Donna Leon: Heimliche Versuchung © Diogenes
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Commissario Brunettis 27. Fall - Donna Leon: "Heimliche Versuchung"

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Die US-Amerikanerin Donna Leon wohnt seit Anfang der 80er Jahren in Venedig. Ihren ersten Roman über Commissario Brunetti veröffentlichte sie 1992, seitdem ist jeder neue Venedig-Krimi ein internationaler Bestseller. Gerade ist unter dem Titel "Heimliche Versuchung" ein neuer Band der Reihe erschienen.

Die US-Amerikanerin Donna Leon, geboren 1942 in Montclair/New Jersey, wohnt seit 1981 in Venedig. Früher arbeitete sie als Reiseleiterin, Werbetexterin und Lehrerin, lebte im Iran, in China und in Saudi-Arabien. Ihren ersten Roman über Commissario Brunetti veröffentlichte sie 1992 ("Venezianisches Finale"), seitdem ist jeder neue Venedig-Krimi ein internationaler Bestseller. Weil Donna Leon ein normales Leben in Venedig führen möchte, erscheinen ihre Romane nicht in der Sprache ihrer Wahlheimat Italien. Angeekelt vom zunehmenden Massentourismus in Venedig hat sie neuerdings einen Zweit-Wohnsitz in den Schweizer Bergen. Gerade ist, unter dem Titel "Heimliche Versuchung", ein neuer Venedig-Krimi erschienen.

Die große Kunst der Donna Leon

Die Romane haben großes Suchtpotential: Es ist diese spezielle Mischung aus süffiger Unterhaltung, kriminalistischem Verwirrspiel, literarischen und musikalischen Anspielungen, die den riesigen Erfolg der Buch-Serie ausmachen. Italien ist ein mythisches Arkadien und Venedig ein magischer Sehnsuchtsort, da will man seit Goethe unbedingt hin, und wenn nicht als Bildungsreisender oder Tourist, dann doch wenigstens als kunst- und kultur-beflissener Leser. Donna Leon weiß ziemlich genau, was sie will - und was ihre Leser erwarten: Sie schreibt jedes Jahr einen Brunetti-Krimi, das hat sie mir einmal in einem Interview gesagt, um ihre Leidenschaften auszuleben: sie liebt Barock-Musik, vor allem die von Georg Friedrich Händel, sie besucht fast alle wichtigen Konzerte und Opern-Premieren rund um den Globus, und sie unterstützt  mehrere Barock-Ensembles finanziell.

Außerdem ist sie eine passionierte Leserin, sie verehrt die alten Griechen und Römer, ihre Weisheit und Weltsicht, nicht ohne Grund also hat auch Commissario Brunetti in jede neuen Krimi einen Klassiker auf dem Nachttisch liegen und als Motto der Romane werden immer wieder Zeilen aus der klassischen Musik zitiert. Die literarischen und musikalischen Verweise gehören genauso wie das immer gleiche Setting und die immer gleichen Personen zum ironischen Spiel mit dem immer wieder gleichen Erwartungen der Leser: Sie zu erfüllen und doch immer wieder kleine neue Varianten einzuschmuggeln, das ist die große Kunst der Donna Leon.

Neapolitanisches Temperament

Durch den ganzen Roman zieht sich erneut die von Donna Leon gebetsmühlenartig wiederholte Kritik am Massentourismus, der die Lagunenstadt allmählich zerstört und immer mehr Einheimische dazu zwingt, Venedig zu verlassen, weil sie die steigenden Mieten nicht mehr zahlen können. Und natürlich sind sie alle wieder dabei: Paola, die kluge Gattin, die Brunetti bei einem guten Essen die melancholischen Grübeleien austreibt; Chiara und Raffi, die aufgeweckten Kinder, die Brunetti das Herz erwärmen; Vice-Questore Patta, der arrogante Vorgesetzte, und Trenente Scarpa, der intrigante Polizist; Vianello, der aufopferungsvolle, nette Kollege, Signorina Elettra, die superkluge, sensible und sympathische Computer-Spezialistin. Aber es gibt neuerdings auch eine Kollegin, die es aus Neapel nach Venedig verschlagen hat, Claudia Griffoni, die mit ihrem südlichen Temperament und ihren kreativen Eingebungen die eingefahrenen Abläufe reichlich aufmischt.

