeidungs- und Heilungsmethoden. Er ist gegen Kortison, gegen Fit-Spritzen, gegen rabiate Schmerzmittel. Und er führt viele Muskel-Malaisen bis hinab in die Füße letztlich auf Probleme rund um die Wirbelsäule zurück. Der Laie versteht einiges, und der Fachmann kann sich kritisch reiben. Denn unumstritten ist Müller-Wohlfahrt trotz seiner Erfolge in Experten-Kreisen keineswegs. Anfangs wurde der Mann mit den sehenden Händen der Scharlanterie verdächtigt und auf Ärzte-Kongressen hart angegangen.

Sport-Interesse vorausgesetzt

Müller-Wohlfahrt hat sich beim Schreiben seiner Autobiografie von Elisabeth Sandmann, der Chefin des Sandmann-Verlags, und von der FAZ-Edelfeder Jakob Strobel y Serra helfen lassen. Trotzdem verstrahlt der Text als solcher wenig Esprit. Mull, der selbst mehrere Instrumente spielt, kennt sich mit klassischer Musik und Jazz aus, er ist firm in bildender Kunst und Architektur, er geht mit seiner Frau gern ins Theater. Aber von Literatur ist in seinem Buch keine Rede. Höhere rhetorische und stilistische Ansprüche hat er an sein Werk offenkundig nicht gestellt. Alles wird betulich aneinandergereiht, es gibt mehr Redundanzen als Spannungsbögen. Kurz: Mulls Gespür für Worte ist deutlich weniger ausgeprägt als sein Gespür für Muskelfasern. Wer kein Interesse am Profisport generell und namentlich am Fußball hat, muss hier und da mit Langeweile rechnen.

Karriereüberblick

Alle Gastautoren – darunter Usain Bolt, Franz Beckenbauer, Herbert Grönemeyer und Joachim Löw – bezeugen Mulls Herzlichkeit, sein Charisma, seine unbedingte Loyalität. Und natürlich zuerst und zuletzt die Magie seiner Hände.

Alle Beiträge haben einen ähnlichen Tenor, den Oliver Bierhoff, der Manager der deutschen Fußballnationalmannschaft, am knappsten formuliert: "Er [Mull] hat etwas Künstlerisches und ist menschlich unglaublich fein." Mulls Mitarbeiter erwähnen immerhin, dass ihr Boss manchmal aufbrausend und ungeduldig ist, was jedoch am Bild des engelhaften Heilers mit dem wehenden Langhaar kaum etwas ändert.

Wer eine sprachlich vorzügliche, gekonnt erzählte Autobiographie lesen will, muss "Mit den Händen sehen" nicht in die engere Wahl ziehen. Wer jedoch das Leben, die Freundschaften, die Karriere und die sportmedizinische Leistungen Müller-Wohlfahrts überblicken will, der bekommt, was er sucht. Dass das Buch in der Bestseller-Liste des Spiegel geführt wird, hat natürlich damit zu tun, dass Mull seit vierzig Jahren an den Seitenlinien der großen Fußball-Matches im Fernsehen präsent ist, dass er auch außerhalb des Sports Promis ohne Zahl kennt, dass er selbst einer von ihnen ist. Aber man darf auch vermuten, dass es vielen Menschen imponiert, dass da einer mit blanken Fingern gegen die totale Technisierung der Medizin antastet.

Mit ein bisschen Phantasie erkennt man in der ewig jugendlichen Erscheinung Mulls nicht nur den Orthopäden und Sporttraumatologen, sondern auch den Medizinmann. Müller-Wohlfahrt ist vielleicht nicht der Joseph Beuys der Sportmedizin – aber eine dezente Schamanen-Aura, die liegt sehr wohl um ihn.

Arno Orzessek, kulturradio

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