Albert Ostermaier: Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut © suhrkamp | Ludwig Harig: Die Wahrheit liegt auf dem Platz © Hanser
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Zum Wiederlesen empfohlen - Albert Ostermaier: "Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut" | Ludwig Harig: "Die Wahrheit ist auf dem Platz. Fußballsonette"

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Seit gestern Abend rollt endlich in Russland der Ball: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eröffnet. Und spätestens mit dem Anpfiff des Turniers werden auch in den hiesigen Medien die kritischen Stimmen über inhaftierte Künstler und die kriminellen Doping-Praktiken in Russland leiser werden und wird sich allenthalben eine Fußball-Euphorie breitmachen. Auch viele Schriftsteller waren und sind leidenschaftliche Fußball-Fans. Ob Javier Marias oder Peter Handke, Nick Hornby oder Péter Esterházy, sie alle (und viele mehr) haben in unzähligen Gedichten und Essays, Romanen und Erzählungen ihre Freude am Rasen-Spiel in Literatur verwandelt.

Albert Ostermaiers Buch ...

Albert Ostermaiers Buch trägt den Titel: "Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut": Der Lyriker und Theaterautor weiß genau, wie ein Fußball-Torwart tickt und empfindet, denn er steht seit Jahren selbst im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, zusammen mit Autoren wie Moritz Rinke und Ralf Bönt, Friedrich Ani und Norbert Kron.

Das sind vielleicht nicht die ganz großen Schriftsteller aus der ersten Reihe der zeitgenössischen deutschen Literatur, sondern eher Autoren von der literarischen Ersatzbank, aber immerhin sind es keine ganz Unbekannten.

Und dass Ostermaier das Spiel lesen und antizipieren kann, dass er es mit all seinen Finessen und Finten, Spiel- und Winkelzügen, versteckten und offenen Fouls, Erfolgen und Niederlagen als Spiegel menschlicher Leidenschaften, Wünsche und Träume sieht und dem Spiel die Kraft antiker Dramen zuweist, davon erzählt er: als Schriftsteller und als Torwart, der eines ganz gewiss weiß - und Peter Handke deshalb auch vehement widerspricht: Wenn Handke in seinem gleichnamigen Buch von der "Angst des Tormanns beim Elfmeter" spricht, so hat er, laut Ostermaier, keine Ahnung, was im Torwart vorgeht: Der Torwart, so Ostermaier, hat vor nichts weniger Angst als vor einem Elfmeter, denn "Aug in Aug mit dem Strafstoßschützen kann er nur gewinnen": keiner erwartet, dass er das ungleiche Duell gewinnt, aber wenn er den Ball abwehren kann, ist er der Held und wird wie ein Fußball-Gott bejubelt und verehrt. Nein, die größte Angst hat der Torwart, der sich immer ins Getümmel stürzt und dort ist, wo es weh tut, nicht vor den unhaltbaren, sondern vor den haltbaren Schüssen, den Rollern, den Bällen, die nicht richtig getroffen werden, den Bällen aufs kurze Ecke, womöglich noch nicht einmal richtig gezielt, sondern einfach nur mit der Pike draufgehalten.

... eine kunterbunte Collage

Das Buch ist eine kunterbunte Collage aus Gedichten, Essays und Dramen. In einer dieser Theater-Skizzen - die sich wie ein dramatisches Zwiegespräch mit Peter Handke und seinem zum Dieb und Mörder werdenden Tormann liest - überfällt ein ehemaliger Fußballspieler, der nach seiner Karriere keinen Halt und keinen Sinn im Leben mehr findet, eine Bank und nimmt eine Geisel, und während draußen das Einsatzkommando der Polizei aufmarschiert und zum finalen Todesschuss ansetzt, lässt der Ex-Fußballer noch einmal sein verkorkstes Leben und seine längst verflogenen Fußball-Träume Revue passieren.