Und Brunetti?

Commissario Brunetti streift diesmal noch müder und desillusionierter durch sein hassgeliebtes Venedig, und neigt neuerdings, von feuchten November-Nebeln eingehüllt, zu voreiligen Schlüssen. Seine Weltsicht wird immer trüber, seine Lust, sich durch den Schlamm der kriminellen Machenschaften zu wühlen und die Wahrheit über die sündhaften Verbrechen ans Tageslicht zu fördern, lässt spürbar nach. Er liest diesmal das antike Drama über die von Macht und Moral heillos zermürbte Antigone, und der Leser fragt sich, was wohl das Ganze ausweglose Verwirrspiel mit dem aus Georg Friedrich Händels "Esther"-Oratorium geklauten Motto zu tun hat. Denn da heißt es: "Das Gesetz verurteilt, / die Liebe verschont"?

Scheinbar geht es um Drogen, die vor den Schulen verkauft werden, und um Betrug im Gesundheitssystem, in Wirklichkeit aber geht es um moral-philosophische Überlegungen darüber, wie wir es im Alltag mit der Wahrheit und dem Gesetz halten. Eine Uni-Professorin erscheint bei Brunetti und bittet ihn um Hilfe, weil sie glaubt, ihr pubertierender Sohn nehme Drogen. Kurz darauf wird der gesetzestreue Gatte dieser besorgten Frau nachts schwer verletzt am Fuß einer Brücke gefunden und wird vielleicht nie wieder aus dem Koma erwachen.

Die Ermittlungen führen nicht nur ins Drogenmilieu, sondern auch zu einer alten Dame, die wertlose Apotheken-Coupons hortet. Ein vermeintlich gewissenloser Dealer erweist sich als ein von Krebs zermürbtes menschliches Wrack. Und eine von Schuld zermarterte Ärztin unterstützt einen gierigen Apotheker, nicht nur um die Schlupflöcher des Gesundheitssystems besser auszunutzen, sondern um ihrem behinderten Sohn ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Und Brunetti? Der möchte eigentlich nur noch in Ruhe Bücher lesen und sich die komplexe Lage mit einfachen Erklärungen zurechtbiegen: Ihm geht es wie allen Personen in diesem Roman, der betont langsam, ja fast langweilig daher kommt und doch einen seltsamen intellektuellen Sog entwickelt.

Einfühlsam und eindringlich

Eigentlich müsste im Titel ein Plural stehen, denn es sind alle Personen von "heimlichen Versuchungen" befallen: der eine ist raffgierig und peilt den leicht verdienten Profit an, die andere lässt sich aus Liebe zu ihrem Sohn zu unlauteren Handlungen verleiten. Einer spielt den Besserwisser und Rechthaber und will sich durch seine absolute Gesetzestreue eigentlich nur selbst erhöhen. Bei Brunetti und seinen KollegInnen ist die Versuchung groß, tiefgründige Recherche durch kurzschlüssige (Vor)Urteile zu ersetzen, das und führt zwischendurch zu fatalen Fehleinschätzungen und voreiligen Beschuldigungen.

Das Gesetz wird wie eine Monstranz vor sich her getragen, man will die Schuldigen dingfest machen, aber man tut sich schwer damit, zu lieben und zu verzeihen. Ja, es geht auch um Drogen, und ja, es geht auch um kriminelle Abzockerei im Gesundheitswesen. Aber eigentlich geht es darum, wie wir miteinander leben, warum wir so gern Gerüchten aufsitzen und alternativen Fakten trauen, wieso wir glauben, es reiche, der komplizierter werdenden Welt mit schnellen Antworten und kernigen Vorurteilen begegnen zu können. Nein, es ist eigentlich kein großer Spaß, den neuen Roman von Donna Leon zu lesen. Aber einfühlsam und eindringlich geschrieben und von einer unerschütterlichen humanen Hoffnung auf ein besseres anderes Leben getrieben ist trotzdem allemal.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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