Jean Echenoz: Ravel; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Jean Echenoz: "Ravel"

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Jean Echenoz nennt dieses Buch einen Roman. Jedenfalls: Eine Biografie ist es nicht.

Und das, obwohl auf dem Cover ein Foto des Komponisten Maurice Ravel zu sehen ist, sein Protagonist genau so heißt, den berüchtigten Bolero und das von dem einhändigen Pianisten Wittgenstein bestellte Klavierkonzert für die linke Hand komponiert. Er stirbt auch an demselben rätselhaften Hirnleiden wie Ravel. Aber lebt er, wie die historische Person gelebt hat?

Das ist ja die Frage, die man sich als Leser*in aller biografischen oder dokumentarischen Werke zwangsläufig stellt. Marie Antoinette zum Beispiel ist bei Stefan Zweig gewiss nicht dieselbe wie bei den Brüdern Goncourt. Geschriebene Biografie, das ist Behauptung, Mutmaßung, ja: Anmaßung.

Lehrstück in Sachen Biografie

Und Anmaßung, das ist ein Feld, auf dem Jean Echenoz, der Genre-Jongleur, der Ironiker, der Übertreiber, der Unernste, sich bestens auskennt. Sein letztes Buch war der durchgeknallte Sex-Crime-Polit-Anti-Thriller "Unsere Frau in Pjöngjang". Wie er nun mit seinem klirrenden, flirrenden, schwirrenden Instrumentarium dem kleinen zarten Ravel zu Leibe rückt, was er buchstäblich tut, ist ein kleines Lehrstück in Sachen Biografie.

Es ist ein lustiges Lehrstück, das sich auf Fakten wie die Speisenfolge am Silvesterabend 1927 für die Passagiere der 1. Klasse auf der "France" oder die aufeinander abgestimmten Farben seiner Hosenträger, Schuhe und Einstecktücher und dergleichen Marginalien stützt. Viele Biografien tun das. Man könnte solche Fakten nachprüfen – aber wer, außer irgendwelchen Spezialisten – will das schon?

Aber der Glutkern von Biografien sind die Stellen – mit und ohne Anführungszeichen. Das, was die dargestellte Person emotional, intim, vermeintlich authentisch zeigt. Automatisch sucht Leser*in danach. Aber Echenoz hat sie einfach weggelassen.

Ob Ravel je eine Liebesbeziehung hatte? Oder überhaupt jemals Sex? Mit einem Mann oder einer Frau, oder beiden und mehreren? Wir wissen es nicht, sagt Echenoz und lässt seinen Ravel in hektischer Verlorenheit herumhängen, seinem Hang zum Luxus frönen, seine zahllosen Gauloises rauchen und nach und nach seine Ausdrucksfähigkeit und Orientierung verlieren.

Nicht empathisch, eher lakonisch, mit nur den allernötigsten Adjektiven. So, mit dieser Distanz aus nächster Nähe, schafft er den Hallraum, in dem sich "Ravel", der Mensch und die Figur, in einer dritten Gestalt manifestieren kann: je nach Imaginationen und Projektionen seiner Leser. Und die schreiben so ihre eigene Ravel-Biografie.

Katharina Döbler, kulturradio

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