Als Fan vom FC Bayern München hat es Ostermaier natürlich vor allem Torhüter Oliver Kahn angetan, er ist für ihn ein Titan, ihm widmet er mehrere Hymnen und Oden; einmal macht er Shakespeare zum Fußball-Weisen, ein anderes Mal laufen Brecht und Benn übers literarische Spielfeld, schließlich widmet er auch Camus, dem vielleicht bekanntes Torhüter der Literatur-Geschichte ein Gedicht und schreibt unter dem Titel "der stein des anstoßes": "man muss sich camus als einen / glücklichen torwart vorstellen / er hatte kein problem mit bällen / die an ihm vorbei über die linie / schnellen das gehörte für ihn zum / existenziellen sich nicht lang zu / quälen und die kugel aus dem netz / zu holen während die horden hinter / seinem rücken auf kosten seiner / diastolen unverhohlen höhnisch johlen / (…) das spiel begann für ihn mit jedem / tor von neuem er hatte keine angst / vor elfmetern oder der hand gottes".

Von Camus und seinem glücklich den Stein rollenden Sisyphos über existenzielle Philosophie bis Peter Handkes Tormann und Diego Maradonas Hand Gottes: Hut ab, Herr Ostermaier, solch einen schwierigen literarischen Ball muss man auch erst einmal über die Torlinie bekommen!

Ludwig Harigs "Fußballsonette"

Ludwig Harig, der vor wenigen Wochen (am 5. Mai 2018) verstorben ist, hat seine literarischen Variationen der alten Fußball-Weisheit "Die Wahrheit ist auf dem Platz" als "Fußballsonette" bezeichne. Harig, ein Mitbegründer der konkreten Poesie und in seiner langen literarischen Karriere für seine Fußball-Obsession die verrücktesten Wortschöpfungen und Gedanken-Spiele bekannt, hat seine Fußball-Leidenschaft in der klassischen Form des Sonetts ausdrückt und alle seine Gedichte in die gleiche Form gegossen: Es sind immer 14 Zeilen, immer vier Strophen: zwei Strophen mit jeweils vier Zeilen und zwei Strophen mit jeweils drei Zeilen, und immer lautet das Reim-Schema: a,b,b,a / a,b,b,a / c,c,d / e,e,d. 

Die Fußball-Sonette erzählen von den Spielen der Europa- und Welt-Meisterschaften, vom Endspiel 1954 in Bern genauso wie vom Endspiel 1974 in München und in Rom 1990, sie erzählen davon, dass Fußball oft blanker Überlebenskampf ist und dass nur der modern spielt, der auch gewinnt; es geht um Mythen und Blamagen, um Bananenflanken und kühle Vollstrecker; sie erzählen - immer mit einem ironischen Unterton - von den alten Göttern, die im Fußballspiel zu neuen Leben erwachen und die Antike mit der Moderne verbinden.

Im "Zweiten alexandrinischen Sonett über den Fußball" schreibt Harig: "Im Fußball webt und wirkt verborgen die Ananke. / Es sind die Fäden nicht nach allen Seiten spinnbar. / Das Schicksal waltet blind. Besiegelt, unentrinnbar / entfaltet zwingend sich der taktische Gedanke. // Der kühne Doppelpass, die maßgerechte Flanke: / in dem Augenblick ist dieses Spiel beginnbar. / Zur Hälfte ists verlier-, zur Hälfte ists gewinnbar, / der Tormann letzten Ends, er hälts in seiner Pranke. // Allein sein Stellungsspiel, sein scharfer Blick des Argus: / Sepp Maier oder Kneib, Burdenski oder Kargus, / entscheidet über Sieg und über Untergang. // Ananke waltet blind. Ob Taktik, ob Massage, / ob irritiertes Spiel in falscher Trikotage: / kein Fußballstar entrinnt dem vorbestimmten Zwang."

Und kein Leser kann dem Sog der Sonette entrinnen und hält ein Buch in der Hand, das einem Fußball-Feld gleicht: Der Buchumschlag ist aus weichem, grünem Samt, darauf gemalt sind nicht nur Autor und Titel, sondern auch - wie auf einem richtigen Fußball-Rasen - alle Linien, Punkte und Kreise eingezeichnet: ein tolles optisches und haptisches Erlebnis! 

Frank Dietschreit, kulturradio

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