Alberto Manguel: Die verborgene Bibliothek; Montage: rbb
S. Fischer
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Essays - Alberto Manguel: "Die verborgene Bibliothek"

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Ausgangspunkt für diesen kleinen, zum Lesen anstiftenden Band ist eine große Ka­tastrophe.

Gerade ist er 70 Jahre alt geworden: Der kluge Büchermensch Alberto Manguel, der Best­seller übers Lesen und die Bibliotheken geschrieben hat und der nun - als Höhepunkt seiner Le­ser-Existenz - die argentinische Nationalbibliothek in Buenos Aires leitet. Und damit sei­nem großen Vorbild und Freund nachfolgt: Jorge Luis Borges war einst hier Direktor und der jun­ge Manguel hatte dem blinden Dichter Borges vorgelesen.

Das eine und das andere Buch bekam er auch von Borges geschenkt und diese ihm besonders wertvollen Buchpräsente finden sich immer noch in der privaten Bibliothek von Al­berto Manguel, der an einer Stelle Petrarca zitiert: "Bücher erfreuen uns tief im Innern, sie strömen durch unsere Adern, geben uns Rat, ver­bin­den sich mit uns in reger und leidenschaftlicher Vertrautheit; und ein einzelnes Buch drängt sich nie allein in unsere Seele, sondern bereitet dabei den Weg für andere und weckt so in uns die Sehnsucht nach vielen weiteren."

Ort des Trostes

Alberto Manguel, der in Israel und Argentinien aufwuchs, der die kanadische Staats­bürger­schaft besitzt, ist den Büchern so leidenschaftlich zugewandt wie einst der italienische Dichter Petrarca. Sein Leben könne man – schreibt er – anhand seiner Bücher erzählen. In seiner (pri­vaten) Bibliothek ist also seine Biografie verborgen und versammelt.

Ausgangspunkt für diesen kleinen, zum Lesen anstiftenden Band ist deswegen eine große Ka­tastrophe. Manguel lebte in einem Haus in der französischen Provinz. Dort hatte er seine große Bibliothek aufge­stellt. Haus und Bibliothek musste er jedoch im Jahr 2015 aus nicht näher erläuterten "klein­geistigen bürokratischen Gründen" verlassen und seine 35.000 Bücher, die ihm stets ein "Ort des Trostes" waren, mussten eingepackt und eigelagert wer­den: "Das Verpacken meiner Bücher war, wie ich erwähnte, ein verfrühtes Begräbnis. Nun musste ich die darauf folgende Zeit der Trauer und Wut ertragen."

Kritzeleien am Seiten­rand

Um den Schmerz der Trennung, die Trauer und die Wut zu ertragen, hat Manguel dieses Buch geschrieben, in dem er vom Einpacken erzählt, aber auch von den ersten Büchern, die den Grund­­­stock seiner Bibliothek legten, von seinem Ordnungssystem, den Kritzeleien am Seiten­rand. Vor allem aber schweift er wunderbar in die ihm wichtigen Bücher ab.

Manguel zitiert die amerikanische Dichterin Edna St. Vincent Millay ebenso wie Goethe und schreibt ausführlich über Walter Benjamin. Alice im Wunderland kommt vor und Don Quichote. Er erzählt von Kafka, der seinem Neffen, als der einmal tollpatschig hinfiel, in bewunderndem Ton zurief "Wie toll du fallen kannst. Und wie gut du wieder aufgestanden bist!" und verknüpft damit die Hoffnung, dass eines Tages jemand kommen und "auch uns diese erlösenden Worte sagen wird".

Bücher sind kein geringer Teil des Glücks – hat einst Friedrich der Große geschrieben. Und dieser Satz bewahrheitet sich in jeder Zeile des gebildeten Alberto Manguel, der auch mit diesem Buch – das gut und unterhaltsam geschrieben ist – uns nicht nur mitnimmt auf seine, das Leben umfassende Bücherleidenschaft, sondern uns auch neugierig und süchtig macht, ihm zu folgen auf der großen Lesereise.

Manuela Reichart, kulturradio

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