James Hawes: Die kürzeste Geschichte Deutschlands; Montage: rbb
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Sachbuch - James Hawes: "Die kürzeste Geschichte Deutschlands"

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Durchgehend entwickelt und vertritt der Autor eine These: Der Osten bringt Deutschland immer in Probleme, Ostelbien ist schuld.

Der britische Germanist und Schriftsteller James Hawes hat keinen wissenschaftlich fundierten Gesamtüberblick über 2.500 Jahre deutscher Geschichte geschrieben, sondern einen mutigen, meinungsstarken Essay. Als wichtigstes Datum der deutschen Geschichte bezeichnet er den 10. April 1525. Es war der Tag, an dem sich Großherzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach von Rom lossagte und zum Protestantismus konvertierte. Ostelbien ging fortan eigene Wege.

346 Jahre später, 1871, kam es dann zur in Hawes Augen verhängnisvollen Reichsgründung. Preußen (Ostelbien) hatte den Süden und den Südwesten Deutschlands geschlagen. Gewonnen hatte damit – so Hawes – der preußische Militarismus und der norddeutsche Protestantismus. Südwestdeutschland hingegen war liberal, katholisch und stets nach Westen orientiert. Jetzt durfte es die ostelbischen Junker und das preußische Militär finanzieren.

Da Preußen nach Osten orientiert blieb, sieht Hawes einen Riss, der durch Deutschland ging und der entscheidend wurde für die Innen- und die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Unter Wilhelm II. kam es dann zur Katastrophe.

Der verhängnisvolle  Gegensatz von Ost und West setzte sich fort: Hawes schaut sich das Ergebnis der Reichstagswahlen von 1930 genauer an, als die NSDAP von 2,8 Prozent auf 18,3 Prozent der Stimmen kam und plötzlich zweitstärkste Partei im Land wurde. Östlich der Elbe konnten die Nazis in weiten Teilen über 30 Prozent erringen, während sie im katholischen Südwesten und in Bayern meistens unter 15 Prozent blieben. Dieser Trend setzte sich auch in den Reichstagswahlen 1932 und 1933 fort. Dazu Hawes: "Ohne Ostelbien kein Führer, so einfach ist das."

Es kann also nicht verwundern, dass James Hawes ein Anhänger der alten Bundesrepublik, der Adenauer-Republik, ist und die deutsche Wiedervereinigung und insbesondere die Entscheidung für Berlin als Hauptstadt kritisch sieht: "Das politische Gravitationszentrum in Deutschland wanderte damit vom alten, einst römischen Rheinland in eine Stadt, deren Anspruch, deutsche Hauptstadt zu sein, einzig auf der Vorstellung beruhte, dass 1871 eine echte Vereinigung stattgefunden habe."

Durch die Erfolge von AfD und Linkspartei im Osten Deutschlands sieht sich Hawes bestätigt. Beide sind nicht westorientiert, halten wenig von der NATO und schauen – so Hawes – lieber nach Moskau. Anders übrigens als die Polen und die Balten.

James Hawes hat einen gut lesbaren, meinungsstarken Essay geschrieben. Seine Gedanken sind anregend, manchmal (zu) verführerisch. Aber es gibt auch gute Gegenargumente:

  • Preußen war bei weitem nicht so schlecht, wie Hawes es macht.

  • Die Wiedervereinigung, der Adenauer unter den Bedingungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre zu Recht skeptisch gegenüberstand, gehörte zu den Staatszielen der Bundesrepublik. Sie nicht anzustreben, inklusive der Hauptstadtentscheidung für Berlin, als es möglich wurde, hätte die bundesdeutsche Politik unglaubwürdig gemacht.

  • Die Lage in der Mitte Europas ist Deutschlands Schicksal und Chance. Anders als früher, sind wir verlässlicher Bündnispartner im Westen und wollen guter Nachbar nach Osten sein. Das sind gerade aktuell hohe Anforderungen an die deutsche Diplomatie. Aber ein weiterer deutscher Staat, ein ostelbischer im Herzen Europas, wäre wohl kaum ein Gewinn an Sicherheit für den Kontinent.

  • Die derzeit großen Probleme, Flüchtlingskrise und übereilte Euro-Einführung mit andauernder Krise, haben gerade die Bürger im Osten nicht zu verantworten. Sie wollten beides nicht.

Eckhard Stuff, kulturradio

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