Khaled Khalifa: Der Tod ist ein mühseliges Geschäft; Montage: rbb
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Roman - Khaled Khalifa: "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft"

Bewertung:

Khaled Khalifas neuester Roman ist der erste, der auf Deutsch erscheint – und er ist brandaktuell.

Der syrische Essayist, Drehbuch-Schreiber und Roman-Autor Khaled Khalifa, geboren 1964 in Aleppo, gehört einer Generation an, die im Leben nichts anderes gekannt hat als das diktatorische Regime der Assad-Familie. Gleichwohl zeichnet er in seinen Romanen mutig ein kritisches Bild von Syrien unter dem Druck der Diktatur und des Bürgerkriegs, der nun schon seit sieben Jahren andauert. Deshalb sind seine letzten drei Bücher in Syrien verboten, kursieren aber im Lande als Raubkopien bzw. pdf-Dateien oder werden im Libanon gedruckt und nach Syrien eingeschmuggelt.

Obwohl er vom syrischen Geheimdienst schikaniert wird, will Khalifa weiterhin in Damaskus wohnen bleiben und nicht, wie viele seiner Schriftsteller-Kollegen, ins Exil gehen, denn er möchte weder im Mittelmeer ertrinken noch in der Fremde seine Identität verlieren.

Da er unverheiratet sei und keine Kinder habe, sei die Entscheidung, in Syrien zu bleiben, für ihn einfacher, sagt Khalifa in Interviews. Als einer der wenigen Intellektuellen Syriens harrt er im Lande aus, im inneren Exil, wie seinem Essay "Die Letzten eines leeren Landes" zu entnehmen ist. Sein neuester Roman "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" ist nun der erste, der auf Deutsch erscheint – und er ist brandaktuell.

Der syrische Bürgerkrieg ist nicht das Thema des Romans – er ist die Grundtatsache und Rahmenbedingung des Romans wie auch des Lebens in Syrien. Er hat das Land von innen heraus verwüstet, die Menschen zerrüttet und ihr zivilisatorisches Zusammenleben zerstört. Gewalt, Angst, Willkür und hunderttausendfacher Tod haben den Syrern eingeprägt, dass «der Mensch ein Packen Dokumente und Unterlagen, kein Wesen aus Leib und Seele» ist, wie es im Roman heißt.

Die Zerrissenheit des Landes spiegelt sich in der Zerrissenheit der Familien. Es gibt nichts mehr im Land, das Halt böte. Insofern ist "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" auch als Requiem auf das untergegangene Syrien zu lesen.

Dem Modell der Road Novel folgend, erzählt Khalifa von der Reise der drei Geschwister Hussain, Fatima und Bulbul, die den Leichnam ihres verstorbenen Vaters im Minibus von Damaskus in seinen Geburtsort, ein Dorf in Nordsyrien, überführen möchten, dem Letzten Wunsch des Vaters entsprechend, der in seinem Heimatdorf neben seiner Schwester begraben werden wollte.

Dass der Vater, ein pensionierter Lehrer, der zuletzt in seinem von Rebellen gehaltenen Wohnviertel in Damaskus einen Friedhof bewachte, eines natürlichen Todes gestorben ist, gilt als krasser Sonderfall, der "nur den Neid der Menschen weckt, deren Leben nichts anderes ist als quälende Todeserwartung". Denn das Leben in Damaskus ist "ein böser, aber realer Albtraum, der auf allen lastete – alle Bewohner der Stadt betrachteten einander als künftige Tote".

In Friedenszeiten wäre die 350 Kilometer lange Strecke auf der Autobahn Damaskus-Aleppo in wenigen Stunden zu bewältigen. Doch jetzt – der Roman spielt im vierten Bürgerkriegsjahr – dauert die Fahrt durch das verwüstete Land vier Tage und ist lebensgefährlich wegen der Heckenschützen, der Bombardements, der Sprengfallen und der zahllosen militärischen Checkpoints unterwegs.

Tausende von Toten liegen am Straßenrand und auf freiem Feld herum, "den Raubvögeln und den hungrigen Hunden zum Fraß". In Syrien ist der Tod ein mühseliges Geschäft – doch die menschenwürdige Bestattung der Toten ist womöglich noch mühseliger.

Die Reise-Route der Geschwister nach Norden ist gespickt mit Straßensperren, an denen sie von unterschiedlichen Kampftruppen aufgehalten, bedroht, schikaniert oder abkassiert werden. Egal, ob es sich um Assads Regierungstruppen, Geheimdienst-Agenten, Haufen ausländischer Söldner, Rebellen-Milizen oder islamistische Kämpfer handelt – Straßenräuber, Wegelagerer und Lösegeld-Erpresser sind sie allesamt.

