Paul Auster: "Das rote Notizbuch. Wahre Geschichten"; Montage: rbb
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Buch - Paul Auster: "Das rote Notizbuch. Wahre Geschichten"

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Alles Zufall? Auster sammelt in seinem "roten Notizbuch" einfach nur ein paar bizarre Geschichten, die ihm von Freunden und Bekannten zugetragen wurden, und er breitet ein paar groteske Erlebnisse aus, die er selbst in seinem Leben erfahren hat.

Gerade hatte der US-amerikanische Autor Paul Auster mit seinem 1200-seitigen Opus Magnum "4, 3, 2, 1" mit Identitäten und Erzählweisen sein feinsinniges literarisches Spiel getrieben und international für Furore gesorgt, da bringt sein deutscher Verlag schon wieder ein Buch des Schriftstellers heraus: Es trägt den Titel "Das rote Notizbuch" und versammelt "Wahre Geschichten". Auch wenn Auster-Fans glauben, das Buch bereits seit vielen Jahren zu kennen: Sie täuschen sich. Denn das erstmals 1995 in Amerika und 1996 in Deutschland veröffentlichte "rote Notizbuch" wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert, verändert und neu übersetzt. Es ist so, wie wir es jetzt in den Händen halten, vorher noch nie erschienen.

Bizarre Geschichten

Das "rote Notizbuch" liegt dem Autor nicht nur besonders am Herzen, es ist das intellektuelle und theoretische Zentrum seines gesamten Schaffens, ohne dass das Buch - und das ist ein wunderbar verwirrendes Paradox - intellektuell irgendwie auftrumpft oder irgendwelche theoretischen Grundlagen ausbreitet und diskutiert.

Im Gegenteil: Auster sammelt in seinem "roten Notizbuch" einfach nur ein paar bizarre Geschichten, die ihm von Freunden und Bekannten zugetragen wurden, und er breitet ein paar groteske Erlebnisse aus, die er selbst in seinem Leben erfahren hat. Doch ohne diese absurden Geschichten und seltsamen Erlebnisse - die erfunden scheinen und doch alle angeblich wahr sind - kann man all seine Romane - die "New-York-Trilogie", die "Brooklyn-Revue", das "Buch der Illusionen", die "Nacht des Orakels" usw. - kaum verstehen und entschlüsseln.

Gern wird im Feuilleton darauf verwiesen, dass Auster dem Poststrukturalismus eines Derrida und der Psychoanalyse eines Lacan verpflichtet ist, die Welt mit Transzendenz und Symbolik neu ordnen und mit Hilfe von Sprache neu erfinden will: Das ist alles richtig, doch letztlich nur graue Theorie. Was Auster wirklich beschäftigt, ist die unerklärliche Erfahrung, dass die Welt und damit auch das eigene Leben und die eigene Literatur nur von einem bestimmt wird: von der Macht des Zufalls.

Der Zufall regiert die Welt

Das Leben, das hat er immer wieder erfahren und in seinen Romanen beschrieben, hängt am seidenen Faden: Der Zufall regiert die Welt, wer du bist und was du wirst, hängt oft allein davon ab, welche Entscheidung du an einer unscheinbaren Wegmarke deines Lebens triffst, oder ob du die Telefonnummer wählst, die auf einem Zettel notiert ist, den du zufällig im Hotel unter einem Stuhl findest.

Es gibt kein Buch von Auster, in dem der Zufall nicht eine entscheidende Rolle spielt und darüber entscheidet, ob die Protagonisten weiter in einer Welt leben dürfen, die ohnehin nicht aus Wirklichkeit, sondern aus Sprache gebaut ist.

Zuletzt hatte Auster im Roman "4, 3, 2, 1" unter dem Motto: "Was wäre geschehen, wenn …" am Beispiel von Archibald Ferguson gleich viermal das "Zufallsprinzip" durchgespielt und vorgeführt, welche Variationen möglicher Identitäten eine Lebensgeschichte haben kann, wenn man an einer bestimmten Stelle aus dem Tritt gerät, dem Schicksal in die Quere kommt, dem Tod zufällig von der Schippe springt. 

