Helmut Suter: "Honeckers letzter Hirsch - Jagd und Macht in der DDR"; Montage: rbb
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Sachbuch - Helmut Suter: "Honeckers letzter Hirsch - Jagd und Macht in der DDR"

In seinem aktuellen Buch widmet sich der Jagdhistoriker und Leiter des Schorfheidemuseums dem Jagdwesen von den letzten Kriegstagen 1945 bis hin zum Ende der DDR.

Gerade lief im Frühjahr ein spannender Dokumentarfilm über die Jagd in den Kinos. "Auf der Jagd – Wem gehört die Natur" von der Regisseurin Alice Agneskirchner, der mit so manchen Vorurteile aufräumte. Dennoch ist Jagd kein alltägliches Hobby und das war es auch nicht in der DDR. Dort hatten sich Honecker und andere Parteigrößen riesige Jagdgebiete gesichert, das wichtigste war sicher die Schorfheide. Der Jagdhistoriker Helmut Suter hat ein neues Buch vorgelegt mit dem schönen Titel "Honeckers letzter Hirsch".

Niemand kennt sich in der Jagdgeschichte der Schorfheide besser aus als der Leiter des Schorfheidemuseums im gleichnamigen Schloss. Helmut Suter hat schon einige Bücher über die Jagd in verschiedenen Epochen geschrieben. Er sucht in einer enormen Aktenfülle die Fakten und ist in der Lage, vieles davon als Anekdote zu erzählen. So auch die Geschichte von Honeckers letztem Hirsch ...

Der Herbst 89

Honecker wurde am 18. Oktober 1989 vom Politbüro abgesetzt, danach zog er sich sofort in sein Jagdidyll in die Schorfheide zurück, denn von Egon Krenz wurde ihm zugesichert, dass er dort weiter Haus und Jagdgebiet nutzen konnte. Er durfte sich auch noch seinen Personenschützer aussuchen, der mitfuhr.

Also war er in dieser Zeit Oktober/November 1989, als es in der DDR an allen Ecken brodelte, oft auf Jagd. So dann auch am 8. November, dem Tag vor dem Fall der Mauer. Honecker war auf Jagd, ahnte aber wohl nicht, dass es nun sein letzter Jagd Tag sein würde. Er erlegte nicht nur einen Hirsch, sondern drei Rot- und drei Damhirsche. Insgesamt hat er an den neun Jagd-Tagen im Oktober/November 32 Stück Wild erlegt.

Jagdwirtschaftlich gesehen ein Wahnsinn! In der Schorfheide wurden ja Tiere aus anderen sozialistischen Bruderländern ausgesetzt, um Honecker oder Erich Mielke den Spaß an der Jagd zu garantieren. Kurz danach musste er das Haus in Wandlitz und das Jagdhaus verlassen und es wurde in mehreren Punkten gegen ihn ermittelt und ein Verfahren angestrebt. Der Rest ist bekannt.

Hang zur Exklusivität

Insgesamt also führt Suter kenntnisreich vor, wie die Jagd in der DDR auch Ausdruck und Mittel der Diktatur war. Eigentlich galt in der DDR der Slogan: "Die Jagd gehört dem Volke." Im ganzen Land waren Tausende in den Jagdgenossenschaften organisiert. Aber die schönsten Jagdgebiete waren für sie tabu. Dort wollte die Staats- und Parteiführung ungestört vom Volke jagen. Denn neben dem Hang zur Exklusivität gab es natürlich auch die Angst vor Attentaten. Jäger haben Waffen - auch wenn die meisten Jäger sich immer ein Gewehr ausleihen mussten. Aber die Furcht vor dem Jäger, der nicht aufs Wild, sondern auf den Parteifunktionär im Lodenmantel anlegt, war groß.

Privileg der Jagd

Reservierte Reviere, luxuriöse Quartiere, beste Waffen und extra herangezüchtete Trophäenhirsche - Funktionäre wie Honecker  oder Stasi-Chef Erich Mielke und andere hatten über die Jahre das Privileg der Jagd für sich so ausgestaltet und beansprucht, dass sie sich damit in die Tradition von Königen, Kaisern und NS-Größen gestellt hatten. Das beschreibt Suter sehr detailreich, bezogen  auf die abgesperrten und gesicherten Waldflächen, die extra angeschafften Geländewagen, die Jagdhäuser, die ja  größtenteils aus der Staatskasse finanziert wurden. Anfang der 70er Jahre flossen noch 5 Millionen Ost-Mark dahin, 1987 waren es dann schon  20,5 Millionen Ost-Mark.

Gleichzeitig zeigt er auf, wie die DDR-Führungselite die Jagd auch für ihre Politik nutzte. Hier sind Entscheidungen getroffen, Intrigen ausgeheckt und Politiker wie Leonid Breshnew und Franz-Josef Strauß in der Schorfheide empfangen worden. Das ist alles nicht vollkommen neu, aber hier noch einmal stringent und in gewisser Weise auch spannend zusammengetragen worden.

Eine Fülle von Fotos und Dokumenten

Suter hat in seinem Band eine Fülle von Fotos und Dokumenten untergebracht, es ist keine nüchterne Abhandlung über die Jagd. Die Mischung von Text und Bild macht die Spannung aus. Das meint dann Fotos über frisierte Jagdfahrzeuge ebenso wie Urkunden, die Honecker von der obersten Jagdbehörde ausgestellt wurden, z. B. über seinen größten Hirsch  (152 kg), erlegt am 4. August 1987 oder auch Aufstellungen über die Größe aller offiziellen Staatsjagdgebiete der DDR. Insofern ein Buch über unsere jüngste Geschichte, anhand der Jagd. Übrigens mit vielen bislang unveröffentlichten Fotos!

Danuta Görnandt, kulturradio

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