Die Kontrollen sind wahllos und willkürlich und eskalieren zu immer groteskeren und absurderen Zumutungen. An manchen Checkpoints können die Geschwister die Offiziere mit Geld bestechen und sich mit einer sogenannten "Passiergebühr" freikaufen. An anderen wird der Leichentransport als "Ware" durchgewinkt. Doch an einem Checkpoint entdecken Assads Agenten den Namen des Vaters auf einer Fahndungsliste und verhaften den Leichnam als Terroristen – und seine Söhne gleich mit.

Und an einem Kontrollpunkt bärtiger Extremisten werden die Reisenden mit vorgehaltenen Schnellfeuergewehren auf ihre Koran-Kenntnisse getestet und schließlich für eine eingehendere Religionsprüfung zurückbehalten. Der Autor Khalifa findet für diesen absurden Road-Trip einen untergründig sarkastischen Tonfall, bei dem die grausige Komik inmitten des Schreckens immer durchklingt.

Während dieser Albtraum-Fahrt zersetzt sich der Leichnam des Vaters immer mehr, geht in Verwesung über und verpestet die Luft. Khalifa schreckt vor der Schilderung der grässlichen Details nicht zurück, doch sein Sinn fürs Makabre macht auch diese Ekel-Passagen erträglich.

Bei den Geschwistern sinken die zivilisatorischen Hemmschwellen bedenklich. Die Versuchung, den Kadaver einfach im Straßengraben zu entsorgen und sich davonzumachen, wird bei den dreien zeitweise übermächtig. Dass der väterliche Leichnam als Metapher für das zerfallende und sich zersetzende Vaterland Syrien gelesen werden kann, wird immer deutlicher.

Der Stress dieser Leichen-Fahrt lässt die Konflikte zwischen den Geschwistern immer unverhohlener ausbrechen. Die drei sind einander seit langem entfremdet, alle drei sind im Leben gescheitert und haben ihre Hoffnungen und Träume längst begraben. In Rückblenden während der Fahrt werden die Lebensgeschichten des Vaters und der Geschwister in die Road Novel eingesprenkelt. Es zeigt sich, dass die innersyrischen Konflikte tief in die Vergangenheit zurückreichen, bis in die Anfänge des brutalen Baath-Regimes.

Diese historischen Konflikte haben auch das Leben dieser zerstrittenen, entwurzelten Familie zerrüttet. In ihr spiegeln sich die nationalen Spannungen zwischen Tradition und Moderne, westlichem Säkularismus und Islamismus, Reformhoffnung und Staatsterror. Assads Gewalt-Regime hat den Wunsch nach einer demokratischen Revolution blutig unterdrückt. Die Menschen ducken sich seither in Todesangst und wollen nur noch überleben, irgendwie.

Auch die drei Geschwister haben sich weggeduckt und resigniert. Mutlosigkeit ist das Einzige, das sie verbindet. Fatima wollte einmal Lehrerin werden, doch aus ihr wurde eine unterdrückte, gedemütigte und rechtlose Hausfrau, die nur noch auf eines hofft – auf ein besseres Leben für ihre Kinder. Hussain war als Junge ein mutiger Draufgänger, doch er geriet auf Abwege, saß wegen Drogenhandels im Gefängnis und fristet nun sein Leben als Fahrer und Zuhälter russischer Tänzerinnen in einem Club in Damaskus.

Bulbul wiederum, der einst Philosophie studierte, aber erfahren musste, dass in Syrien "Denken als ein richtiges Verbrechen galt, das geahndet wurde", hat sich im Schatten des Assad-Clans in die Unscheinbarkeit geflüchtet: als Händler von Trockenfrüchten. Am Ende der Fahrt haben die drei einander nichts mehr zu sagen.

Khaled Khalifa gelingt es, in den einzelnen Stationen dieser Leichen-Fahrt quer durchs Land ein eindrückliches Panorama Syriens im Bürgerkrieg zu entfalten, gesehen aus der Perspektive der schweigenden, duldenden und leidenden Zivilbevölkerung. Den entmutigten Geschwistern stellt er eine stille Heldin des Widerstands entgegen, die unauffällig, aber beharrlich die Opposition im Lande unterstützt.

Eines macht der Roman überdeutlich: Niemand wird diese syrischen Gewalttätigkeiten je vergessen können – "auch nicht nach tausend Jahren".

Sigrid Löffler, kulturradio

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