Wakayama Bokusui: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter; Montage: rbb
Manesse
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Zum Wiederlesen empfohlen - Wakayama Bokusui: "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter"

Bewertung:

Wer hat hierzulande je etwas von Wakayama Bokusui und seinen Tanka-Gedichten gehört?

Wir lieben die zwischen Jazz und Erotik flirrenden Romane von Haruki Murakami und kennen das eine oder andere Buch von Kenzaburo Oe. Auch dass der letztjährige Literatur-Nobelpreisträger, der Brite Kazuo Ishiguro, japanische Wurzeln hat, wissen wir. Vielleicht können wir auch, weil sie so schön kurz sind, ein paar Haiku-Gedichte aufsagen.

Aber sonst, seien wir ehrlich, ist uns die japanische Literatur ziemlich fremd. Wer diese Literatur-Lücke verkleinern möchte, dem sei ein Buch empfohlen, das soeben im Manesse Verlag erschienen ist: Wakayama Bokusui: "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter".

Die älteste Gedichtform Japans

Das Tanka-Gedicht ist mit über 1300 Jahren die älteste Gedichtform Japans. Das Haiku-Gedicht ist viel jünger und allenfalls sein kleiner Bruder oder seine kleine Schwester. Während das bis zum billigen Gemeinplatz und zum flotten Kalenderspruch mutierte Haiku mit zeitloser Weisheit und spiritueller Aura daherkommt, verbindet das Tanka-Gedicht Weisheit und Zeitlosigkeit mit alltäglicher Spontanität und subjektiven Naturerlebnissen. Es erzählt – in aller Knappheit – von Sehnsucht und Liebe, von der Arbeit und der Familie und davon, dass das Leben selten gelingt und Glück meistens nur ein Traum bleibt.

Ein Tanka-Gedicht besteht immer aus 31 Moren (oder besser: Lauteinheiten oder Silben), die im Japanischen in einer einzigen Zeile gemalt werden, in der Übersetzung werden daraus (in Deutschland) fünfzeilige Gedichte, die erste Zeile hat fünf, die zweite sieben, die dritte wieder fünf, die vierte und fünfte Zeile hat je sieben Moren. Das Haiku dagegen ist kürzer, hat nur 17 Moren bzw. Silben und wird in der Übersetzung zu einem dreizeiligen Gedicht.

Haiku vs. Tanka

Eine klassisches Haiku-Gedicht hört sich z. B. so an:

"Die Sonne
im Auge des Falken
der zurückkehrt auf meine Hand" (Tairo)

Eine neudeutsche Haiku-Probe lautet so:

"die welt neu ordnen
beim sortieren der bücher
in meinem regal" (Heinz Zöllner)

Ein Tanka, wie es der 1885 geborene und 1928 gestorbene Wakayama Bokusui mit 22 Jahren (1907) verfasst hat, liest sich in der Übersetzung von Eduard Klopfenstein dagegen so:

"Auch heute
dichte ich Verse
weiß nicht warum
getrieben von Sehnsüchten
Traurigkeiten"

Und im März 1912 notiert er:

"Frage mich nicht!
Hab jetzt gerade selbst
keine Ahnung!
Weiß nur dies eine:
Mächtig zieht's mich zum Berg hin"

Und da sind wir dann bei einem seiner wichtigsten Themen, seiner existenziellen und lyrischen Obsession: dem Berg. Und das ist für Wakayama Bokusui der Fuji, der Vulkan, den er immer wieder umkreist, umwandert, bestiegen hat und dann – weil er ihm wie eine Metapher für die Schönheit der Natur, das Geheimnis der Götter und die Vergeblichkeit menschlichen Strebens erschien, immer wieder aufs Neue in Tanka-Gedichte verwandelt hat.

Geboren in einer historischen Phase

Was wir über Bokusui wissen müssen, können wir auch bei genauem Lesen aus den hunderten Tanka-Gedichten erschließen. Denn er sagt ja fast immer freimütig was er – das lyrische Ich – denkt und hofft, erleidet und erlebt. Er wird geboren in einer historischen Phase, als sich das vom Rest der Welt seit Jahrhunderten abgeschottete Japan vorsichtig öffnet und auch in der Kunst Einflüsse des Naturalismus und des Impressionismus aufnimmt.

Bokusui hat das genutzt, um das uralte Tanka-Gedicht sprachlich aufzufrischen und gedanklich zu erneuern. Er beginnt schon als Schüler mit modernen Tanka, veröffentlicht als Student erste Gedichtbände, doch die ganz große Karriere als Autor bleibt ihm lange verwehrt, denn er ist ein ewig Suchender, ein ruhelos Getriebener.

Immer wieder bricht er zu wahren Gewaltmärschen durch die japanische Bergwelt auf. Immer wieder verliebt er sich unglücklich, und selbst als er heiratet und eine Familie gründet, bleibt er ein in tiefster Seele Verzweifelter, ein Unzufriedener, einer der sich nach dem anderen, besseren Leben sehnt, es aber nie findet.

Wakayama Bokusui gründet Literaturzeitschriften, schreibt Reiseberichte und veröffentlicht fast jedes Jahr einen Band mit Tanka-Gedichten, jedenfalls so lange er noch klar denken kann und einigermaßen gesund ist, solange, bis ihn sein jahrzehntelanger schwerer Alkoholkonsum immer mehr zusetzt, er nur noch auf den Tod wartet.

Schon zu Lebzeiten war Bokusui eine Legende, heute ist er ein Mythos, die Popularität des Tanka ist in Japan mit ihm bis heute untrennbar verbunden. 

Das Universum von Wakayama Bokusui

Übersetzer Eduard Klopfendsten reist für den Band "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" durch das ganze Universum und dichterische Leben von Wakayama Bokusui. Er hat 250 Gedichte aus den 15 Tanka-Bänden ausgesucht, die der Autor zu Lebzeiten veröffentlichte, und präsentiert uns die Gedichte in fünf Abschnitten, die jeweils den fünf wichtigsten Lebensphasen und Schreibimpulsen des Dichters entsprechen.

Dazu schenkt uns der Herausgeber noch ein anregendes Nachwort und ein paar Kalligrafien, damit wir eine Vorstellung davon bekommen, wie die Gedichte im japanischen Original aussehen.

Klopfenstein, der für seine Bemühungen um die japanische Kultur mit dem "Order of the Rising Sun" ausgezeichnet wurde, zeigt uns einen Tanka-Großmeister, der in 31 Silben in fünf Zeilen die Welt anhalten konnte und im Sommer 1916 mit gnadenlos ehrlichem Blick auf sich und sein Leben schaute:

"Mich selbst betrachte ich
mit Hohn und Spott
Doch vor meinen Augen
sind die Kinder selbstvergessen
in ihr Spiel vertieft"

Frank Dietschreit, kulturradio

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