Linn Ullmann: Die Unruhigen © Luchterhand
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Roman - Linn Ullmann: "Die Unruhigen"

Bewertung:

Altwerden ist harte Arbeit: Ein persönliches, exemplarisches Buch über berühmte Eltern, eine unruhige Familie und das Erschaffen von Geschichten

Eigentlich sollte es ein Buch mit Gesprächen werden. Ein gemeinsames Projekt des Vaters mit seiner Tochter. Als er spürte, wie er mehr und mehr vergaß, wie sich Leerstellen auftaten, ihm Namen nicht mehr einfielen, planten sie ein Buch über das Altwerden. "Altwerden ist harte Arbeit", sagte der Vater, "mit sehr langen Arbeitszeiten". Als er starb, 2007, hatten sie jedoch zu lange gewartet, sie hatten gerade erst angefangen mit den Gesprächen. Immerhin zwölf Stunden hatten sie aufgezeichnet.

Kann man ein Buch ohne Namen schreiben?

Die Transkripte durchziehen das Buch nun wie ein musikalisches Element, ein Grundgerüst. Dazu hat die Tochter Erinnerungen montiert, Szenen, Briefe. Einen Brief ihres Vaters zu ihrer Taufe zum Beispiel: "Ich glaube, dass du einen ziemlich großen Gegendruck auf das Dasein ausüben wirst, und das, das ist sicher gut." Auch wenn sie von der eigenen Kindheit und Jugend erzählt, als Tochter einer berühmten Schauspielerin, vom Leben zwischen New York, Los Angeles, Oslo und Stockholm, so liegt der Schwerpunkt dennoch beim Vater. Ein Vaterbuch.

"Ich hätte gern ein Buch ohne Namen geschrieben", schreibt Linn Ullmann im ersten Kapitel, "oder ein Buch mit sehr vielen Namen. Oder ein Buch, in dem alle Namen so alltäglich sind, dass man sie auf der Stelle vergisst". Wenn man als Tochter von zwei berühmten Eltern aufwächst – dem Regisseur Ingmar Bergman und der Schauspielerin Liv Ullmann - und selbst berühmt geworden ist – Linn Ullmann und ihr Mann Niels Fredrik Dahl sind in Norwegen ein prominentes Autorenpaar -  dann begegnet man Namen mit Skepsis.  

Wie authentisch ist die Erinnerung?

Dann stieß Linn Ullmann auf Marguerite Duras Roman "Der Liebhaber", in dem die Erzählerin ein "Ich" ohne Namen ist. Inspiriert davon beschloss Ullmann, in diesem Buch ebenfalls auf die Namen zu verzichten. In "Die Unruhigen" gibt es nun den "Vater" und die  "Mutter". Für sich selbst verwendet sie zwei Personalpronomen: "ich" und "das Mädchen". Zum Teil tauchen beide in einem Satz auf, doch das ist weder verwirrend noch ungelenk. Sondern richtet den Fokus auf das Wesentliche dieses Buches: das Nachdenken über die Authentizität der Erinnerung und über das Verhältnis von Eltern zu Kindern. Streckenweise vergisst man sogar, dass es sich bei "Vater" und "Mutter" um Ingmar Bergman und Liv Ullmann handelt und das Familiengefüge bekommt etwas Exemplarisches.

Der Titel "Die Unruhigen" bezieht sich auf die Familie der Ullmanns und Bergmans, die alle etwas Unruhiges umtreibt. Über die Mutter gibt es einen Satz, der auf die ganze Familie zuzutreffen scheint: "Diese Unruhe, die sie unablässig heimsuchte und von der sie nichts wissen wollte, dieser vage Verdacht, dass nichts so war, wie es sein sollte, oder so, wie sie es sich vorgestellt hatte". Liv Ullmann und Ingmar Bergmann lernten sich Mitte der 60er Jahre bei Dreharbeiten kennen, doch sie waren nur wenige Jahre zusammen. Die Tochter wuchs bei der Mutter auf, es war die unruhige Kindheit einer Schauspielertochter zwischen Oslo, Paris, New York

Was kann man über das Leben anderer wissen?

Einen großen Raum nehmen die Schilderungen der Ferien ein, die Linn Ullmann jedes Jahr beim Vater auf der Insel Farö verbrachte, oft waren auch Halbgeschwister dort. Ingmar Bergman hatte neun Kinder mit sechs Frauen, mit den Exfrauen verband ihn zum Teil eine lebenslange Freundschaft. Der Vater liebte strenge Regeln und führte akribische Listen, Pünktlichkeit war ihm ein hohes Gut. Die Kinder sollten ihn nicht bei der Arbeit stören, konnten ihn aber, mit Anmeldung, zu einer "Sitzung" im Arbeitszimmer besuchen. Dann saßen sie sich gegenüber, die Tochter und der Vater, teilten sich einen gemeinsame Hocker für die Füße und redeten über die Welt.

Mit "Die Unruhigen" hat Linn Ullmann keine Autobiographie geschrieben und keine Memoiren, auch wenn ein Großteil des Buches Familienszenen sind. Wer mit Eltern aufwächst, deren Berufe damit zu tun haben, das Leben zu Geschichten zu machen, der bringt eine Grundskepsis gegenüber dem vermeintlich Wahren mit.  Jede Erinnerung, jede Auswahl, jede Dramaturgie ist schon Fiktionalisierung: "In Wahrheit", schreibt Ullmann, "kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen, vor allem nicht über das seiner Eltern, und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln, die sie anschließend mit einer begnadeten Fähigkeit dafür erzählen, sich nicht im geringsten darum zu scheren, was wahr ist und was nicht.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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