Vollkommen wahr

Auster ist erst 14, als ihm schmerzlich bewusst wird, wie wenig ein Leben wiegt und wie schnell es vorbei ist: Bei einer Jugendfreizeit geraten er und ein Freund in ein heftiges Gewitter. Während sein direkt neben ihm stehender Freund vom Blitz erschlagen wird, kommt Paul mit dem Schrecken davon.

Auster hat dieses traumatische Erlebnis oft erzählt und vielfach literarisch variiert. Und natürlich findet sich die Ur-Fassung dieser Geschichte in seinem "roten Notizbuch", in dem er all die seltsamen Wechselfälle des Lebens gesammelt hat, die kuriosen Begegnungen und bizarren Zufälle, die vollkommen verrückt erscheinenden Ereignissen, die jeder Logik spotten und doch, darauf besteht er mehrfach ausdrücklich, nicht erfunden, sondern vollkommen wahr sind. 

Unglaubliche Geschichten

In einer erzählt er davon, dass es ihm in jungen Jahren einmal besonders dreckig geht und er als unbekannter Autor, den es von New York nach Paris verschlagen hat, fast am verhungern ist: Da taucht zufällig ein unbekannter Retter am Horizont auf und will ihn unbedingt - und niemand weiß: warum eigentlich? - zum Essen einladen und ihn - völlig uneigennützig - unterstützen.

In einer anderen Geschichte berichtet er, wie er sich einmal abends im Stadion bei einem Baseballspiel bückt, um eine am Boden liegende Münze aufzuheben, und es ist - das kann doch aber gar nicht wahr sein! - dieselbe Münze, die er morgens vor seinem Haus in Brooklyn verloren hat.

Oder ein Freund berichtet ihm, wie ein vergriffenes Buch, nach dem er seit langem vergeblich gesucht hat, plötzlich in den Händen einer fremden Frau auftaucht, die das Buch gerade liest, während sie lässig die Straße lang flaniert und sich dann lächelnd an ein Marmorgeländer lehnt. Als Austers Freund die Frau anspricht und ihr erzählt, wie sehr ihm gerade an diesem Buch liegt, antwortet sie: "Nehmen sie meins." Und als der überraschte Mann zur Frau sagt: "Aber das gehört doch Ihnen", meint die Frau nur lächelnd: "Es hat mir gehört, aber jetzt bin ich damit fertig. Ich bin heute hierher gekommen, um es Ihnen zu schenken." Man mag es nicht glauben, aber es hat sich, angeblich, genau so zugetragen. 

Eine besonders schöne Geschichten

Besonders schön ist jene Geschichte, die einen kuriosen Faden zwischen Auster und seiner Gattin, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, spinnt. Die Geschichte, die ihm vor vielen Jahren von einem Freund erzählt wird, handelt zunächst von zwei jungen amerikanischen Frauen, die sich nicht kennen, aber beide nach Taiwan reisen, um dort chinesisch zu lernen und zu studieren. Die beiden Frauen aus New York begegnen sich zufällig in Taipeh und stellen fest, dass ihre in New York lebenden Schwestern sich zwar (noch) nicht kennen, aber doch im gleichen Haus wohnen.

Eine dieser Schwestern heißt Siri Hustvedt: Das weiß Auster aber nicht, als ihm diese Geschichte (die von den beiden Frauen in Taiwan und ihren zwei Schwestern in New York handelt) erzählt wird, er kennt Siri Hustvedt noch gar nicht: Aber er wird sie bald zufällig kennen lernen und später auch heiraten.

Und beide werden - um der geheimnisvollen Begegnungs-Spirale noch einen weiteren rätselhaften Dreh zu geben - viele Jahre später zufällig von einer fremden Frau in einer Buchhandlung angesprochen, die ihnen die genauen Zusammenhänge erklärt: Nämlich dass ihre Schwester und Siris Schwester zusammen in Taipeh studiert haben. 

Die Welt ist ein Dorf

Die Welt, lernen wir, ist ein Dorf. Der Mensch ist klein, aber die Literatur ist groß. Und Paul Auster ist einer der ganz großen Autoren, einer, der in den Falten der Zeit das Verdrängte und in den Schwarzen Löchern der Fantasie das Vergessene sucht und uns davon erzählt, warum das Schicksal ungewiss ist, aber doch nur einen Namen hat: Zufall. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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